Liquid Ecstasy
Versuchte Vergewaltigung: Er mixte ihr K.O-Tropfen in den Erdbeer-Shake

Unter einem Vorwand gelangt Bauarbeiter Marc in die Wohnung einer jungen Frau. Jetzt hat ihn das Obergericht wegen versuchter Vergewaltigung verurteilt.

Mario Fuchs
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GHB - auch bekannt als K.O.-Tropfen

GHB - auch bekannt als K.O.-Tropfen

Keystone

Marc* macht einen guten Eindruck. Der junge Mann kommt in dunklem Sakko und blauen Jeans daher, sein Hemd ist gebügelt, sein Bart frisch frisiert. Er sieht aus, als sei er bereit für den Ausgang – doch hat er an diesem Donnerstag bloss Ausgang, um vor Gericht zu erscheinen. Einzig die Handschellen passen nicht recht zum Outfit.

Rückblende: 2013, eine Überbauung in Oftringen. Marc, 25, ist in Arbeitskleidern unterwegs, als Bauspengler. Doch: Er leidet an der Persönlichkeitsstörung Pseudologia phantastica, lügt und übertreibt krankhaft, um «besser dazustehen, als ich in Wirklichkeit bin», wie er dem Gericht in Aarau erklärt. Was er sucht, sind Geltung und Anerkennung. Sein Ziel auf der Baustelle in Oftringen: Er will seinem Chef imponieren. «Ich wollte zeigen, dass ich gute Arbeit geleistet habe.» Mit einem Messgerät will er die Ergebnisse überprüfen, sprich die Feuchtigkeit in einer von ihm isolierten Wohnung messen.

Zettel durch das Katzentürchen

Im Parterre wohnt Nadine*, fast gleich alt wie er. Ihr schiebt er einen Zettel durch das Katzentürchen. Sie solle ihn anrufen, da er für Feuchtigkeitsmessungen dringend in ihre Wohnung müsse. Nadine ruft noch am gleichen Tag an. Es ist ein Freitag, sie sagt ihm, sie wolle noch ausgehen, habe nicht viel Zeit.

Marc freut sich über den schnellen Rückruf – noch mehr aber über die Stimme, die ganz nach einer jungen hübschen Frau klingt. Zu Hause erklärt Marc seiner Freundin, er müsse nochmals los, um Fenster zu montieren. Bevor er geht, packt er eine Flasche ein. Inhalt: GBL, Gamma-Butyrolacton, auch bekannt als Liquid Ecstasy oder K.-o.-Tropfen.

Im Auto entscheidet sich Marc um. Noch mehr als die Feuchtigkeitsmessungen würde ihn nämlich interessieren, wie eine junge Frau auf ein paar K.-o.-Tropfen reagieren würde. Nadine öffnet ihm die Tür. Marc träufelt in mehreren Räumen etwas von der Partydroge auf den Boden und erklärt der Ahnungslosen, er könne die Messung erst durchführen, wenn die Flüssigkeit verdunstet sei. «Das war reines Schauspiel», gibt Marc heute zu.

Während der «Trocknungszeit» macht sie ihm Kaffee. Sie steht in der Küche, ihr angefangener Erdbeershake neben Marc auf dem Esstisch. Marc nutzt die Gunst der Sekunde, leert Liquid Ecstasy hinein. Nadine trinkt davon, kann Marc aber noch aus der Wohnung geleiten.

Der sagt, er habe bloss schauen wollen, wie sie reagiere: «Ich hab mir von ihr nichts erhofft, wollte nur das Experiment machen.» Das Obergericht sieht das anders.

Es verurteilt Marc wegen versuchter Vergewaltigung, einfacher Körperverletzung und Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren. Marcs Hausbesuch sei «sicher in irgendeiner Weise sexuell motiviert» gewesen.

Im Januar hatte das Bezirksgericht Zofingen auf versuchte vorsätzliche Tötung und 4,5 Jahre Freiheitsstrafe entschieden. Sowohl der Staatsanwalt als auch der amtliche Verteidiger gingen in Berufung, der eine wollte eine höhere Strafe, der andere eine mildere. Für Marc heisst das neue Urteil, dass er bald freikommt. Weil er seit zwei Jahren in Untersuchungshaft und vorzeitigem Strafvollzug sitzt, bleibt er nur noch ein halbes Jahr hinter Gittern.

*Namen geändert

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