Radioaktivität

«Verstrahlte» Wildschweine beunruhigen den Süden Deutschlands – Aargau gibt Entwarnung

Wildschweine fressen gerne Pilze – und nehmen so auch Cäsium 137 auf.

Wildschweine fressen gerne Pilze – und nehmen so auch Cäsium 137 auf.

In Süddeutschland ist 30 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe immer noch jedes sechste Wildschwein verstrahlt. Müssen wir uns auch jenseits der Grenze sorgen? Die Aargauer Kantonschemikerin gibt Entwarnung: Eine genauere Untersuchung von Wildschweinfleisch im Aargau und in Zürich hat ergeben, dass hiesige Bestände nicht übermässig mit Cäsiumresten belastet sind.

Es war ein trauriger Jahrestag. Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl jährte sich am 26. April zum 32. Mal. Die giftige Wolke, die 1986 über Europa zog, hat sich längst verzogen. Doch die Spätfolgen sind noch immer spürbar. Auch bei uns.

So sind in Süd-Deutschland Wildschweine weiterhin stark strahlenbelastet. Das teilte kürzlich der «Südwestdeutsche Rundfunk» mit. Bei fünf bis zwanzig Prozent der getesteten Tiere wurde der Grenzwert bei Cäsium 137 überschritten. Ihr Fleisch sollte nicht verzehrt werden, warnen Ärzte. Lagert sich das Radionuklid im Knochengewebe des Menschen ab, droht als Spätfolge Blutkrebs, also Leukämie.

Der Rhein ist keine Grenze

«Verstrahlte» Wildschweine finden auch den Weg in die Nordwestschweiz. Die Tiere sind wanderfreudig – und gute Schwimmer: Der Rhein stellt für sie kein grosses Hindernis dar. Zudem ist Cäsium 137 sehr langlebig. Es gilt als «der lange Schatten von Tschernobyl». Wandern die «radioaktiven»  Wildschweine auch in den Aargau? Ist einheimisches Fleisch ebenfalls verseucht?

Wildschweine queren den Rhein

Wildschweine queren den Rhein

Die Aargauer Kantonschemikerin Alda Breitenmoser gibt Entwarnung. Sie stützt sich dabei auf Messungen aus dem Jahr 2015. Damals untersuchten Amtstierärzte und Jäger 298 Aargauer Wildschweine. War der Schwellenwert überschritten, wurde zur Bestätigung ein Stück Muskelfleisch im Labor untersucht. Drei solcher Bestätigungsproben wurden im Labor überprüft, alle Messungen ergaben ein negatives Resultat. Im Jahresbericht des Amts für Verbraucherschutz ist im Jahr 2015 festgehalten: «Es ist sehr erfreulich, dass keine stark mit Cäsium 137 kontaminierten Wildschweine gefunden wurden». Weil es auch drei Jahre später keine Hinweise auf Änderungen gibt, sieht Breitenmoser keinen Anlass, aufgrund der Meldungen aus Süddeutschland erneut Messungen durchzuführen. Auch im Kanton Zürich wurden dieselben Messungen durchgeführt, ebenfalls ohne einen einzigen positiven Befund. Beide Basel verzichteten gänzlich auf Tests.

Holger Stockhaus, Leiter des Amts für Wald beider Basel, erklärt: «Wildschweine aus belasteten Gebieten, die den Weg in die Nordwestschweiz fänden, sind kaum stark belastet. Es handelt sich in solchen Fällen wahrscheinlich um junge Keiler, sie sind wanderfreudig.» Weil Jungtiere noch gar nicht so viel Nahrung aufgenommen haben, seien auch ihre Strahlenwerte nicht übermässig hoch.

Dass die Aargauer Wildschweine weniger verstrahlt sind, hat aber vor allem mit der Wetterlage im Frühling 1986 zu tun. So waren Süddeutschland wie auch das Tessin stärker von Niederschlägen betroffen. Der sogenannte Fallout mit radioaktivem Staub aus der Sowjetunion hatte sich dort stärker in den Böden abgesetzt und wird heute besonders von Wildschweinen auf der Nahrungssuche nach Pilzen und Wurzeln aufgewühlt.

Nur 2 von 43 bayrischen Wildschweinen nicht belastet:

Tschernobyl: Wie verstrahlt sind bayerische Wildschweine? - Faszination Wissen

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Wildschwein-Fleisch gilt als eins der am stärksten verstrahlten Lebensmittel. Wie verstrahlt ist es in Bayern, einer Region, die besonders viel Radioaktivität von Tschernobyl abbekommen hat? Autorin: Iska Schreglmann. Mehr Wissen gibt's unter: http://www.br.de/faszination-wissen

Der süddeutsche Raum war von der Atomkatastrophe von Tschernobyl besonders betroffen. In Oberschwaben, teilweise aber auch im Hochschwarzwald wird bis heute stark erhöhte Radioaktivität gemessen. Das hatte mit Niederschlägen nach dem 26. April 1986 zu tun. Die stark kontaminierten Gebiete hatten einfach das Pech, dass es bei ihnen gerade regnete, als die radioaktive Wolke über sie hinweg zog.

Cäsium 137 lagert sich im Boden ab. Dort wird es unter anderem vom Hirschtrüffel aufgenommen. Er ist für den Menschen als Speisepilz uninteressant – bei Wildschweinen hingegen gilt er als Delikatesse, sie verzehren ihn in rauen Mengen. Mit dem Pilz landet auch das eingelagerte Cäsium 137 im Körper der Allesfresser. Das macht die Tiere zu einem wichtigen Bio-Indikator für Radioaktivität.

Anders sieht es im Kanton Tessin aus. Erst 2016 musste für den Verkauf bestimmtes Fleisch zerstört werden. Auch die Südschweiz wurde 1986 von der Giftwolke heimgesucht.

Ganz untätig geblieben ist man in der Schweiz aber nicht. Erst im vergangenen Jahr wurde der Grenzwert für Radionuklide in Wildschweinfleisch gesenkt. Er ist nun nicht mehr doppelt so hoch wie in Deutschland und in der Europäischen Union. Dort lag die Limite bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Zuvor hatte in der Schweiz der Grenzwert von 1250 Becquerel gelegen.

Bund wollte Grenzwerte tilgen

Dabei sahen die Pläne des Bundes noch vor wenigen Jahren ganz anders aus. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) war 2016 sogar daran, die Strahlengrenzwerte für Lebensmittel abzuschaffen – nur fünf Jahre nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima.

Die Grenzwerte hätten dann zwar noch gegolten, jedoch nur im Falle eines Ereignisses – also eines erneuten Störfalls. Dann wäre es aber womöglich zu spät gewesen, warnte die Schweizer Sektion von «Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (IPPNW). Denn es sei wichtig, dass ständig Messungen stattfänden – damit die Kantonslabore das teure Equipment behalten und kein Know-how verloren geht. Das BLV lenkte ein: Die Grenzwerte blieben dauerhaft erhalten.

So ist auch das Basler Kantonslabor weiterhin daran, die Radioaktivität in Lebensmitteln zu messen, etwa bei Wildbeeren und Pilzen. Noch immer finde man Fallout, der auf Tschernobyl zurückzuführen sei, sagt Kantonschemiker Hübner: «Am deutlichsten sehen wir das beim Türkischen Tee.»

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