Es passiert selten, dass sich Anhänger der Zeugen Jehovas gegenseitig vor Gericht zerren.

Gestern hatte das Obergericht in einem solchen Fall zu urteilen. Es ging dabei um Robert Müller* und vier Zeugen Jehovas in leitender Funktion.

Müller ist seit 50 Jahren Mitglied der umstrittenen Glaubensgemeinschaft.

Auch heute noch bezeichnet er sich als Zeuge Jehovas, obwohl ihn die Versammlung vor neun Jahren ausgeschlossen hat. Seine Frau wurde ebenfalls verstossen, weil sie zu ihrem Mann hielt.

Der Vorfall, um den es geht, liegt neun Jahre zurück: Der Ältestenrat, die Leitung der Zeugen Jehovas, bezeichnete Robert Müller als Betrüger.

Er soll die Bilanz beim Verkauf einer privaten Liegenschaft gefälscht haben. Wie in solchen Fällen üblich, wurde eine interne Rechtskommission einberufen und Müller wurde im biblischen Sinne des Betrugs schuldig gesprochen.

Die Ältestenleitung verlangte, dass er sich für den Betrug entschuldigen solle. Robert Müller sagt: «Warum soll ich mich für etwas entschuldigen, das ich nicht getan habe?»

Seine Vermutung: Der Ältestenrat wollte ihn nicht mehr in der Gemeinschaft und suchte einen Grund, um ihn auszuschliessen. Das tat der Rat dann auch. Auf Anweisung der Zentrale, wie Müller sagt.

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Müllers einstige Freunde der Gemeinschaft schauen seither weg, wenn sie das Ehepaar auf der Strasse sehen. Trotzdem gehen die beiden jeden Samstag in die Versammlung. Obwohl auch dort niemand mit ihnen spricht – aus Angst, ebenfalls ausgeschlossen zu werden, wie Müllers erklären. Sogar ihre Kinder durften nicht mehr mit ihnen reden.

Trotz allem sagt Müller: «Im Herzen und in der Gedankenwelt sind wir noch immer Zeugen Jehovas.»

Es gehe ihnen nicht darum, die Glaubensgemeinschaft anzugreifen. Wohl aber seien sie gegen jede Form von Extremismus.

Der Anhänger der Zeugen Jehovas, die in den Bahnhofunterführungen stehen und ihre Zeitschrift «Erwachet» anbieten, sagt: «In der Hauptzentrale müssen sie endlich erwachen und einsehen, dass es Machtmissbrauch gibt in der Gemeinschaft.»

Überraschender Freispruch

Robert Müller liess sich den Ausschluss nicht gefallen und verzeigte die Mitglieder, die das zu verantworten hatten, wegen übler Nachrede. Das Bezirksgericht Kulm gab ihm 2012 Recht. Die vier Zeugen Jehovas wurden schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe verurteilt.

Diese legten allerdings Berufung ein und forderten einen Freispruch.

Warum der umstrittenen Glaubensgemeinschaft dieser Freispruch so wichtig ist, erklärte der Verteidiger in seinem Plädoyer:

Es sei eine Notwendigkeit im Sinne einer Verteidigung ihres Rechts auf Religionsfreiheit und ihres Gewissens, da sie sonst an der Erfüllung ihres göttlichen Auftrags gehindert wären und «damit in Gefahr stünden, die Gunst Gottes zu verlieren».

Vor Gericht erschien zwar keiner der vier Beschuldigten. Wohl aber ein zweiter Verteidiger und zwei weitere als Berater bezeichnete Herren, die sich eifrig Notizen machten.

Die Überraschung: Das Obergericht sprach die vier beschuldigten Zeugen Jehovas von aller Schuld frei.

Begründung: Zwar sei es ehrverletzend, einen Menschen als Betrüger zu bezeichnen, da Robert Müller aber eingewilligt habe, die Sache vom Rechtskomitee der Zeugen Jehovas untersuchen zu lassen, habe er damit auch deren Regeln anerkannt. Es sei nicht die Aufgabe eines Gerichts religiöse Verhaltensvorschriften zu beurteilen.

Wie versteinert blieb Müllers Frau nach der Urteilseröffnung im Gerichtssaal sitzen. Sie trug eine weisse Jacke, die sie während der Verhandlung nie abgelegt hatte. Ihr Mann war enttäuscht. Er liess es offen, ob er den Fall ans Bundesgericht weiterziehen will.

Trotz allem bleiben Müllers dabei: «Die Lehre der Zeugen Jehovas ist gut.»

Glücklich war das vierköpfige Anwaltsteam der Glaubensgemeinschaft. Die Anwälte klopften sich auf die Schultern – zum Urteil äusserten sie sich nicht.*Name geändert