Abstimmung

Das sagen die Schüler und Studenten zum neuen Aargauer Stipendiengesetz

Aus der Sicht der Betroffenen: Schüler der Kantonsschule Wettingen luden Politiker zur Diskussionsrunde in die Mensa und konfrontierten sie mit Fragen zum Stipendiengesetz.

Bisher waren bei den Diskussionen um das neue Stipendiengesetz die Politikerinnen und Politiker praktisch unter sich; entsprechend wurde auch vorwiegend finanz- und bildungspolitisch und oft auch recht theoretisch argumentiert. Dem Politikclub der Kanti Wettingen war das zu wenig. Deshalb setzte er einen Gegenpol und bat zum Polittalk und zwar für einmal aus Sicht der Betroffenen: Die Mittelschülerinnen und -schüler wollten aus erster Hand erfahren, warum der Aargau der knausrigste Stipendien-Kanton in der Schweiz werden will und wozu das gut sein soll.

Die beiden Grossräte Ralf Bucher (CVP) und Christoph Hagenbuch (SVP) traten als Befürworter des neuen Gesetzes auf, Grossrat Maurus Kaufmann (Grüne), Mia Jenni (Co-Präsidentin Juso) und Aurel Gautschi (Präsident Aargauer Schülerorganisationen) wehrten sich dagegen.

Verschiedene Mitglieder des Politikclubs teilten die Moderation unter sich auf. Alle Podiumsteilnehmer gaben zu Protokoll, dass sie während ihrer Ausbildung nicht auf Stipendien angewiesen waren oder sind; lediglich Ralf Bucher erhielt einst ein Darlehen von 5000 Franken vom Kanton, das er pünktlich zurückbezahlt hat.

Unklar, wie viel gespart wird

Bucher erklärte den Mittelschülern die finanzpolitischen Überlegungen, die zum Splittingmodell geführt haben: Der Kanton muss sparen, wo immer es möglich ist. Natürlich sei es für die Betroffenen nicht angenehm, wenn künftig ein Drittel der Studienbeiträge nur noch als zinsfreie Darlehen ausgerichtet würde, sagte Bucher. Und Hagenbuch doppelte nach: «Diese Regelung ist verkraftbar.»

Was wiederum von Mia Jenni energisch in Abrede gestellt wurde. Es widerspreche der Chancengleichheit, wenn sich ausgerechnet Studierende aus eher ärmeren Elternhäusern verschulden müssten. Und Aurel Gautschi wehrte sich gegen Hagenbuchs These, dass Studierende nach dem Studium rasch viel verdienen könnten. «Tatsache ist, dass viele Studierende nach Studienabschluss erst noch Praktika oder teure Zusatzausbildungen absolvieren müssen, bis sie ins Berufsleben einsteigen können.»

Maurus Kaufmann berief sich auf eine Statistik aus den Kantonen Uri und Wallis. Beide Kantone kennen das Splittingmodell – und in beiden Kantonen führte es zu einer merklichen Verlängerung der Studiendauer, da viele Studierende lieber neben dem Studium arbeiten, anstatt sich zu verschulden. Die längere Studiendauer führt aber zu höheren Kosten für den Kanton. Pro Jahr und Person entrichtet der Kanton 17'000 Franken Studiengebühren an die Universitätskantone.

Einhellig sagten die Gegner, es sei nicht klar, ob und wie viel der Kanton mit der neuen Regelung überhaupt sparen werde. Sowohl Bucher als auch Hagenbuch bestätigten, dass sich keine präzisen Voraussagen machen lassen, ob tatsächlich 2,4 Millionen Franken pro Jahr eingespart werden können. Zumal der Kanton ja zusätzliches Personal brauchen würde, um die rund 1200 Darlehen zu bewirtschaften, die pro Jahr gesprochen werden.

Auf die Frage der Moderatorin, wo man denn sonst in der Bildung sparen könnte, antwortete Kantonsschüler Aurel Gautschi: «Meiner Meinung nach könnte man ohne Verlust die Akzentfächer an der Kanti reduzieren oder ganz auf sie verzichten.» Da ging ein Raunen durch Löwenscheune der Kanti Wettingen. Christoph Hagenbuch präsentierte einen bekannten Vorschlag: Er möchte die Schulzeit bis zur Matur von 13 auf 12 Jahre verkürzen. Und Mia Jenni wehrte sich für die Akzentfächer, die sie früher sehr geschätzt habe. Zudem stelle sich die Sparfrage in der Bildung gar nicht. Die Frage sei vielmehr, wie der Kanton zu mehr Einnahmen komme.

Mittelschüler denken anders

Zwischendurch verteilte man sich an drei Tische, an denen einzelne Aspekte mit den anwesenden Grossräten vertieft diskutiert werden konnten. Dabei zeigte sich, dass die allermeisten Mittelschüler die Vorlage ablehnen werden, sofern sie überhaupt abstimmen. Und dass sie wohltuend ausserhalb der klassischen politischen Denkmuster funktionieren.

So entwickelte einer der Schüler bereits eine mögliche Lösung, wie er trotz dem neuen Gesetz Stipendien beziehen könnte, ohne sich zu verschulden: «Ich würde den Darlehensanteil sofort wieder zurückzahlen und nur den Stipendienanteil behalten.» Alles in allem: ein gelungener Anlass mit ungewohnten Fragen und gut zuhörenden Teilnehmenden auf dem Podium. Die Initianten der Staatskunde-Initiative hätte ihre helle Freude am gutbesuchten Anlass und am freiwilligen Politikclub der Kanti Wettingen gehabt.

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