Kraftwerk Klingnau

Versiegtes Aare-Gold – wegen des Gifts deutscher Milliarden-Subventionen

Ernst Werthmüller, Verwaltungsrat der Axpo, im Kraftwerk Klingnau.

Ernst Werthmüller, Verwaltungsrat der Axpo, im Kraftwerk Klingnau.

Die Strompreise sind im Keller und für die neuen Konzessionäre des Klingnauer Wasserkraftwerks, Axpo und AEW Energie AG, lohnen sich grosse Investitionen nicht. Doch zum Glück laufen die drei 80 Jahre alten Turbinen noch wie am ersten Tag.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Am Unterlauf der Aare machten die Menschen diese Erfahrung schon vor 80 Jahren, mit dem Heimfall geht es den neuen Inhabern jetzt nicht besser.

In der schweren Wirtschaftskrise waren die Schweizer froh um Arbeit. Das Geld für den Bau des Kraftwerks Klingnau von 1931 bis 1935 kam aber primär vom Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE) in Essen. 

Die Deutschen übernahmen zu Beginn auch allen Strom, mangels Bedarf hierzulande, und beteiligten sich mit 30 Prozent an den Aarewerken AG. Befürchtungen früher Naturschützer, die Gegend würde punkto Tier- und Pflanzenwelt verarmen, traten nicht ein.

Im Gegenteil: Der Klingnauer Stausee entwickelte sich rasch zum Vogelparadies von europäischer Bedeutung – obwohl er die wilde und dynamische Flusslandschaft von vor der Aarekorrektion nur bruchstückhaft ersetzen konnte.

Heimfall und Preiszerfall

Just in die goldene Zeit der Wasserkraft fielen ab 2008 Diskussion und Planung des Heimfalls an den Kanton. AEW und Axpo hielten mit 49,88 Prozent keine Mehrheit, neben der RWE waren auch BKW und Alpiq mit je rund zehn Prozent beteiligt.

Alle diese Partner wollten weiterhin vom weissen Gold profitieren, es gab ein Gegenangebot. «Aber wir wollten das Kraftwerk unbedingt selber haben», sagt Ernst Werthmüller als VR-Mitglied der Axpo und VR-Präsident der AEW Energie AG. Als gleichzeitiger VR-Präsident der Aarewerke AG musste er auch deren Interessen wahrnehmen.

Das Wasserkraftwerk Klingnau: Die drei 80 Jahre alten Kaplan-Turbinen samt Generatoren laufen noch, dank bewährter Technik von Brown Boveri Baden, wie am ersten Tag.

Das Wasserkraftwerk Klingnau: Die drei 80 Jahre alten Kaplan-Turbinen samt Generatoren laufen noch, dank bewährter Technik von Brown Boveri Baden, wie am ersten Tag.

Schliesslich vergab die Regierung die Konzession mit 60 und 40 Prozent an Axpo und AEW – aus heutiger Optik viel zu teuer. «Obwohl der Kanton den Heimfall entschädigen musste, blieb für uns unter dem Strich eine dreistellige Millionensumme», erklärt Werthmüller.

Jetzt sind die alten Partner glücklich darüber, dass der Kanton Aargau sie ausgebootet hat. Und die neuen Inhaber des Aarekraftwerks Klingnau mussten grössere Summen abschreiben. Mittel- bis langfristig rechnen sie mit besseren Zeiten.

Jährlich 2,6 Millionen Zinsen

Im Normalfall löst der Heimfall grössere Investitionen aus, aber seit der europäische Strompreis tief im Keller verharrt, herrscht in der Branche Ausnahmezustand. Bei rund 3 Euro-Cent pro Kilowattstunde (kWh) an Europas Strombörse lohnt sich der Betrieb kaum mehr, doch die Konzessionäre sind dazu verpflichtet.

An Investitionen ist nicht zu denken. Zum Glück laufen die drei 80 Jahre alten Kaplan-Turbinen samt Generatoren, dank bewährter Technik von Brown Boveri Baden, noch wie am ersten Tag. Obwohl das Maschinenhaus einen musealen Charakter hat, sind die Maschinen dank hervorragender Pflege durch ein 13-köpfiges Team in einem ausgezeichneten Zustand. Die Hoffnung besteht, dass sie weitere 10 oder 20 Jahre friedlich vor sich hinsurren.

Subventionen für die grosse Wasserkraft lehnt Werthmüller trotz Ernst der Lage kategorisch ab. Denn das Gift deutscher Milliarden-Subventionen hat den Marktpreis zerstört, zudem haben sich die Kohlepreise in wenigen Jahren halbiert.

Die Wasserkraftwerke mit fast 60 Prozent Anteil an der Inlandproduktion von Strom müssen dem Staat viel Geld abliefern. Per Anfang 2015 ist der Wasserzins um zehn Prozent erhöht worden. Allein das Kraftwerk Klingnau zahlt jährlich 2,6 Millionen Franken Wasserzinsen.

Noch mehr Solarstrom ins Netz zu drücken, wenn es (über Mittag) schon überquillt, mache einfach keinen Sinn. «Statt für grosse Solar- und Windanlagen sollte die Kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) für die Wasserkraft eingesetzt werden», lautet Ernst Werthmüllers Rezept.

Damit könnten die Wasserzinsen indirekt gesenkt werden. Und die Grosskraftwerke könnten investieren und damit mehr Strom produzieren als mit dem Aufstau jedes Bächleins.

Alte Firma wird liquidiert

«Im Falle eines Heimfalls ist die gesamte Anlage in betriebsfähigem Zustand zu übergeben», steht kurz und bündig in der alten Konzession. Doch die Interpretation dieses Satzes sorgte für viele Diskussionen, denn die Ansprüche des Naturschutzes (Stausee-Dekret), der Fischerei, der Schifffahrt und der vielen Ausflügler sind zu berücksichtigen.

Seit dem 8. Juli 2015 sind die neuen Konzessionäre zuständig, aber die Liquidation der Aarewerke AG ist derart komplex, dass sie noch bis weit ins Jahr 2016 dauern wird. Neben dem VR-Präsidenten ist dafür der vorzeitig pensionierte Geschäftsführer Andreas Suter im Mandat als Administrator zuständig.

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