Wir treffen uns auf der Fluchtburg Buechwald, zwischen Eppenberg und Wöschnau. Wir sind zwar nur knapp 200 Meter entfernt von der Aargauer Grenze, sehen durch den leeren Wald direkt auf den Tierpark Roggenhausen, trotzdem befinden wir uns im Kanton Solothurn, also auf fremdem Terrain.

«Kein Problem», lacht der Aargauer Kantonsarchäologe Georg Matter, «ich habe meinen Solothurner Kollegen über die kleine Grenzüberschreitung informiert.» Es regnet. Wir klettern auf den mächtigen, rund 600 Meter langen, bis acht Meter hohen Erdwall, und Matter erklärt die Bedeutung der 12 Hektaren grossen Anlage, die auf drei Seiten steil abfällt und gegen Süden durch ein Wallsystem und einen Graben geschützt war.

Man gehe davon aus, sagt Matter, dass es sich hier ursprünglich um eine keltische Siedlung gehandelt habe; aufgrund von Funden könnte die Anlage etwa um 400 vor Christus entstanden sein. Die Grösse des Areals lasse auf eine grössere Siedlung schliessen. «Ich kann mir vorstellen, dass das hier oben die Vorgänger-Stadt von Aarau war», mutmasst Matter.

Ein Teil des vor über 2000 Jahren errichteten Walls bei Eppenberg, der vor den Angriffen feindlicher Truppen schützen sollte.

Ein Teil des vor über 2000 Jahren errichteten Walls bei Eppenberg, der vor den Angriffen feindlicher Truppen schützen sollte.

Ein Teil des vor über 2000 Jahren errichteten Walls bei Eppenberg, der vor den Angriffen feindlicher Truppen schützen sollte.

Es gibt einige wenige Funde, die belegen, dass die Fluchtburg im ersten Jahrhundert vor Christus noch bewohnt war. Eine gründliche archäologische Untersuchung des möglichen «Ur-Aarau» steht aber noch aus; deshalb sei auch vieles, was man über den rätselhaften «Buechwald» erzähle, zu einem grossen Teil blosse Spekulation.

Und das gelte auch für seine Vermutung, sagt Matter. Genau wegen dieser Vermutung stehen wir hier im Regen. Denn Matter vermutet, dass hier oben im Jahre 69 nach Christus eine der schlimmsten Schlachten stattgefunden hat, die je über das Schweizer Mittelland hereingebrochen ist. Tausende Helvetier, die sich in die Fluchtburg zurückgezogen und verschanzt hatten, wurden von den Römern getötet, viele landeten in der Sklaverei.

Von «Vocetius» zu Wöschnau?

Ausführlich geschildert hat die Schlacht am Mons Vocetius der römische Geschichtsschreiber Tacitus. Was aber Historiker und Archäologen gleichermassen zu allerlei Thesen und Spekulationen veranlasst, ist der Umstand, dass Tacitus leider nicht beschrieben hat, wo sich denn dieser Mons Vocetius genau befindet. Klar ist einzig, dass die übermächtige 21. Legion der Römer mit ihrem Heerführer Caecina in der näheren Umgebung von Vindonissa die Helvetier niedergemetzelt hat. Es herrschte Bürgerkrieg, und die Helvetier hatten sich für die falsche Seite entschieden.

Es ist schwer vorstellbar, dass in diesem nassen und friedlichen Wald einst Tausende Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Wie kommt Matter zu seiner Vermutung? «Die Helvetier waren auf der Flucht. Die Befestigung hier oben war ein guter Ort, um sich zu schützen und zu verteidigen.» Dazu komme die Nähe zu Vindonissa – und eine etymologische These: Es sei denkbar, dass der heutige Dorfname «Wöschnau» auf den Begriff «Vocetius» zurückgehen könnte.

«Ich bin nicht der Erste, der das sagt», erklärt Matter, «und es gibt natürlich auch andere, mindestens so plausible Theorien.»

So sagt etwa René Hänggi, der ehemalige Leiter des Vindonissa-Museums: «Die Helvetier dürften sich in der Nähe von Baden den Römern gestellt haben. Die Geländeform der Lägern passt gut zu den beschriebenen Eigenschaften des Mons Vocetius.» Nochmals anders sieht es die Historikerin Regula Frei-Stolba: «Sprachgeschichtlich hängen die beiden Namen Vocetius und Bözberg zusammen. Es könnte aber sein, dass mit Mons Vocetius nicht nur der heutige Bözberg gemeint ist, sondern ein grösserer Teil des Jura.»

Leben in Parallelgesellschaft

Ja, was gilt jetzt? Eppenberg, Lägern oder Jura? Georg Matter schmunzelt und sagt, das sei nicht die Frage, die ihn im Zusammenhang mit den Ereignissen im Jahr 69 nach Christus am meisten beschäftige. Er hält es auch nicht für vordringlich, dass die Solothurner Kollegen nun deswegen die Fluchtburg Buechholz archäologisch sezieren. Im Gegenteil. Was im Boden bleibe, sei gut geschützt. Und spätere Generationen von Archäologen hätten dann vielleicht auch noch effizientere Methoden.

Was interessiert ihn denn am Jahr 69 nach Christus? «Die Helvetier lebten damals in einer Parallelgesellschaft. Sie gehörten zwar zum Römischen Reich, behielten aber einen Teil ihrer Eigenständigkeit, ihrer Traditionen und Sitten. Sie lebten also eine doppelte Identität. Dann brach der Bürgerkrieg aus, und sie gerieten zwischen die Fronten», erklärt Matter. Diese Konstellation habe durchaus Parallelen zu aktuellen Bürgerkriegen, sagt Matter. Mehr über dieses Leben in der damaligen helvetischen Parallelgesellschaft herauszufinden, interessiere ihn einiges mehr als der präzise Ort der Schlacht am Mons Vocetius.

Keine Heldengeschichte

Trotzdem noch eine Frage zur Schlacht: Warum sind die Ereignisse rund um den Mons Vocetius anno 69 nach Christus nur den Historikern bekannt? Wer Glück hat, hört in der Schule allenfalls von der glorreichen Niederlage bei Bibracte. Aber das Gemetzel am Mons Vocetius taucht nicht im Geschichtsunterricht auf.

«Vielleicht hängt das damit zusammen, dass es hier keine Heldengeschichte zu erzählen gibt», sagt Matter. «Die Helvetier spielten keine rühmliche Rolle, sie wurde abgestraft und später begnadigt.»

Der Regen wird stärker. Wir brechen die Exkursion zum Mons Vocetius und in die Vergangenheit ab und kehren in den nahen Aargau zurück. Die Fluchtburg behält ihr Geheimnis für sich. Wer sie im Klettergarten von Schönenwerd her über die steile Westflanke erklimmt, ist sich wohl kaum bewusst, das er hier auf Boden steht, der vor über 2000 Jahren schon besiedelt war.

Die Helvetier zwischen den Fronten

Nach Neros Selbstmord kämpften im Jahr 69 n. Chr. vier Kaiser um den Thron. Dabei gerieten auch die Helvetier und die in Vindonissa stationierte
21. Legion in den Sog des Bürgerkrieges. Mit verheerenden Folgen.

Man schreibt das Jahr 69 n. Chr. Obwohl seit vier Generationen romanisiert, halten die Helvetier zum Teil an ihren eigene Sitten fest. Edle Frauen tragen noch immer einen Halsring als Herrschaftszeichen, und keltische Krieger lassen sich mit ihre Waffen bestatten. Andrerseits hat die romfreundliche helvetische Führungsschicht das römische Bürgerrecht und fügt sich nahtlos ins römische Klientelsystem ein. Die Helvetier haben sich mit den römischen Besatzern arrangiert, ohne ihre Identität aufzugeben.

Das funktioniert gut, bis nach dem Tode Neros ein Bürgerkrieg ausbricht. Dabei geraten die Helvetier zwischen die Fronten. Sie sind ihrem Patron Galba verpflichtet, der sich zum neuen Kaiser ausrufen lässt. Die 21. Legion, die in Vindonissa stationiert ist, hält aber nichts von Galba, sondern unterstützt Vitellius als neuen Kaiser. So werden aus den Helvetiern und den römischen Legionären in Vindonissa erbitterte Feinde.

Die Eskalation

Die Helvetier unterhalten eigene Truppen in einem Kastell. Die 21. Legion aus Vindonissa überfällt einen Soldtransport der Helvetier. Daraufhin fangen die Helvetier die Briefe des Vitellius an die Donaulegionen ab. Damit verhindern sie, dass sich die Legionen an der Donau Vitellius anschliessen. Als Strafe für die helvetische Tat brandschatzt die 21. Legion mit ihrem Heerführer die Stadt Aquae Helveticae, das heutige Baden.

Das Heer der Helvetier zieht sich vor der Übermacht der anrückenden Truppen des Vitellius auf den Mons Vocetius zurück. Dort werden die Helvetier geschlagen. Bis heute bleibt umstritten, wo der von Tacitus beschriebene Mons Vocetius liegt.
Die Sonderausstellung des Museum Aargau «Kampf um Neros Erbe – die Helvetier zwischen den Fronten» im Vindonissa Museum in Brugg beschreibt das aufregende Jahr 69 n. Chr.

Sie zeigt, wie der römische Bürgerkrieg bis in den heutigen Aargau reichte und hier grosses Unheil anrichtete, von dem man bisher nur wenig wusste. Die Ausstellung zeigt aber auch, wie schwierig es ist, als Volk mit einer «doppelten Identität» zu leben und erhält dadurch auch eine überraschende Aktualität. Die Sonderausstellung im Vindonissa-Museum in Brugg dauert noch bis zum 12. November 2017.