Jenseits vom Mittelmass
«Vermessen, etwas in der Schweiz als mittelmässig zu bezeichnen»

«Die Schweiz hat Perfektion geschaffen», sagt der «Business-Philosoph.» Besser, schneller, weiter: Mittelmässig zu sein, reicht heute laut Hermann Scherer nicht mehr. Ein Unternehmer müsse selbstzerstörerisch denken.

Peter Brühwiler
Merken
Drucken
Teilen
«Ich erwarte von meinen Mitarbeitern schlechte Qualität in 20 Minuten»: Hermann Scherer, Business-Philosoph, Autor und einer der gefragtesten Vortragsredner in Deutschland.

«Ich erwarte von meinen Mitarbeitern schlechte Qualität in 20 Minuten»: Hermann Scherer, Business-Philosoph, Autor und einer der gefragtesten Vortragsredner in Deutschland.

Alex Spichale

Hermann Scherer hat über 30 Bücher geschrieben, reist für seine Vorträge rund um den Globus und scheut sich nicht vor klaren Aussagen. «Verdammtes Mittelmass! Dort, wo alle sind, ist wenig zu holen», lautet eines der unzähligen Zitate, die auf seiner Website aufgelistet sind. Diese Woche trat der Deutsche am 11. KMU-Anlass der NAB im Tägi in Wettingen vor rund 600 Unternehmern auf.

Herr Scherer, der Aargau ist für viele der Inbegriff des Durchschnittskantons. Wie wohl fühlen sie sich hier als Advokat des Herausragenden?

Hermann Scherer: Ich habe lange in Zürich gelebt und den Aargau häufig besucht. Und ich protestiere: Ich habe den Aargau noch nie zum Mittelmass gezählt, ich erlebe hier hohe Professionalität und nette Menschen. Noch dazu, glaube ich, wäre es vermessen, überhaupt etwas in der Schweiz als mittelmässig zu bezeichnen.

Scherer und Kunz

Unter dem Motto «Jenseits vom Mittelmass? Mit Mut und Leidenschaft zum Unternehmenserfolg» lud die Neue Aargauer Bank diese Woche zum 11. KMU-Anlass ins Tägi in Wettingen ein. Neben Hermann Scherer, der unter anderem an der Universität St. Gallen lehrt, trat auch der Aargauer Unternehmer Markus Kunz, Inhaber von «kunz – the art of sweets», auf.

Durchschnittlichkeit muss aber ja nicht unbedingt schlecht sein?

Klar, der Durchschnitt ist nicht grundsätzlich schlecht. Nur tatsächlich stellen wir fest, dass wir in der Wirtschaft halt mehr als Durchschnitt brauchen. Wir brauchen etwas Herausragendes. Diejenigen, die sich auf dem Status quo ausruhen, werden morgen sehr wahrscheinlich nicht mehr da sein.

Schneller, höher, weiter: Überfordert uns dieser Druck, immer besser werden zu müssen, nicht?

Ich bin mir sehr sicher, dass wir Menschen, wenn wir das Leben begriffen haben, ein Gefühl von Verbesserung haben wollen. Wenn wir uns nicht ständig verbessert hätten, würden wir noch am Lagerfeuer sitzen – genau genommen nicht mal an diesem, denn selbst das Lagerfeuer war eine Verbesserung.

Die steigende Zahl an Burnouts hängt aber schon auch mit dem sich verschärfenden Verdrängungswettbewerb zusammen?

Möglicherweise. Wobei ich aber glaube, dass ein Burnout sehr viel mit einer fehlenden Vision zu tun hat. Ich habe das Gefühl, dass oft Leute betroffen sind, die keine Vision haben – oder ihre Vision umgesetzt haben. Es gibt dazu ein schönes Beispiel aus den 60er-Jahren: Die Russen waren im All und eigentlich war Amerika am Boden zerstört. Doch dann kam John F. Kennedy und sagte, in zehn Jahren werde ein Amerikaner auf den Mond fliegen. Plötzlich hatte das ganze Land diese Vision und der Alkoholismus, die Scheidungsrate und die Arbeitslosigkeit sanken. Das Problem war nur: Die haben das erreicht. Und böse Zungen sagen, danach hätten die wieder mit dem Saufen angefangen.

Ein Unternehmer sollte seine Ziele aber schon erreichen?

Seine Ziele darf er erreichen, seine Vision nicht. Denn ein Ziel ist immer nur ein banaler Etappenzustand. Bergsteiger etwa rennen den Berg hoch und endlich sind sie oben, was machen sie? Sie gehen wieder runter. Ziele sind also gar nicht so aufregend. Die Vision, die dahintersteckt, was sie damit erreichen wollen, das ist das Grossartige.

Trotzdem zurück zu den Zielen. Wie gut sind die Voraussetzungen für Unternehmer hierzulande, um diese zu erreichen?

Grundsätzlich sind die Bedingungen in der Schweiz hervorragend, alleine schon die Infrastruktur und die Nähe zu einem der Weltflughäfen. Und ich liebe die Perfektion, die wir hier erleben, dieses echte Mass an Pünktlichkeit.

Ein Zuviel an Perfektionismus ist dann aber wohl auch wieder kontraproduktiv?

Die Perfektion ist in meinen Augen etwas vom Widersprüchlichsten, das wir im Leben haben. Wir streben sie an und wissen gleichzeitig, dass wir einen hohen Grad an Imperfektion benötigen, um perfekt zu werden. Menschen, die einfach mal loslegen, können besser Dinge erschaffen. Perfektion verhindert also auch Erfolg, zumindest in der Planungsphase.

Was lässt sich dagegen tun?

Wir Menschen sind extrem gut darin, Dinge zu verbessern, aber extrem schlecht darin, Dinge zu erschaffen. Ich sage den Mitarbeitern in meiner Firma (die Scherer Academy, die Red.) deshalb immer: Ich erwarte schlechte Qualität in 20 Minuten – weil wir eben wissen, dass wenn wir mal etwas auf einen Zettel geschrieben haben, uns die nächsten Schritte leichter fallen, als wenn wir auf ein weisses Blatt Papier starren.

Das fällt den perfektionistischen Schweizern möglicherweise schwer?

Diese Widersprüchlichkeit zu erkennen – dass wir imperfekt starten müssen, um perfekt zu werden –, fällt wahrscheinlich allen Menschen schwer. Ich würde eher sagen, die Schweiz hat es verstanden, Perfektion zu schaffen. In der Uhrenindustrie etwa ist sie Welt-Benchmark – zumindest bis zur Apple-Watch. Das ist ja wieder, wie damals die Swatch, eine disruptive Technologie. Da wissen wir nicht, was passiert.

Womit wir wieder beim Verdrängungswettbewerb wären.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Taxi-Branche. Nachdem die App MyTaxi die Taxizentralen überflüssig machte, macht Uber jetzt schon wieder MyTaxi kaputt. Die sagen sich, warum braucht es überhaupt ein Taxi? Die Autos fahren ja sowieso von A nach B. Und die nächste Frage ist dann, was disruptiv gegenüber Uber sein wird. Fazit: Ein Unternehmer muss eigentlich ständig versuchen, das, was er heute tut, selbst zu zerstören.

Ist ein traditionelles KMU überhaupt fähig, so zu denken?

Klar, es ist für jeden KMUler eine enorm grosse Herausforderung, selbstzerstörerisch zu denken – also das, was er so grossartig aufgebaut hat, gleichzeitig wieder infrage zu stellen. Aber es muss sein.