Grosser Rat
Verlorene Wahl drückt bei abgewählten Grossräten kaum aufs Portemonnaie

Die bei den letzten Wahlen abgewählten Parlamentarier verlieren an Publizität, aber kaum an Einkommen. «Die finanzielle Einbusse bewegt sich in kleinem Rahmen», sagt beispielsweise SVP-Grossrat Martin Sommerhalder.

Fabian Muster
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Abgewählte Grossräte büssen kaum an Einkommen ein
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Ivica Petrusic (35) SP, Aarau
Kurt Wyss (59) CVP, Leuggern
Martin Sommerhalder (54) SVP, Schmiedrued
Martin Bhend (44) FDP, Oftringen

Abgewählte Grossräte büssen kaum an Einkommen ein

Chris Iseli

Die Abwahl als Grossrat ist schmerzhaft. Doch aufs Portemonnaie schlägt sie den meisten Betroffenen kaum. «Die finanzielle Einbusse bewegt sich in kleinem Rahmen», sagt SVP-Grossrat Martin Sommerhalder, der vergangenen Oktober über die Wahlklinge springen musste. Als «nicht entscheidend» bezeichnet auch der abgewählte FDP-Grossrat Martin Bhend den Wegfall der Entschädigungen für sein Parlamentsmandat. Unter dem Strich gar für ein «Nullsummenspiel» hält CVP-Mann Kurt Wyss sein Grossratssitz. Einzig der grüne Biobauer Martin Köchli macht geltend, rund 30 Prozent seines Einkommens zu verlieren.

Die Bezüge im Aargauer Kantonsparlament sind nicht vergleichbar mit den Entschädigungen als National- oder Ständerat. Kann ein Parlamentarier auf Bundesebene mit rund 130000 Franken gut von seinem Mandat leben, reicht es auf Kantonsebene höchstens zu einem anständigen Trinkgeld von 10000 bis 15000 Franken für die entstandenen Auslagen.

Jeder der 140 Grossräte erhält eine Pauschalentschädigung von 5000 Franken pro Jahr. Dazu kommen für jede Grossratssitzung Sitzungsgelder in Höhe von 150 Franken. Bei 35 Sitzungen in diesem Jahr kommen so weitere 5250 Franken hinzu. Pro Kommissionssitzung gibt es 150 Franken aufs Konto, ab drei Stunden sogar 300 Franken.

Von den 16 Grossräten, die im Oktober abgewählt wurden, hat die Aargauer Zeitung 5 Betroffene aus den Regierungsparteien zu ihrer Zukunft befragt (siehe Boxen unten). Die meisten wollen sich weiter einbringen, einige halten ihre aktive politische Karriere aber für beendet. Trotz der Abwahl sind alle fünf genügend motiviert, um bis zum Ende der Legislatur im März 2013 durchzuhalten. Stellvertretend dafür Martin Sommerhalder: «Ich fehlte in meiner 12-jährigen Zeit sechsmal an einer Sitzung und werde mich auch weiterhin so verhalten.»

Martin Köchli (63) Grüne, Boswil

Nach einer Legislatur ist für den Grünen Martin Köchli aus dem Freiamt schon Schluss: Seinen Sitz hat die SVP mit Wolfgang Schibler geerbt, der als Gemeindeammann Bettwils für den Widerstand gegen die Asylunterkunft bekannt wurde. Der Biobauer aus Boswil, der für seine philosophischen Voten im Rat bekannt ist - unter anderem forderte er ein Schulfach Glück -, will auch nach der Abwahl dafür sorgen, dass «unsere Gesellschaft ihr Wohlergehen nicht nur auf ökonomische, sondern auch auf soziale und im weitesten Sinne kulturelle Werte abstützt». Ob er in vier Jahren wieder antritt oder auf Gemeindeebene aktiv werde will, dazu sagt er nur: «Antreten werde ich, wo immer ich gefragt bin - oder werde.» Die finanzielle Einbusse beziffert er auf 30 Prozent des Einkommens. Der Arbeitsaufwand für den Grossen Rat betrug indes nur rund 20 Prozent. (fam)

Ivica Petrusic (35) SP, Aarau

Der Sozialdemokrat Ivica Petrusic muss bereits nach zweieinhalb Jahren seinen Sitz im Parlament räumen. Er war im August 2010 nachgerutscht. Als Jugendbeauftragter des Kantons Zürich und als Geschäftsführer des grössten kantonalen Dachverbandes der Kinder- und Jugendförderung Zürich wird er weiterhin im Bundeshaus als Lobbyist agieren. Als nun abgewählter Grossrat möchte sich der frühere Aarauer Einwohnerrat Zeit lassen, ob und wann er sich erneut in eine Legislative wählen lassen will. «Ich möchte die laufende Legislatur gut zu Ende führen und danach werde ich schauen, was ich mache.» Die vielen positiven Erfahrungen, bei denen er politisch etwas erreicht habe, würden ihm fehlen. Nicht allerdings die Schattenseiten: Als der eingebürgerte Kroate eine Debatte um die Schweizer Flagge vom Zaun riss, musste er heftige Kritik einstecken. (fam)

Kurt Wyss (59) CVP, Leuggern

Der Pechvogel der vergangenen Wahlen ist Kurt Wyss: Um zwei Stimmen verpasste der CVPler den Wiedereinzug in den Grossen Rat. Sein Parteikollege René Huber beerbt ihn, der sich wie Wyss im OK der Radsporttage Gippingen engagiert und ebenfalls im Leuggemer Ortsteil Gippingen wohnt. Trotz des unfreiwilligen Abgangs nach nur einer Legislatur wird für den Leiter der Zollstelle Schaffhausen «Politik auch künftig wichtig sein», wie er sagt. Ob Wyss, der sich als Vertreter des Zurzibiets gegen Fluglärm und gegen ein zu schnelles Abschalten der AKW wehrt, dereinst erneut ein politisches Mandat in der Legislative anstrebt, wird er in den nächsten Monaten entscheiden. Finanziell hat ihm das Mandat als Grossrat unter dem Strich nichts eingebracht: «Die Entschädigung war für mich ein Nullsummenspiel.» (fam)

Martin Bhend (44) FDP, Oftringen

Bitter ist die Abwahl für den langjährigen Grossrat Martin Bhend. Der frühere Oftringer Gemeindeammann hat vor einem Jahr von der EVP zur FDP gewechselt. Das hat das Wahlvolk anscheinend nicht goutiert. Er muss auf der FDP-Liste mit dem ersten Ersatzplatz vorlieb nehmen. Wäre er bei der EVP geblieben, würde er wohl noch immer im Grossen Rat sitzen: Der Zofinger EVP-Einwohnerrat Urs Plüss hat es auf Anhieb ins Parlament geschafft. «Mit einer Abwahl musste ich aufgrund meines Parteiwechsels rechnen», sagt Bhend. Auch sein Resultat sieht er positiv: Er ist vom 11. Listenplatz auf Rang 3 vorgerückt. Ihm hätten schliesslich nur 153 Stimmen zur Wahl gefehlt. Als erster Ersatz auf der FDP-Liste hat er durchaus Chancen, nachzurücken. Es wäre nicht das erste Mal: Vor 13 Jahren rutschte er gar als zweiter Ersatz in den Grossen Rat nach. (fam)

Martin Sommerhalder (54) SVP, Schmiedrued

Überraschend nach elf Jahren abgewählt wurde Martin Sommerhalder. Der Präsident der SVP Kulm machte dafür in einer ersten Reaktion auch den Streit um Beat Leuenberger verantwortlich, der die Partei wegen Mobbing und Differenzen im Frühling Richtung SLB verliess. Nun landete Sommerhalder nur auf dem ersten Ersatzplatz. Nachrutschen würde er nur, wenn dies in den nächsten beiden Jahren der Fall wäre. Politisch tätig bleiben will er aber als Präsident der Bezirkspartei, die es auf die Wahlen für den Nationalrat 2015 und Grossrat 2016 einzustimmen gilt. Sommerhalder will dannzumal im Bezirk den vierten Sitz von der FDP zurückerobern. Allerdings ohne ihn: Selber als Grossrats-Kandidat antreten will er nicht mehr. Finanziell macht er mit dem verlorenen Mandat kaum rückwärts. Jedes Jahr hat er dafür 20 Ferientage geopfert. (fam)