Verkehrsunfälle
Verkehrspsychologe: «Drängler glauben, noch bremsen zu können»

Schon wieder kommt es auf der A1 zu einer folgenschweren Auffahrkollision. Eine 41-jährige Frau verlor bei dem Unfall in Suhr ihr Leben. Verkehrspsychologen sehen dringenden Handlungsbedarf.

Silvan Hartmann
Drucken
Teilen
Auto an Auto reiht sich auf der dicht befahrenen Autobahn 1 im Feierabendverkehr. Kommt es zu einemUnfall, wie hier am Mittwoch bei Oftringen, wird der Stau rasch kilometerlang.

Auto an Auto reiht sich auf der dicht befahrenen Autobahn 1 im Feierabendverkehr. Kommt es zu einemUnfall, wie hier am Mittwoch bei Oftringen, wird der Stau rasch kilometerlang.

Kapo AG

Mittwochabend im Feierabendverkehr auf der A1 in Fahrtrichtung Bern: Es reiht sich Auto an Auto, Lichter an Lichter sind zu sehen. Es herrscht dicht gedrängter Verkehr.

Eine gefährliche Situation: Denn der notwendige Abstand zum Vorfahrenden wird von kaum einem Autofahrer eingehalten. Szenen, die sich täglich im Morgen- und Abendverkehr auf einer der dichtest befahrenen Autobahnstrecken der Schweiz abspielen. So donnern in einem Tag laut Bundesamt für Strassen (Astra) über 80000 Fahrzeuge zwischen Zürich und Bern über die teilweise nur zweispurige Autobahn 1.

Um 17 Uhr kommt es bei Oftringen zu einer folgenschweren Auffahrkollision: Bei starkem Regen übersieht ein 23-jähriger Lenker eines Lieferwagens, dass eine vorfahrende Autolenkerin in einem Opel Corsa abbremsen muss.

Der Lieferwagen prescht ungebremst mit hoher Geschwindigkeit in das Heck der Autolenkerin. Die 41-jährige Fahrerin aus dem Bezirk Aarau erleidet durch den Aufprall schwere Verletzungen und muss in kritischem Zustand ins Spital gefahren werden.

Am Donnerstagnachmittag erliegt sie den schweren Verletzungen im Spital.

Mit vier Patrouillen unterwegs

Nach dem Unfall stauen sich die Autos innert wenigen Minuten rund 12 Kilometer zurück.

az-Leser Fritz S. meldet sich daraufhin genervt auf der az-Redaktion: «Ich stehe in dieser Woche nicht zum ersten Mal auf der A1 im Stau. Warum nimmt die Polizei den notorischen Dränglern nicht umgehend die Führerausweise ab, bevor solch schlimme Unfälle passieren?», fragt sich der Aussendienstmitarbeiter und ergänzt: «Ich bin mittlerweile so weit, dass ich die A1 im Feierabendverkehr zu umfahren versuche, aus Angst vor einem Unfall. Ich mag dieses dichte Auffahren aller Autofahrer nicht mehr aushalten.»

Kapazitätsprobleme auf A1

Auf Anfrage der az bestätigt die Kantonspolizei Aargau das Problem des Drängelns im Feierabendverkehr. «Wir sind ständig mit mindestens zwei zivilen Videopatrouillen im Einsatz und versuchen, Drängler oder Rechtsüberholende zu überführen», sagt Polizei-Sprecher Bernhard Graser.

Dennoch müsse man bei «diesem gewaltigen Verkehrsaufkommen» realistisch bleiben. «Uns ist bewusst, dass zu Stosszeiten die Mindestabstände in Hunderten von Fällen unterschritten werden. Uns bleibt dann aber nichts anderes übrig, als uns auf auffällige Drängler zu beschränken», sagt Graser und weiss: «Versucht man als Korrektfahrender den Abstand einzuhalten, fährt der Nächste umgehend in die vermeintliche Lücke dazwischen.»

Basiert also das Drängeln auf Kapazitätsproblemen auf der A1? Nicht nur, sagt Markus Hackenfort, Verkehrspsychologe und Unfallforscher an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften: «Die Verkehrsteilnehmer müssen regelmässig auf das korrekte Fahrverhalten aufmerksam gemacht werden. Oft haben Leute, die auf Strassen drängeln, eine verkehrte Wahrnehmung», sagt er.

Drängler würden die Gefahr häufig nicht erkennen. «Sie haben grundsätzlich das Gefühl, schon noch bremsen zu können.»

Doch einmal mehr irrte sich ein unaufmerksamer Lenker – mit tödlichen Folgen.

Aktuelle Nachrichten