Nach den Herbstferien wird im Grossen Rat die Vorlage der Regierung für eine Richtplanänderung für die 2011 an der Urne gutgeheissene Umfahrung Mellingen erwartet. Ausgelöst wurde diese durch eine Projektanpassung aufgrund von Einsprachen der Umweltverbände WWF und VCS. Jüngst wurde bekannt, dass der Kanton inzwischen auch eine Tunnelvariante geprüft hat. Diese käme mit 100 Millionen Franken vier mal so teuer wie die geplante Brücke, und könnte frühestens 2030 fertig sein.

Gretener: «Reine Nebelpetarde»

Der Mellinger Gemeindeammann Bruno Gretener glaubt den Umweltverbänden WWF und Pro Natura Aargau nicht, dass es ihnen um eine bessere Lösung geht. Deren Forderung, anstelle der Umfahrungsbrücke eine Untertunnelung zu prüfen, qualifiziert er «als reine Nebelpetarde». So ein Tunnel wäre mehrfach teurer, brächte aber nicht weniger Eingriffe in die Landschaft, gibt Gretener zu bedenken. Dazu komme die Grundwasserproblematik. Und überhaupt, ein Entscheid für einen Tunnel hiesse bei der Umfahrung «zurück auf Feld 1.»

Das will Gretener keinesfalls: «Das Volk hat der Umfahrung 2011 klar zugestimmt, der Entscheid ist demokratisch legitimiert. Wir Mellingerinnen und Mellinger und ebenso die zahllosen Automobilisten, die sich täglich durch unsere schöne Altstadt quälen, warten dringend auf eine Entlastung durch die Umfahrung.» Den zwei Umweltverbänden wirft er vor: «Ihr wollt die Umfahrung verhindern.» Er befürchtet, dass sie die Umfahrung trotz Korrekturen bei der Strassenführung zugunsten der Umwelt wieder vor Gericht ziehen werden. Gretener wirft VCS und WWF vor, sie seien «bisher zu keinem noch so kleinen Kompromiss bereit» und seien aufgrund seiner Erfahrungen der letzten Jahre «keine glaubwürdigen Partner, weshalb ich die Forderungen nach Tunnelvarianten und grossräumigen Lösungen auch als reine Verzögerungs- und Verhinderungstaktiken ansehe.»

WWF: immer gegen neue Brücke

WWF-Geschäftsführerin Tonja Zürcher weist Greteners Vorwürfe als Sprecherin der beiden Verbände zu Mellingen zurück: «Wir haben uns von Anfang an für eine Lösung ohne neue Brücke eingesetzt. Ein Tunnel ist eine Variante, die geprüft werden muss. Ob es geht, ist nicht abschliessend geklärt. Daher muss es der Kanton diese Variante endlich ernsthaft prüfen!» Die jetzt vorliegende kurze Vorstudie genügt laut Zürcher nicht. Immerhin sage diese, dass es technisch möglich wäre. Alternativen wie eine Verkehrslenkungslösung oder eine grossräumige Umfahrung seien indes nicht geprüft worden. «Falls Herr Gretener oder der Kanton einen Kompromissvorschlag präsentiert, prüfen wir diesen gerne.»

Man könnte sich eine teilweise Sperrung der Mellinger Altstadt für den Durchgangsverkehr – natürlich nicht für Anrainer und den öffentlichen Verkehr – vorstellen, sagt Zürcher. Aber wäre das und eine «grossräumige Umfahrung auf bestehenden Strassen» nicht bloss ein Schwarz-Peter-Spiel, indem der Verkehr dann Umwege und mehr Kilometer macht, durch andere Dörfer flutet? Eine Altstadtsperrung für den Durchgangsverkehr würde durch weitere Massnahmen wie eine Attraktivierung des öV und des Veloverkehrs unterstützt, sagt Zürcher.

Nötig sei ein grundsätzliches Umdenken. Ohne dieses würden unter einer Umfahrung tatsächlich einfach andere Menschen leiden. Zürcher: «Mit einer zusätzlichen Strasse lösen wir das Problem nicht, wir verlagern es bloss von einem Ort zum nächsten. Wir müssen Entlastungen grossräumig anschauen, und umdenken.»

Bruno Gretener sagt dazu, eine teilweise Sperrung der Mellinger Brücke für den Durchgangsverkehr sei im jetzigen Projekt (mit einer neuen Brücke) bereits vorgesehen. In den Hauptverkehrszeiten morgens und abends werde die Durchfahrt durch die Altstadt nicht erlaubt sein, was auch im Interesse der Gemeinde sei. Gretener: «Wenn aber aus ideologischen Gründen jegliche Strassenausbauten verhindert und bekämpft werden, wird auch das geforderte Umdenken kaum stattfinden.»

Einsprache ist noch hängig

Mit der eingangs erwähnten Richtplananpassung habe die Regierung «formell richtig» auf den Bundesgerichtsentscheid reagiert, sagt Tonja Zürcher. Es fehle aber weiterhin eine umfassende Interessenabwägung und Variantenprüfung. Wenn der Grosse Rat der Vorlage des Regierungsrates zustimme, müsse dieser dann die noch hängige Einsprache von WWF und VCS behandeln und beantworten. Den Entscheid, ob sie danach weitere Rechtsmittel ergreifen, könne sie nicht vorwegnehmen, sagt Zürcher: «Der Beschluss der Regierung besteht ja noch nicht.»

Umfahrung Mellingen verzögert sich weiter

Das Bundesgericht hat den Verbänden VCS und WWF im November 2016 recht gegeben. Die Aargauer Regierung muss nochmals über die Bücher.