Wettingen

Verhältnis mit Schülerin: Wettinger Kantilehrer wird freigestellt – aber nicht angeklagt

Ein zweiter Lehrer, der von den Verfehlungen gewusst hatte, ist inzwischen auch nicht mehr in Wettingen tätig. (Symbolbild)

Ein heute 53-jähriger Kantonsschullehrer aus Wettingen pflegte jahrelang Beziehungen mit Schülerinnen. Als der Mann im Frühling aufflog, wurde er sofort freigestellt und das Bildungsdepartement zeigte ihn an. Strafrechtliche Folgen wird die Affäre aber nicht haben.

Vor einem halben Jahr wurde ein Kantonsschullehrer in Wettingen sofort freigestellt. «Der Schulleitung liegen Belege für wiederholte unangemessene Kommunikation vor, die mit der Professionalität im Lehrberuf unvereinbar ist», hiess es in einem Eintrag im Intranet der Schule.

Aus mehreren Quellen war damals zu hören, dass der fehlbare Lehrer in der Vergangenheit gegenüber Schülerinnen immer wieder anzügliche Sprüche gemacht haben soll. Dem Vernehmen nach sei es zur Freistellung gekommen, weil der Lehrer gesehen wurde, als er im öffentlichen Raum mit einer Schülerin intim war.

Rektor Paul Zübli ging damals auf Nachfrage nicht auf weitere Details ein, sagte aber: «Die persönliche Integrität jeder Schülerin und jedes Schülers ist absolut unantastbar.» Die Schule habe beim ersten Anzeichen gehandelt und sei leider gezwungen gewesen, den Lehrer freizustellen, hielt Zübli fest. Er betonte, der Schritt sei unumgänglich gewesen und die Schule habe sich vor der Entscheidung juristisch abgesichert.

Inhalt der Strafanzeige gegen den Lehrer war bisher nicht bekannt

Später wurde gegen den 53-jährigen Lehrer eine Strafanzeige eingereicht. «Die zuständige Schulleitung und das Departement Bildung, Kultur und Sport sind gemeinsam zum Schluss gekommen, dass sich die Staatsanwaltschaft um diesen Fall kümmern sollte, da es im Departement keine Stelle dafür gibt», sagte Simone Strub, Sprecherin des Bildungsdepartements, damals auf Anfrage. Zum Inhalt der Anzeige und zu den konkreten Vorwürfen äusserte sich Strub nicht.

Ein zweiter Lehrer, der von den Verfehlungen gewusst hatte, ist inzwischen auch nicht mehr in Wettingen tätig. Er hatte zusammen mit dem freigestellten Kollegen das Kanti-Theater geleitet und hätte die Schule «früher auf unstatthafte Vorgänge hinweisen müssen», wie Rektor Zübli im April sagte. Der Vertrag dieses Lehrers lief Ende Schuljahr 2018/19 aus und wurde nicht verlängert.

Vieles blieb in diesem Fall unklar, doch nun, gut sechs Monate nach der Freistellung des Lehrers, steht fest: Der Mann hat sich mit seinem Verhalten nicht strafbar gemacht. Dies geht aus einer inzwischen rechtskräftigen Verfügung der Staatsanwaltschaft zum Fall hervor, welche die AZ einsehen konnte. Darin heisst es, die Strafanzeige gegen den Lehrer werde nicht an die Hand genommen.

Dies bedeutet konkret, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Beschuldigten kein Verfahren führt. Es bestehe kein ausreichender Tatverdacht für eine formelle Untersuchung gegen den Lehrer, heisst es in der Verfügung.

Verdacht auf sexuelle Handlungen mit Abhängigen

Abklärungen trafen die Strafverfolgungsbehörden in diesem Fall aber sehr wohl. So erteilte der zuständige Staatsanwalt der Kantonspolizei den Auftrag, mehrere Schülerinnen und Lehrerkollegen zu befragen, die von den Vorfällen gewusst haben sollen. Hintergrund der Befragungen war der Verdacht auf sexuelle Handlungen mit Abhängigen.

Kantonsschul-Rektor Zübli hat laut Staatsanwaltschaft im März dieses Jahres erfahren, dass der Lehrer einer ehemaligen Schülerin zu nahe gekommen sei. Ausserdem lebe der Mann derzeit mit einer Schülerin zusammen, die im Sommer 2018 die Matur absolviert habe.

Nachdem der Rektor den Lehrer freigestellt habe, erhielt er gemäss der Staatsanwaltschaft ein anonymes Mail. Darin hiess es, derselbe Lehrer sei schon in den Jahren 2011 bis 2013 dabei beobachtet worden, wie er unangemessene Kontakte mit einer Schülerin unterhalte.

Das kantonale Bildungsdepartement sah in den Vorfällen von 2018 und 2019 – also den Vorwürfen, dass der Kantilehrer mit einer Schülerin zusammenlebte und einer Schülerin zu nahe gekommen sein soll – kein strafbares Verhalten. Weil weitere Vorfälle aus früheren Jahren gemeldet wurden, reichte das Departement dennoch Anzeige ein.

«Kontakte mit Schülerinnen weit über das übliche Mass hinaus»

Die polizeiliche Befragung von Lehrerkollegen und Schülerinnen des Mannes ergab, «dass der Beschuldigte teilweise sehr nahe Kontakte zu Schülerinnen pflegte, die weit über das übliche Mass hinausgingen». Es zeigte sich aber auch, dass keine Hinweise auf ein strafbares Verhalten des angezeigten Lehrers vorliegen.

Aus diesem Grund entschied der zuständige Staatsanwalt, die Anzeige gegen den Mann nicht an die Hand zu nehmen. Eine Entschädigung oder Genugtuung erhält der beschuldigte Kantilehrer aber nicht. Seine Aufwendungen seien relativ niedrig gewesen, schreibt die Staatsanwaltschaft.

Der freigestellte Lehrer hatte sich bisher nicht zu den Vorwürfen gegen ihn und zu seiner Freistellung geäussert. Dabei bleibt es auch nach dem für ihn positiven Entscheid, wie Ueli Vogel-Etienne, der Rechtsanwalt des Beschuldigten, auf Anfrage mitteilt: «Weder mein Klient noch ich selber werden zum Fall Kantonsschule Wettingen eine Stellungnahme abgeben.»

Kanti-Rektor: «Annäherung in mehreren Fällen dokumentiert»

Kantonsschul-Rektor Paul Zübli verteidigt die Freistellung des fehlbaren Lehrers. Der Entscheid sei unumgänglich gewesen, sagt Zübli, zumal «die Annäherung an Schülerinnen in mehreren Fällen dokumentiert ist». Das Verhalten des Lehrers habe in mindestens einem Fall «eine ernsthafte Beeinträchtigung eines Opfers verursacht und verstösst in eklatanter Weise gegen die Standesregeln des Lehrberufs», betont der Rektor.

Dem Lehrer sei bewusst gewesen, dass er seine Stelle sofort verliere, wenn die Schulleitung von seinem Umgang mit Schülerinnen erfährt. «Deshalb hat er auf entsprechende Fragen stets alles abgestritten, bis er es dann doch zugeben musste», führt Zübli aus.

Dass die Staatsanwaltschaft kein Verfahren gegen den Lehrer führt, nimmt Zübli zur Kenntnis. «Die Sanktionen des Strafrechts sind an weitere Bedingungen gebunden, die für eine Schule nicht relevant sein dürfen», betont der Rektor.

So erfülle beispielsweise ein Kuss mit einer 17-jährigen Frau den Straftatbestand der sexuellen Handlung mit Minderjährigen nicht, weil die sexuelle Mündigkeit bereits mit 16 erreicht werde. «Dennoch ist dieses Verhalten für einen Lehrer mit einer Schülerin seiner Schule absolut nicht tolerierbar.»

Bildungsdepartement verteidigt Strafanzeige gegen den Lehrer

Simone Strub, die Sprecherin des Bildungsdepartements, hält auf Anfrage fest, man akzeptiere den Entscheid der Staatsanwaltschaft, die Vorwürfe gegen den Lehrer nicht weiterzuverfolgen, aus strafrechtlicher Optik. Wenn die Behörden von solchen Vorwürfen gegen einen Lehrer Kenntnis erhielten, sei das Departement verpflichtet, eine Anzeige einzureichen, hält Strub fest.

«Allein die zuständigen Strafbehörden haben die Mittel und Verfahren, entsprechenden Hinweisen nachzugehen», betont sie. Strub sagt weiter, aus Sicht des Bildungsdepartements sei auch der Entscheid der Kantonsschule Wettingen, den Beschuldigten im Frühling sofort freizustellen, richtig gewesen.

«Das Verhalten des Lehrers war, wenn nicht strafwürdig, so doch aus arbeitsrechtlicher Sicht keineswegs tolerierbar», hält sie fest. Zudem sei es ein Verstoss gegen die Standesregeln für Lehrpersonen, der gemäss Arbeitsrecht sanktioniert werden müsse.

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