Sie wurden Opfer von Gewalt und Ausbeutung, verkauft und missbraucht – Verdingkinder. Für Menschen, die von sogenannten fürsorglichen Zwangsmassnahmen betroffen waren, hat der Bund 300 Millionen Franken genehmigt. Davon sollen Solidaritätsbeiträge gezahlt werden, als Entschuldigung. Pro Person beläuft sich dieser Beitrag auf maximal 25 000 Franken. Um das Geld zu erhalten, mussten Betroffene bis Ende März Gesuche beim Bund einreichen.

Antoinette Burkhalter arbeitet bei der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau-Solothurn. Sie sagt, wie viele Gesuche aus dem Aargau nach Bern gesandt wurden: «Wir haben 300 Personen persönlich beim Ausfüllen der Dokumente unterstützt, weitere 100 haben sich telefonisch bei uns gemeldet.» Sie geht aber davon aus, dass nicht alle Betroffenen ein Gesuch eingeschickt haben. Die 71-jährige Theresia Rohr aus Rheinfelden wurde selbst Opfer fürsorglicher

Zwangsmassnahmen. Sie erklärt, warum sich wohl nicht mehr Betroffenen gemeldet haben: «Die Hemmschwelle sich als Verdingkind zu outen, ist bei vielen unglaublich hoch. Es ist schwer, sich für das Gesuch mit einer lang verdrängten Vergangenheit ausseinanderzusetzen.»
Das Angebot der Opferhilfe war für sie eine grosse Erleichterung: «Ohne Hilfe hätte ich es nicht geschafft, das Gesuch vollständig auszufüllen.»

Es mussten Akten gesucht und Beweise gesammelt werden – Rohrs Daten waren über sechs verschiedene Gemeinden verstreut. Für Personen, die nicht mehr mobil sind, sei diese Recherchearbeit unmöglich, betont sie. «Antoinette Burkhalter half auch hier und hatte zudem immer ein offenes Ohr.»

Noch kein Durchatmen

«Höchste Zeit» sei es laut Theresia Rohr, dass der Bund das Thema Verdingkinder öffentlich diskutiert. Das sagte sie der AZ im August letzen Jahres. Damals meinte sie auch: «Mit der Entschuldigung des Bundesrates erhielt ich meine Würde zurück. Und mit dem Abschicken meines Gesuchs habe ich auch den Stempel des Verdingkindes abgegeben.»

Rohrs Gesuch liegt nun seit Januar beim Bund. Doch einfach durchatmen und abhaken, so, wie sie es sich gewünscht hat, könnten sie und andere Betroffene trotzdem nicht. Rohr engagiert sich im Verein «Netzwerk Verdingt». Dort wurde Kritik laut, dass der Bund nur ein Minimum an Mitarbeitern damit beschäftige, Gesuche zu prüfen. Damit wolle man die Auszahlung der Solidaritätsbeiträge in die Länge ziehen. Wartezeiten seien vor allem für finanziell schwache Personen ein grosses Problem, sagt sie. Auch sei unklar, welche Prioritäten der Bund bei der Zustellung der Gelder setzt.

Mehr Gesuche als erwartet

Eine Nachfrage bei Reto Brand, Leiter des Fachbereichs für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen (FSZM), zeigt: «Wir wurden in den letzten Wochen mit Gesuchen überschwemmt, knapp 9000 wurden aus der ganzen Schweiz eingereicht», sagt Brand. «Damit haben wir nicht rechnen können, im Oktober waren es erst rund 3000.» Ab Januar sei die Anzahl jedoch explodiert. Um die «sich türmenden Gesuche» zu bewältigen, wurden Hilfskräfte rekrutiert und weitere würden dazukommen.

Reto Brand erklärt, wie man bei der Prüfung der Gesuche vorgeht: «Zuerst werden die Daten der Gesuchsstellenden erfasst und ein Dossier eröffnet. Dann werden die Gesuche auf Vollständigkeit geprüft.» Laut Brand sind dafür momentan fünf Sacharbeiter und drei Personen im Sekretariat zuständig – noch zu wenig.

Das Problem: «Viele Gesuche sind oft unvollständig, manche bestehen gar nur aus Datum, Antrag und Unterschrift.» Das reiche nicht aus, um die «Opfereigenschaft glaubhaft zu machen», sagt Brand. «Wir müssen im Nachhinein viel recherchieren und prüfen, nochmals mit den Leuten reden und Akten beschaffenlassen.» Vollständige, lückenlose Dossiers seien eher selten.

Schwerkranke zuerst

Laut Brand wurde der Solidaritätsbeitrag inzwischen an rund 1200 Personen ausgezahlt. Bis aber alle Gesuche geprüft und alle Beiträge ausbezahlt wurden, werde der vom Gesetz vorgegebene Zeitraum bis 2021 wohl ausgeschöpft werden. Um die Auszahlungen fair zu gestalten, habe der Bundesrat Prioritäten gesetzt: «Schwerkranke, die ihr Leiden mit einem Arztzeugnis belegen können sowie betagte Personen über 75 Jahre bekommen den Beitrag zuerst.

Auch Personen, deren Opfereigenschaft bereits in früheren Soforthilfeverfahren abgeklärt worden ist, haben Priorität.» Danach sei das Einreichungsdatum entscheidend. Brand sagt, er könne nachvollziehen, wenn das Vorgehen nicht immer auf Wohlwollen stosse. «Aber wir tun unser Bestes.» Ausserdem habe das Parlament die 300 Millionen fest zugesichert und ein Interesse, die Auszahlungen zu verzögern, bestehe nicht.

Theresia Rohr ist beruhigt, dass der Bund mehr Sachbearbeiter eingestellt hat. «Ich hoffe, dass das den Prozess etwas vorantreibt», sagt sie.