Aargau

Verdingkinder: «Kein Geld kann das je wiedergutmachen»

Feldarbeit von sechs Buben aus der Armenerziehungsanstalt «Dorneren» ob Wattenwil im Gürbetal in den 1950er-Jahren.

Feldarbeit von sechs Buben aus der Armenerziehungsanstalt «Dorneren» ob Wattenwil im Gürbetal in den 1950er-Jahren.

Seit über das Thema «Verdingkinder» vermehrt berichtet wurde, haben sich mehr Betroffene bei der Hauptanlaufstelle für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen gemeldet – rund 200 beantragten ein Soforthilfegesuch.

Silvia Riedo ist bei der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn seit zwei Jahren die Hauptanlaufstelle für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981. Zu den Betroffenen zählen Verding- und Heimkinder, administrativ Versorgte (in geschlossenen Anstalten und sogar Strafanstalten), Zwangsadoptierte, erzwungene oder ohne Zustimmung erfolgte Abtreibungen und Fahrende.

Etwa 200 Menschen mit verschiedenen Erlebnissen meldeten sich in den vergangenen zwei Jahren bei ihr, als man ein Soforthilfegesuch stellen konnte, wenn man in finanziell prekären Verhältnissen lebt. Je mehr geschrieben und Erlebnisberichte publiziert wurden, desto mehr Betroffene meldeten sich bei der Beratungsstelle Opferhilfe. Laut Riedo waren je rund 40 Prozent als Verding- oder Heimkinder bzw. administrativ Versorgte betroffen, und je etwa 10 Prozent Zwangssterilisierte und junge Mütter, denen man ihr Kind weggenommen hatte.

Riedo: «Ich erfuhr von sehr tragischen Schicksalen. Es gab harte körperliche Bestrafungen in Kinderheimen, deren Leitungen von der grossen Anzahl der anvertrauten Kinder überfordert waren. Es gab bei Bauern Missbrauch von Mädchen und Buben, die schon ganz jung als Knechte und Mägde ausgebeutet wurden. Von der schweren körperlichen Arbeit und dem psychischen Missbrauch haben viele Verletzungen davongetragen mit beispielsweise Rücken- und Gelenkproblemen sowie psychische Erkrankungen. Viele sind heute gar invalid.

Wie wird das Leid von Verdingkindern entschädigt?

Wie wird das Leid von Verdingkindern entschädigt?

Bern - 26.4.2016 - Der Nationalrat debattiert heute über die sogenannte Wiedergutmachungsinitiative. Sie fordert eine finanzielle Entschädigung für Verdingkinder. Die SVP ist gegen eine finanzielle Wiedergutmachung für die Opfer und befürchtet eine Amerikanisierung des Systems.

Drei Tage im Keller eingesperrt

Verbreitet war zudem das Prinzip «Arbeit vor Schule.» Dementsprechend erbrachten viele schlechte Schulleistungen, und wurden deshalb auch ausgegrenzt. Es kam vor, dass Kinder bei Wasser und Brot drei Tage im dunklen Keller eingesperrt waren. Riedo: «Sie haben in ihrer Jugend keine Liebe und Geborgenheit erfahren. So hatten viele später Probleme in ihren Beziehungen. Zahlreiche Partnerschaften gingen in die Brüche, weil die Betroffenen nie gelernt haben, wie eine Familie funktioniert.»

RAWR: Müssen Verdingkinder angemessen entschädigt werden?

Es gab durchaus zerrüttete Familien mit acht bis zehn Kindern, mit einem Alkoholiker als Vater, bei denen die Vormundschaftsbehörde eingriff und Kinder wegnahm. Doch damit gerieten die meisten buchstäblich vom Regen in die Traufe. Sie kamen zum Teil erst in ein Kinderheim. Doch weil das Geld kostete, war die nächste Station «Verdingkind». In Bern, so Riedo, «gab es einen richtigen Verdingkindermarkt, wo sich alle aufstellen mussten, sodass sich die Bauern wie am Viehmarkt die Kräftigsten aussuchen und mitnehmen konnten. »

Mit 80 erstmals davon erzählt

Manch ein ehemaliges Verdingkind hat seine Erlebnisse sein Leben lang für sich behalten, so schämte es sich für das erlittene Unrecht. Silvia Riedo war dabei, als in einer Beratung die Frau eines 80-jährigen Mannes überhaupt erst erfuhr, dass er ein Verdingkind gewesen und was ihm dort widerfahren war. Viele Betroffene seien sehr verbittert und enttäuscht, so Riedo. Etliche treten sehr fordernd auf. Jemand verlangte gar eine Entschädigung von einer Million Franken.

Wieder andere wollen dieses Kapitel abschliessen und sagten ihr, kein Geld der Welt könne das erlittene Unrecht wieder gut machen. Am Mittwoch wird sich im Nationalrat zeigen, ob die Schweiz bei der Bewältigung damaligen Unrechts einen Schritt vorwärtskommt.

Die Beratungsstelle Opferhilfe hat das Angebot für die Betroffenen momentan reduziert, wird erst wieder aktiv, sobald das Gesetz in Kraft gesetzt wird. Riedo: «Wir rechnen, 2017 ist es so weit. Bis dahin werden die Adressen aufgenommen und die Betroffenen werden von uns kontaktiert, sobald ein Anspruch entsteht.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1