Spardebatte

Verbote, Einmischung, Spezialangebote – Im Vorfeld des Lehrer-Protests rumort es gewaltig

Die Schulen im Aargau bereiten sich höchst unterschiedlich auf die Kundgebung vom 8. November vor. In Oberwil-Lieli mischt sich auch der Gemeinderat ein und in Untersiggenthal kümmern sich die Eltern um den Räbeliechtliumzug. Und ein Villmerger Schüler macht ein ungewöhnliches Angebot.

Am 8. November werden ab 13 Uhr mehrere tausend Personen in Aarau über die Bahnhofstrasse Richtung Aargauerplatz ziehen. Der Protestmarsch mündet in eine Kundgebung vor dem Grossratsgebäude. Kathrin Scholl, die stellvertretende Geschäftsführerin beim Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (alv), der die Kundgebung organisiert, ist zuversichtlich, dass rund 4000 Personen teilnehmen werden. Dabei soll Grossratspräsident Marco Hardmeier die Resolution gegen den drohenden Bildungsabbau übergeben werden. «Zurzeit treffen täglich rund 1000 neue Unterschriften beim alv ein», sagt Scholl. Bisher haben schon 12 000 Menschen die Resolution unterzeichnet. «Wir sind überrascht und hocherfreut über die grosse Resonanz», erklärt Scholl.

Die Resolution fordert neben dem Verzicht auf die Sparmassnahmen konkurrenzfähige Löhne für Lehrpersonen, und zwar im Vergleich mit den Nachbarkantonen.

Klare Vorgaben

Der Kanton hat klar kommuniziert, dass jede Lehrperson an der Kundgebung gegen die geplanten Sparmassnahem im Bildungsbereich teilnehmen darf. Allerdings unter folgenden Bedingungen: Schulpflegen und Schulleitungen sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass der Schulbetrieb angemessen aufrechterhalten werden kann und die Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall gemäss den verbindlichen Stundenplanzeiten und Aufsichtspflichten der Schulleitung und der Lehrpersonen betreut sind. Ausgefallene Arbeitszeiten sind im Rahmen der Jahresarbeitszeitkontrolle auf geeignete Art und Weise zu kompensieren.

Diese Weisung des Bildungsdepartements (BKS), die auf den ersten Blick klar und deutlich erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als vielfältig auslegbar, wie ein kleiner und unvollständiger Überblick zeigt.

Schulpflegen und Schulleitungen der rund 350 Aargauer Schulhäuser haben die Vorgaben des BKS nämlich höchst unterschiedlich interpretiert und gelegentlich auch recht originell umgesetzt.

Zum Beispiel die Schule Küttigen-Rombach. Schulführung und Mitarbeitende nehmen an der Kundgebung teil. Die logische Folge: Die Schule fällt am Nachmittag aus. Anfänglich war vorgesehen, dass Schülerinnen und Schüler frei haben. Diese Auslegung ging dem BKS nun aber doch zu weit. In einem Schreiben an Schulpflegen und Schulleitungen erinnerte Christian Aeberli, Leiter Volksschule Aargau daran, dass zumindest ein Betreuungsangebot stattfinden muss. Das wird nun auch in Küttigen und Rombach so sein.

Gemeinderat mischt sich ein

In Oberwil-Lieli hat sich auch der Gemeinderat in die Debatte um die Ausgestaltung des 8. Novembers eingemischt. Der Gemeinderat sei enttäuscht, «dass sich die Lehrerschaft von Oberwil-Lieli dem Streik der Lehrergewerkschaft anschliessen will», lässt man im amtlichen Mitteilungsblatt der Gemeinde verkünden. Dann listet der Gemeinderat unter Regie von Andreas Glarner auf, was Oberwil-Lieli alles für seine Lehrpersonen leiste (neues Schulhaus, grosszügige Arbeitsräume, elektronische Wandtafeln) und er schliesst mit einem moralischen Appell: «Es kann aber nicht sein, dass man sich über den Abbau von Lektionen beschwert (...) und dann sogar noch Lektionen für Streikveranstaltungen der Gewerkschaften ausfallen lässt.» Am Dienstag wird man wissen, ob der Glarnersche Appell Wirkung zeitigte.

Die allermeisten Schulen gehen ganz pragmatisch und im Sinne des BKS vor. «In Baden fällt keine Schule aus», sagt Geschäftsleiter Alexander Grauwiler, «aber wer an die Kundgebung will, darf das natürlich tun». Wo nötig, werden Sonderprogramme angeboten. Ähnlich hält es auch die Schule Wohlen.

«Eine Delegation von Lehrpersonen, Schulleitung und Schulpflege wird sich an der Kundgebung beteiligen», sagt Schulsekretär Ernesto Hitz. Der Unterricht fällt aber nicht aus, sondern findet zu den gewohnten Unterrichtszeiten statt. «Allenfalls in einem etwas speziellerem Rahmen», ergänzt Hitz.

Räbeliechtli trotz Kundgebung

Beinwil am See nutzt die Kundgebung für einen Suppentag, zu dem auch die Bevölkerung eingeladen ist, in Fischbach-Göslikon helfen Schulpflege und Schulleitung bei der Betreuung der Kinder, in Gipf-Oberfrick können alle Eltern die Kinder in den Hort bringen. Lehrpersonen aus Veltheim werden schwarz gekleidet und mit dunkler Brille nach Aarau reisen; derweil die Elternvereinigung in Untersiggenthal dafür sorgt, dass der Räbeliechtli-Umzug trotz Kundgebung wie gewohnt stattfinden kann. So führt die Weisung des BKS zu allerhand kreativen Aktionen und Reaktionen in den Aargauer Schulgemeinden.

Doch die schönste Geschichte kommt diesmal aus Villmergen: Die Primalehrerin erklärt ihrer Klasse, dass unter Umständen der Unterricht in Halbklassen ab dem nächsten Schuljahr nur noch beschränkt möglich ist, weil dem Kanton das Geld dafür fehlt. Worauf ein Viertklässler sich zu Wort meldet und sagt, wenn das helfen würde, damit es bleibt, wie es ist, also er würde schon zehn Franken von seinem eigenen Geld bezahlen.

Dürfen Lehrpersonen für ihre Anliegen während der Unterrichtszeit demonstrieren und ist es legitim, dass sie einmal mehr für ihre Interessen auf die Strasse gehen? Elisabeth Abbassi, die Präsidentin des Aargauischen Lehrerverbands, und Pascal Furer, SVP-Grossrat, diskutieren in "Talk Täglich" auf "Tele M1".

Demo gegen Bildungsabbau

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Dürfen Lehrpersonen für ihre Anliegen während der Unterrichtszeit demonstrieren und ist es legitim, dass sie einmal mehr für ihre Interessen auf die Strasse gehen?

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Autor

Jörg Meier

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