Aarburg

Verachtet und verehrt - wer ist der Kämpfer gegen die Asylunterkunft wirklich?

Erst regnet es, dann scheint die Sonne wieder: Hans-Ulrich Schär vor dem Rathaus in Aarburg.André Albrecht

Erst regnet es, dann scheint die Sonne wieder: Hans-Ulrich Schär vor dem Rathaus in Aarburg.André Albrecht

Es war im April, als der Gemeinderat zur geplanten Asylunterkunft in Aarburg «basta» sagte. Kurz darauf erwähnte Gemeindeammann Hans-Ulrich Schär, dass Bettwil für ihn ein gutes Vorbild sei. Dann wurde gegrillt – seither ist Schär berühmt.

Hans-Ulrich Schär (48) ist bekannt. Als Gegner des Asylzentrums in Aarburg und als Schwingfan. Er wird verehrt und verachtet. Schär ist der Wilhelm Tell von Aarburg – ein Kämpfer gegen die Obrigkeit, ohne Armbrust, dafür mit Bauch. Er ist einer, der gern in die Bratwurst beisst. Gegrillt gegen die Asylbewerber, schön knackig. «Nein, falsch», würde er sagen. «Nicht gegen die Asylbewerber, gegen die Asylunterkunft. Wie oft muss ich das eigentlich noch sagen?»

Wer er ist? «De Städli-Amme vo Aarbig.» Seit vier Monaten im Amt. Angetreten, weil er den Aarburgern eine Auswahl bieten wollte. Überraschend gewählt und jetzt in der ganzen Schweiz bekannt.

Verliebt in chinesische Reiseleiterin

Wer er ist? Der Statist, der im Film «Achtung, fertig, Charlie» im Striplokal sitzt und ein Bier trinkt. Der Mann, der sich auf einer Fernostreise in die chinesische Reiseleiterin verliebt, sich verlobt und die Liebe aufgibt, als der chinesische Vater zur Tochter sagt: «Wenn du diesen Mann heiratest, habe ich keine Tochter mehr.» Er ist auch der Mann, der nach einem Besuch bei der Armee einen Leserbrief verfasst, schreibt, wie er es noch knapp verkraften konnte, als das «Ghackte mit Hörnli» mit einer Bolognese-Sauce serviert wurde, aber in Rage geraten sei, als dazu ausländischer Käse – Parmesan – gereicht wurde.

Hans-Ulrich Schär ist ein Bauernbub. Schon früh war klar, dass sein Bruder den Hof übernehmen würde. Für zwei hatte es keinen Platz. Und Schär hatte auch keine Lust. Also ging er der Mutter zur Hand. Er kann darum putzen, gärtnern und den Sonntags-Zopf backen. Darum weiss er, was es braucht, damit der Zopf perfekt wird. «Schweineschmalz. Probieren Sie es aus – schmeckt wunderbar, wirklich!» Weil er nicht Bauer wurde, wurde er Postbeamter. Weil ihm das nicht gefiel, wurde er Programmierer. Und weil er sich mit einem einfachen Lehrgang nicht zufrieden gab, hat er heute einen Masterabschluss in Informatik. Aber das hänge er nicht an die grosse Glocke, sagt er.

Aarburg blockiert Asylunterkunft

Aarburg blockiert Asylunterkunft

Der grosse Organisator

Heute berät Schär global tätige Firmen bei der Vereinheitlichung der Personalsoftware. Er ist ein Organisator. Er war im Theaterverein. Welche Rolle? «Präsident.» Schär ist im Schwingverein. Wie gut? «Gar nicht, ich organisiere das Schwingfest.» Und früher auf dem Spielplatz, war er da auch der Anführer? «Ich bin ein Bauernkind, war nicht viel auf dem Spielplatz.» Kinder hat Schär keine. Er wäre zu ungeduldig, sagt er.

Schär sagt von sich, dass er nach der Stadtbibliothek am zweitmeisten Bücher in Aarburg besitze. Schär liebt klassische Konzerte, aber auch Ländler. Schär sagt, dass er Überheblichkeit hasse. Was ihn deshalb begleitet, ist dieser eine Satz aus dem Theaterstück «Jedermann» von Hugo von Hofmannsthal. Es geht darum, dass die Hauptfigur Jedermann den Koch anweist, ihm am nächsten Morgen ein Frühstück zuzubereiten. Da sagt ihm der Koch, dass es noch Reste gebe von Abend. Jedermann antwortet ihm schroff: «Du Esels-Koch bist so vermessen, / Soll ich eine Bettlermahlzeit essen.» Schär sagt: «Reste essen ist in meinen Augen keine Schande. Aus Resten kann man sehr viel Gutes machen, wenn man es gelernt hat.» Schär lacht.

Widerstand aufgeben keine Option

Städtli-Amme Schär erzählt, er sei weit aussen verwandt mit Bundesrat Minger. Auch der war bekannt für seine Witze. Schär selber war einst in der SVP. Sogar Aarburger Ortsparteipräsident. Aber dann, als Ogi die Politbühne verliess, trat auch Schär von der Lokalbühne ab. Ihm habe das Diktatorische nicht mehr gefallen. «Ich habe einen Kopf, ich kann selber denken.»

Nun hofft Schär, dass es ruhiger wird in Aarburg. Obwohl: Den Widerstand aufgeben ist für ihn keine Option. Und damit ist es mit der Ruhe wohl nicht weit her. Ruhige Momente hat er trotzdem – mit seiner neuen Liebe Annelies. Sie ist Mitbesitzerin eines Reithofs im Welschland. Schär ist also auch ein Reiter. «Ein Reiter? Nein, um Gottes Willen, das arme Pferd.» Er habe das Pferd lieber auf dem Teller. Aber er fahre mit seiner Annelies gern hin und wieder mit der Kutsche aus.

Meistgesehen

Artboard 1