Fall Anna
Vater frustriert nach Abschied: «Ganz schlimm, Anna so zu sehen»

Bevor die Tochter nach Mexiko muss, durfte Vater Beni Hess sie ein letztes Mal treffen. Wann sie zur Mutter zurückreist, weiss er nicht. Unklar ist zudem, ob Anna überhaupt bei ihrer Mutter wohnen wird.

Mario Fuchs
Drucken
Teilen
«Eigentlich haben wir ein grossartiges System, aber ab und zu passieren Fehler»: Beni Hess über den Rechtsstaat Schweiz.

«Eigentlich haben wir ein grossartiges System, aber ab und zu passieren Fehler»: Beni Hess über den Rechtsstaat Schweiz.

Chris Iseli/AZ

Rund um Beni Hess ist es Hochsommer – in seinem Innern tiefer Winter. Ein Wohnblock in Bremgarten, Blick auf den Spielplatz, das Nachbarhaus wird renoviert. An diesem Samstag arbeitet niemand auf der Baustelle, spielt niemand auf dem Spielplatz. Im Kinderzimmer steht ein Schulrucksack, als wäre er vor fünf Minuten hier abgesetzt worden. Einen Tag vorher, am 10. Juli, hat Hess die Gewissheit: Anna (Name geändert) muss zurück nach Mexiko, zur Mutter, die Gerichte haben es so entschieden. Endgültig. Auch eine letzte Beschwerde vor Bundesgericht ändert nichts.

Wann Anna ins Flugzeug steigt, weiss man noch nicht. Bei der Vollzugsbehörde, dem Aargauer Departement Volkswirtschaft und Inneres, heisst es auf Anfrage, es seien viele Leute involviert, mehrere Schritte nötig. «Es ist noch unklar, wann genau die Rückführung vollzogen wird», sagt Sprecher Samuel Helbling.

Abschied unter Aufsicht

Klar ist: Am vergangenen Freitag konnte Beni Hess seine Tochter noch einmal in den Arm nehmen – zum letzten Mal auf unbestimmte Zeit. Am Morgen wird er von der Polizei abgeholt, an einen unbekannten Ort gebracht. Viele Polizisten warteten bereits, erzählt Hess, auch zwei Mitschüler von Anna und der Klassenlehrer. Unter Aufsicht dürfen sie Zeit mit Anna verbringen. Hess erhält eine Stunde. Mit dabei: Hans Peter Fricker, Generalsekretär des Departements Volkswirtschaft und Inneres, und eine Sozialpädagogin.

Zuvor hatten sie sich zu einem Vorbereitungsgespräch getroffen: «Was man sagen durfte und was nicht, war genau abgesteckt», erzählt Hess. Man habe keinen Widerstand wecken, Anna nicht stärken oder motivieren dürfen, sich zu wehren. Selbst hatte das Mädchen bis zuletzt betont, nicht nach Mexiko zurückzuwollen – und wenn, dann nur mit Unterschrift der Mutter, dass sie regelmässigen Kontakt zum Vater behalten dürfe. «Das war ganz schlimm, sie so zu sehen», sagt Hess. «Anna ist willensstark, das hat sie gelernt. Aber jetzt hat man ihr zwei Monate lang gesagt: ‹Du kannst nichts machen.›» Das habe seine Tochter gebrochen. Zum Kind, das er zuletzt gesehen hatte, sei es ein «himmelweiter Unterschied» gewesen.

Wer beeinflusst wen?

Das Bundesgericht hatte es in seinem vorletzten Entscheid den Aargauer Richtern überlassen, ob sich Vater und Tochter noch einmal sehen dürfen. Seit Wochen bestand für alle Schweizer Angehörigen ein Kontaktverbot. Die 9-Jährige war in einem Kinderheim in Brugg untergebracht, wurde dort von Jürg Unger, Chefarzt und Bereichsleiter der Aargauer Kinder- und Jugendpsychiatrie, persönlich begutachtet. Briefe durften sich Vater und Kind schicken, aber jeder einzelne wurde vor der Aushändigung geprüft – und nicht jeder weitergeleitet. Begründet wurde das Verbot vom Gericht laut Hess nie – trotz mehrmaligem Nachfragen. Auch der renommierte Kinderrechtsprofessor Andreas Bucher kritisierte die Regelung als völlig unverhältnismässig.

Hess sagt, statt eine Beeinflussung zu verhindern, sei bewusst eine einseitige Beeinflussung mütterlicherseits konstruiert worden. Denn: Die Mutter durfte – als Einzige neben dem Anwalt des Kindes – Anna jederzeit besuchen und anrufen. Skype-Telefonate mit mexikanischen Familienmitgliedern seien ebenfalls möglich gewesen. Hess zieht deshalb das Setting, in dem Annas Reisefähigkeit bestätigt und die Gefahr psychischer Schäden verneint wurde, in Zweifel. Im Bericht sei nicht Annas Zustand festgehalten worden, sondern Annas Zustand «nach einseitiger Beeinflussung». Zudem seien Suizidabsichten, die einst die Mutter geäussert hatte, plötzlich dem Vater zugeordnet worden – was dem Vater jetzt als Beeinflussungsversuch unterstellt wird.

Wird Anna gar nicht bei ihrer Mutter wohnen?

Wie Fälle internationaler Kindsentführung gelöst werden müssen, schreibt das Haager Übereinkommen vor. Ziel ist es dabei nicht, ein Kind einem Elternteil zuzuteilen, sondern lediglich einem Aufenthaltsort. Anna wird dort nicht bei der Mutter, sondern bei der Grossmutter wohnen. Die Mutter kann dem Vernehmen nach nicht selbst für das Kind sorgen. Ob der Vater seine Tochter künftig besuchen kann, ist unklar. Vorerst darf er nicht ausreisen: Weil sich seine Mutter mit Anna zwischenzeitlich nach Frankreich abgesetzt hatte, um der Rückführung zu entgehen, läuft auch gegen Beni Hess ein Strafverfahren. Sein Pass wurde eingezogen, mehrmals pro Woche muss er sich bei der Polizei melden.

Hess zeigt sich vom Rechtsstaat Schweiz «wahnsinnig enttäuscht»: «Eigentlich haben wir ein grossartiges System, aber ab und zu passieren Fehler. Die können sich die Richter dann unter keinen Umständen eingestehen.»

Der Fall Anna

Anna* ist das eheliche Kind von Beni Hess, Bremgarten, und einer Mexikanerin. Das Kind wuchs in Mexiko auf, der Vater führte eine Tauchschule. Der Plan der Familie: Ab 2015 soll Anna in der Schweiz zur Schule. Vor einem Jahr bringt Hess seine Tochter hierher, um sie mit Land, Schule und Kindern vertraut zu machen. Die Mutter bleibt in Mexiko. Währenddessen spitzt sich dort – auch am Wohnort La Paz im Bundesstaat Baja California Sur – der Drogenkrieg immer mehr zu. Hess entscheidet, es sei gefährlich, Anna zurückzuschicken – obschon die Familie dies so vereinbart hatte. Die Mutter klagt beim Aargauer Obergericht auf Kindsentführung. Dieses gibt ihr nicht Recht: Anna dürfe hierbleiben. Dies ist auch der Wille von Anna. Die Mutter geht aber vor Bundesgericht und erhält Recht: Der Vater habe Anna stark beeinflusst, auf den Willen des Mädchens könne nicht abgestützt werden. Als konkret Annas Rückführung droht, setzt sich deren Grossmutter – die Mutter von Beni Hess – mit dem Kind nach Frankreich ab. Nach mehrtägiger Flucht werden sie gestellt. Es folgt ein juristisches Tauziehen, das am vergangenen Freitag endete.

Aktuelle Nachrichten