Häusliche Gewalt

Väterhaus-Leiter: «Männer werden vorschnell schuldig gesprochen»

Harry Tritschler, Leiter des Männer- und Väterhauses, berät gewaltbetroffene Männer. Emanuel Freudiger

Harry Tritschler, Leiter des Männer- und Väterhauses, berät gewaltbetroffene Männer. Emanuel Freudiger

Harry Tritschler, Leiter des Männer- und Väterhauses mit Standort im Aargau, kämpft für die Gleichberechtigung der Männer. Denn das einzige Männer-/Väterhaus in der Schweiz bekommt kein Geld.

Es gibt in der Schweiz 17 Frauenhäuser, die vom Staat finanziell unterstützt werden. Und es gibt ein Männer-/Väterhaus, das kein Geld bekommt. Weshalb?

Harry Tritschler: Unsere Institution ist ein Dorn im Auge der Gesellschaft.

Warum?

Wir stellen die Frage, ob es richtig ist, dass Frauen in die Opferrolle entlassen und Männer in die Täterrolle manövriert werden. Wir verfolgen keine Mainstream-Theorie. Darum stelle ich die Frage: Will der Kanton eine Institution wie den «ZwüscheHalt» überhaupt?

Man kann auch fragen: Braucht es ein Männer-/Väterhaus überhaupt?

Wir erleben einen kontinuierlichen Zuwachs an Anfragen von Männern in Not. Das wiederum stürzt die Gesellschaft in den Glaubenskonflikt, ob es wirklich so ist wie unter anderem von feministischer Seite propagiert, dass überwiegend Frauen Opfer von häuslicher Gewalt sind.

Sie erleben im Männer-/Väterhaus eine andere Realität.

Genau, bei uns melden sich Männer, die psychische und physische Gewalt in Beziehungen erleben. Kürzlich rief ein Vater an, der seit längerer Zeit von seiner Frau psychisch unter Druck gesetzt wird. Die beiden haben ein kleines Kind, seine Frau lässt ihn nachts nicht schlafen, weckt ihn im Stundentakt auf. Wacht er nicht auf, schlägt sie ihn. Der Mann ist übermüdet, weil er tagsüber arbeiten musste. Er ist dann mit dem Kind zu uns gekommen.

Der geschlagene Mann passt nicht in unser Weltbild.

Weder der geschlagene noch der gedemütigte Mann passen ins Weltbild. Und damit oft auch nicht in die Auslegungen der Opferhilfen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Bei mir war ein Mann, der mit einer Frau eine Beziehung hatte und zugleich in ihrem Unternehmen arbeitete. Das Paar wohnte zusammen. Die Frau wollte ihn loswerden. Sie warf den Mann aus der gemeinsamen Wohnung und sperrte seine Konten. Der Mann schlief im Auto, hatte kein Geld. Als er bei mir war, rief ich bei der zuständigen Opferhilfe an und bat um Soforthilfe. Was glauben Sie, was man mir dort antwortete?

Keine Ahnung.

Im Originalton hat die Mitarbeiterin gesagt: Nur weil ein Typ im Auto schläft und rausgeschmissen wurde, ist das noch lange kein Fall von häuslicher Gewalt. Die Mitarbeiterin, die das sagte, arbeitet bei einer kantonalen Stelle, finanziert mit Geldern aus der öffentlichen Hand. Stellen Sie sich vor, die Situation wäre umgekehrt gewesen und bei mir hätte eine aufgelöst Frau gesessen, die drei Nächte im Auto geschlafen hätte.

Wer dem Rollenbild nicht entspricht, hat es also schwierig?

Eigentlich kämpfen die Frauen dafür, dass Rollenbilder aufgeweicht werden. Irritierend finde ich, dass die Gesellschaft es nur tut, wenn es passt. Passt es nicht, fällt man lieber wieder ins Mittelalter zurück. Dort sind dann die Männer oben und damit die Täter. Die Frauen sind die Schwachen und damit die Opfer.

Was bedeutet das konkret?

Der Mann ist in seiner Rolle als angeblicher Täter heute so gefestigt, dass er sich sogar selber häufig nur in dieser Rolle sieht. Aus systemischer Sicht haben meiner Ansicht nach Opfer auch Täter(innen)anteile und Täter(innen) auch Opferanteile.

Der Mann ist also das Opfer der Gleichberechtigung der Frau?

Ich glaube, dass es die Anfänge der Frauenbewegung gebraucht hat. Das war gut. Aber heute mit den erstarkten Frauenrechten haben wir uns dahin entwickelt, dass Männer vorschnell schuldig gesprochen werden. Und Frauen in einer Art Kokon sitzen und diese Schuld aussprechen. Aus meiner Sicht sind wir da in ein unheilvolles Fahrwasser geraten.

Weshalb verzeichnen Sie einen Zuwachs an Anfragen in Ihrem Haus?

Die Männer verlassen vielleicht gerade den Deckmantel des Schweigens. Vielleicht lernen sie gerade ihre Schamgrenzen zu überwinden, sich in Männersolidarität statt Abgrenzung zu üben und sich gegen ihr miserables Bild in der Gesellschaft zu wehren. Vielleicht ergreifen Männer und Väter aber auch ihr wiedergefundenes Mitbestimmungsrecht in Kindes- und Erziehungsfragen.

Frauen, die in Frauenhäuser flüchten, bekommen Soforthilfe zugesprochen. Sie erhalten zumindest vom Aargau kein Geld. Warum?

Wir sind bisher keine anerkannte Einrichtung. Aktuell sind wir daran, eine Betriebsbewilligung einzureichen, und hoffen nun wirklich alle Auflagen zu erfüllen. Bis dahin müssen wir um jeden Rappen kämpfen und sind auf Spenden angewiesen.

Was haben Sie für einen Bezug zu Frauenhäusern?

Frauenhäuser sind eine wichtige Institution. Ich erfahre von Männern aber auch, dass Frauenhäuser von einzelnen Frauen ausgenutzt werden.

Wie meinen Sie das?

Ein Mann ruft mich an und sagt, dass seine Frau mit zwei Polizisten in die Wohnung kam und dann ins Frauenhaus ging. Er schwor, dass er nicht gewalttätig war.

Was war vorgefallen?

Der Mann erzählte mir, dass sie sich gestritten hätten wegen einer Reise. Die Frau wollte diese Reise unbedingt machen, aber das Familienbudget liess das nicht zu. Aus Wut darüber hat sie sich den verlängerten Arm der Behörde zunutze gemacht und ist ins Frauenhaus gegangen.

Was folgern Sie daraus?

Gesetze sind zwar geschlechtsneutral formuliert, geht es aber um die Interpretation dieser Gesetzte, spielt dann sehr wohl mit rein, ob die betroffene Person weiblich oder männlich ist.

Hat sich Ihr Frauenbild verändert, seit Sie das Männer-/Väterhaus leiten?

Wenn früher ältere Männer sagten, dass Frauen intriganter sind als Männer, wehrte ich mich dagegen. Ich fand solche Sprüche frauenfeindlich. Jetzt, wo ich diesen ganzen Bereich beleuchte und sehe, wie sich viele Frauen den Staat zunutze machen, um sich einen Vorteil zu verschaffen, komme ich zum Schluss, dass intrigantes weibliches Verhalten durchaus eine gewisse Relevanz hat. Wichtig ist mir, dass sich dies auf Einzelpersonen und nicht auf Frauen allgemein bezieht.

Sind Sie frauenfeindlich?

In unserer Gesellschaft ist das ein harter Vorwurf. In dem Moment, in dem eine Strömung jemandem vorwirft, frauenfeindlich zu sein, ist sein Ruf ruiniert. Das ist gefährlich. Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit macht jeden mundtot. Es ist darum schwer aufzuzeigen, dass Männer in unserer Gesellschaft wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden, wenn die Gegenseite das als Frauenfeindlichkeit abtut.

Was fordern Sie, damit sich die Situation der Männer ändert?

Ich fordere, dass ergebnisoffene Forschung betrieben wird. Ich fordere, dass man hinschaut, was da passiert. Dass man die Leidenswege der Männer und Kinder erforscht, was sind die Ursachen und welche Erfahrungen machen Männer mit Behörden. Es braucht Hilfsangebote für Männer und ihre Kinder ohne Täterrollenzuschreibung. Diese Forschung muss unabhängig, ohne feministische Bezüge und Genderlobbyismus passieren.

Ist es realistisch, dass solche Forschung vom Staat finanziert wird?

Wenn man die Männer ernst nimmt, dann müsste das stattfinden.

Ein ausführlicher Bericht über das Väterhaus und ein konkreter Fall lesen Sie hier.

Meistgesehen

Artboard 1