Peter Bitterli hat schon vor gut 50 Jahren, als das Eisenbergwerk in Herznach geschlossen wurde, auf der Abraumhalde nach Fossilien gesucht. Damals war Bitterli ein junger Bursche, heute ist er ein renommierter Geologe, der unter anderem die Bohrungen der Nagra für ein Atomendlager wissenschaftlich begleitet hat. Während seiner jahrzehntelangen Arbeit hat der Forscher unzählige Fundstellen und zahllose versteinerte Urzeit-Tiere gesehen. Doch die Entdeckung, die Freiwillige des Vereins Eisen und Bergwerke letztes Jahr in einem Seitenstollen der ehemaligen Erzmine gemacht haben, beeindruckt auch Peter Bitterli.

Fund natürlich geschützt

«Eher zufällig sind wir dort auf einen rund 160 Millionen Jahre alten Meeresboden gestossen, der mit Hunderten von Ammoniten übersät ist», sagt Geri Hirt, der Vizepräsident des Vereins. «Das ist ein einzigartiger Fund, weil die Fossilien im Bergwerk geschützt sind, sind sie ausserordentlich gut erhalten», freut sich Geologe Bitterli. Es sei zwar bekannt, dass in der Gesteinsschicht, die in einem Seitenstollen angeschnitten wurde, viele Versteinerungen zu finden seien. «Doch wenn eine solche Schicht an die Oberfläche kommt und der Witterung ausgesetzt ist, wie es meistens der Fall ist, werden die Fossilien beschädigt oder sogar zerstört», erklärt er. Hier, im ehemaligen Bergwerk, sei der Fund durch die dicken Gesteinsschichten darüber praktisch natürlich vor Verwitterung geschützt.

Nicht völlig überraschend kam die Entdeckung der Versteinerungen für Ruth Reimann, die Leiterin der Ammonitengruppe des Vereins. «Einige unserer Mitglieder haben schon vermutet, dass unterhalb der Erzschicht zahlreiche Fossilien zu finden sind», sagt sie. Dass aber gleich mehrere Quadratmeter versteinerter Meeresboden zum Vorschein kommen würden, habe niemand erwartet. «Wir haben die Funde dann mit einem Feuerwehrschlauch abgespritzt und in Handarbeit mit Bürsten gereinigt», sagt Geri Hirt.

Ammonitenfriedhof im Berg

Doch wie sind die Urzeit-Tiere nach Herznach gekommen? Geologe Bitterli sagt, der Ammonitenfriedhof sei im seichten Wasser eines Ozeans vor gut 160 Millionen Jahren entstanden. Das Fricktal lag damals in einer subtropischen Region, die Wassertemperatur betrug zwischen 22 und 24 Grad, im Meer schwammen verschiedene Arten von urzeitlichen Lebewesen. Früher gingen Geologen davon aus, dass die Schalen der toten Ammoniten auf den Meeresboden sanken, dort von Sand überdeckt wurden und im Verlauf der Jahrmillionen versteinerten. Mit dieser Theorie liesse sich laut Bitterli eine so grosse Zahl von Fossilien auf kleinem Raum, wie sie im Bergwerk Herznach entdeckt wurde, aber kaum erklären.

Wirbelsturm als Auslöser

Er geht davon aus, dass ein Wirbelsturm massgebend dazu beitrug, dass sich der Ammonitenfriedhof bildete. Wenn ein solcher Hurrikan vor 160 Millionen Jahren auf die seichten Ozeanteile traf, entstand eine Sturmflut, die viel Wasser in die küstennahen Zonen des Meeres drückte. Als der Sturm vorüber war, floss dieses Wasser wieder ab in Richtung offenes Meer – und zwar in einem bodennahen Gegenstrom, wie der Geologe sagt. So wurden die Schalen der abgestorbenen Ammonitentiere, die am Boden lagen, zusammen mit Sand aufgewirbelt. Beides wurde laut Bitterli später in kleine Mulden am Grund des flachen Meeresteils geschwemmt, wobei die Schalen, die schwerer waren als der Sand, nach unten sanken. «Sie bildeten eine sogenannte Schalenlage, so könnte dieser Ammonitenfriedhof entstanden sein», erläutert der Geologe seine Theorie.

Ein bisschen unheimlich und sehr faszinierend: Der Gang in den Stollen.

Ein bisschen unheimlich und sehr faszinierend: Der Gang in den Stollen.

Künftig mit einem Glasboden?

Bei der Medienbegehung im Bergwerk gestern Mittwoch war der Meeresboden noch mit einem Gitter abgesperrt; noch sind nicht alle Arbeiten abgeschlossen. «Wir haben schon ein paar Stellen mit speziellen Strahlern beleuchtet und könnten uns vorstellen, dereinst einen Glasboden über die Fundstelle zu bauen», sagt Geri Hirt. Vorerst soll der spezielle Ammonitenfriedhof allen Interessierten aber in der heutigen Form zugänglich gemacht werden. Unter dem Titel «Phantastisches aus dem Untergrund – was der Fricktaler Boden hergibt» findet am Ostersonntag, 1. April, eine öffentliche Vernissage statt. «Das ist kein Aprilscherz, wir eröffnen die Saison traditionell immer am ersten Sonntag im April», hält Hirt fest. Besucher können in Herznach nicht nur den versteinerten Meeresboden, sondern auch Fossilien von anderen Fundstellen aus der Region bestaunen, zudem gibt es Gratisfahrten mit der Bergwerkbahn.