Vierfachmord Rupperswil
Urs Hofmann zum Streit um Handyrechnung: «Heikel, wenn wegen Kosten ein Täter nicht gefasst wird»

Der Kanton Aargau streitet mit dem Bund um 800'000 Franken Kosten für die Handy-Ermittlungen im Vierfachmord Rupperswil. Jetzt nimmt Regierungsrat Urs Hofmann Stellung und sagt, warum der Kanton vor Gericht zieht und der Entscheid Einfluss auf zukünftige Strafuntersuchungen haben kann.

Rolf Cavalli
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Urs Hofmann: «Der Regierungsrat im Interesse der Steuerzahler zur Wehr setzen.»

Urs Hofmann: «Der Regierungsrat im Interesse der Steuerzahler zur Wehr setzen.»

Chris Iseli

Erst durch die Recherchen der az wurde der Streit zwischen Aarau und Bern publik: Es geht um 800'000 Franken, die der Antennensuchlauf bei der Jagd nach dem Mörder von Rupperswil gekostet haben soll und die der Bund jetzt dem Kanton Aargau verrechnet. Dieser ficht die Rechnung nun vor dem Bundesverwaltungsgericht an.

Der Kanton akzeptiert die Rechnung von 800'000 Franken nicht. Wussten Sie nicht von Anfang an, wie teuer das Abfangen der Handydaten im Fall Rupperswil kommen wird?

Urs Hofmann: Der Entscheid, die Antennensuchläufe durchzuführen, lag ausschliesslich in der Kompetenz der Staatsanwaltschaft. Als Regierungsrat darf ich auf Ermittlungshandlungen keinen Einfluss nehmen. Selbstverständlich hat mich die Staatsanwaltschaft jedoch darüber informiert, dass aus dieser Massnahme erhebliche Kostenfolgen resultieren können.

Warum zieht der Kanton Aargau die Rechnung für die Handy-Ermittlung vor Bundesverwaltungsgericht?

Unsere Juristen kamen zum Schluss, dass es keine ausreichende gesetzliche Grundlage gibt für eine Kostenauferlegung in dieser Höhe. Mehr darf ich zur Argumentation wegen des laufenden Verfahrens nicht sagen.

Wieviel kostete die Untersuchung im Mordfall Rupperswil insgesamt?

Nur soviel: Die 800'000 Franken für die Handy-Ermittlungen sind ein substanzieller Betrag innerhalb der Gesamtkosten. Vor allem aber entstanden interne Personalkosten, die nicht direkt zu zusätzlichen Ausgaben führten.

Die 800'000 Franken haben Sie aber unabhängig vom Ausgang des Gerichtsverfahrens um die Handykosten als Rückstellung verbucht. Wurde das Parlament darüber informiert?

Die Jahresrechnung 2016 mit der entsprechenden Rückstellung wird dem Grossen Rat in den nächsten Tagen zugestellt und dann in den zuständigen Kommissionen behandelt.

Jetzt kommt es zu einem Gerichtsfall ums Geld, bevor der Strafprozess gegen den Täter von Rupperswil beginnt. Stand nicht zur Diskussion, den Geldstreit ruhen zu lassen und die Rechnung einfach zu begleichen angesichts des Ausmasses der Tragödie?

Nein. Wenn unsere Fachleute eine Rechnung als zu hoch betrachten, muss sich der Regierungsrat im Interesse der Steuerzahler zur Wehr setzen.

Jemand muss letztlich für die Kosten dieser Antennensuchläufe aufkommen. Warum nicht der Kanton?

Darüber muss jetzt das Bundesverwaltungsgericht entscheiden. Der Fall kann ein Präjudiz für andere Fälle werden.

Inwiefern?

Die Frage dahinter ist: Wie stark beeinflusst die Höhe solcher Gebühren die Ermittlungen von Strafbehörden? Im Fall Rupperswil hätte man so oder so entschieden, alles zu tun, um den Täter zu fassen. Aber wie ist das bei weniger spektakulären Fällen und in kleineren Kantonen mit kleinen Budgets? Es wäre heikel, wenn ein Täter nicht gefasst wird, nur weil sich die Strafverfolgungsbehörden aus Kostengründen scheuen, die als notwendig erachteten Ermittlungen vorzunehmen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute
31 Bilder
Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az