Überschwemmungen
Unwetter-Meldungen knacken 4000er-Marke – Gebäudeversicherung braucht fremde Hilfe

Die Schadensmeldungen aus der Region Zofingen nehmen laut der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV) langsam ab. Bislang hat die AGV über 4000 Meldungen erhalten – und sie rechnet mit weiteren.

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Die Spezialisten der AGV sind wegen des Unwetters vom vergangenen Wochenende im Dauereinsatz: Die Schadensbesichtigungen liefen auf Hochtouren, schreibt die Gebäudeversicherung in einer Mitteilung. Das ist auch nötig: Bis anhin hat sie 500 Schäden aufgenommen.

Die Anzahl der eingegangenen Meldungen hat die 4000er-Marke derweil überschritten. Ab nächster Woche sollte die AGV schneller vorankommen: Dann kriegt sie Unterstützung von Experten anderer Kantonalen Gebäudeversicherungen. Die versicherte Schadenssumme schätzt die AGV auf 85 Millionen Franken.

Vor Ort treffen die Versicherungsleute auf "sehr grosse Beschädigungen", wie es in der Mitteilung heisst. Die AGV geht im Vergleich zu früheren Ereignissen von einer ungewöhnlich hohen Schadenssumme pro Gebäude aus.

Das Gewitter, das am Montag nach dem Unwetter über das Freiamt zog, verursachte noch einmal 120 Schäden. Die Schadenssumme liegt hier zwischen einer und anderthalb Millionen Franken.

Die AGV schreibt, sie sei für die hohen Schadenssummen dank einer soliden finanziellen Basis und entsprechenden Rückversicherungen gerüstet. (mwa)

Geschichten, die das Unwetter schrieb:

Geschichten, die das Unwetter schrieb
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Uerkheim: Beim Kommandant der Feuerwehr Uerkental, Thomas Räss, klingeln die Handys unentwegt. «Die einzelnen Schicksale haben jeden von uns durchgeschüttelt, weil sich hier ja praktisch alle kennen.» Unverständlich für Räss sind die «Gaffer-Touristen», die in Scharen kamen und teilweise noch die Arbeiten behinderten. Absolut kein Verständnis hat er für gewisse Arbeitgeber, die nach dem langen Einsatz das Arbeitsverhältnis von Feuerwehrleuten infrage stellen. «Ich bin daran, die Situation rechtlich abzuklären.»
Bottenwil: Nadja Lang aus Bottenwil war mit dem Auto unterwegs, als sie und ihre Familie vom Unwetter überrascht wurden. Wie gewaltig die Natur vorgestern zuschlug, das erfuhr die zweifache Mutter Nadja Lang am eigenen Leib. Sie erzählt: «Wir waren mit dem Auto auf dem Heimweg in Bottenwil. Uns kam das Wasser entgegen. Bäume lagen auf der Strasse. In einer Kurve hielten wir, weil die Strasse einem Fluss glich. Mein Mann stieg aus und ging zu unserem Haus, um nachzusehen, ob das Wasser schon im Keller ist. Ich blieb mit den zwei Kindern im Auto. Plötzlich bemerkte ich, dass das Wasser immer weiter stieg. Das Auto fing an, sich langsam zu bewegen. Ich geriet allmählich in Panik, die Kinder ebenfalls. Ich dachte: ‹Jetzt muss ich reagieren, sonst schwemmt es uns weg!› Ich öffnete die Tür, Wasser floss ins Auto. Die Kinder weinten. Ich nahm die Kleine in den Arm. Neben mir stieg ebenfalls gleichzeitig jemand aus einem Auto aus. Er konnte unseren kleinen Buben am Arm nehmen – wir standen in einem Fluss. Da sah ich, wie der Nachbar uns zuwinkte, bei ihm brachten wir uns schliesslich in Sicherheit. Im eiskalten Wasser verlor ich noch meine Flip-Flops.»
Zofingen: Stadtammann Hans-Ruedi Hottiger. Das Unwetter traf Zofingen besonders hart. "Ich war zu Hause und bin selber vom Unwetter betroffen. Der Garagenparkplatz ist rund 50 Zentimeter unter Wasser gestanden. Auch im Keller hatte es ziemlich viel Wasser. Es gibt verschiedene Konsequenzen oder wenigstens Feedbackrunden, die man machen muss. Wie haben wir das bewältigt? Wie haben wir die Infrastruktur vorbereitet und was können wir in Zukunft mehr machen?"
Küngoldingen: Aline Fuchs (r.) und Claudia Zeltner zwischen den Volg-Regalen mit Haltbarem links und den leeren Frischwarenregalen. Das Unwetter traf auch die Volg-Läden in Uerkheim, Staffelbach und Bottenwil hart. In Küngoldingen zerstörte das Wasser gar die Kühler-Kondensatoren im Keller, weshalb diese ersetzt werden müssen und bis Montag Frischwaren wie Fleisch und Käse im Sortiment fehlten. «Glücklicherweise hielten sich die Waren-Schäden ansonsten in Grenzen», sagt Tamara Scheibli, «da die Lagerkühlräume vom Unwetter verschont blieben.» Es sei nicht allein dem grossem Einsatz der Ladenmitarbeitenden zu verdanken, dass die Aufräumarbeiten zügig voranschritten: Zwei anteilnehmende Küngoldinger meldeten sich spontan zu Hilfe. Die «Engel in Not» konnten rasch zwei Wassersauger auftreiben.
Im Katastophengebiet im Einsatz: André Vogel, 34, Fulenbach, Storenmonteur im Familienbetrieb Am Sonntagnachmittag wurde ich aufgeboten, seit Montag bin ich hier. Ich arbeite in unserem Familienbetrieb, mein Vater hat aber vollstes Verständnis für meine Abwesenheit. Bei solchen Einsätzen gibt es keine Diskussion. Einen vergleichbaren Einsatz habe ich noch nicht erlebt. Schon Kleinigkeiten sind eindrücklich, etwa der Schlamm, der überall in den Häusern ist. Dieses Hochwasser schweisst aber auch alle zusammen, man hilft, wo man kann. Die Leute sind sehr dankbar und es kann auch mal gelächelt werden. Wir vom Zivilschutz sind auch sehr gut ausgerüstet und kommen deswegen gut voran.
Zofingen: Die Regionalpolizei Zofingen verliert sieben ihrer neun Fahrzeuge Das Unwetter hat auch für die Regionalpolizei Zofingen massive Folgen: Sieben ihrer neun Fahrzeuge wurden im zweiten Untergeschoss im Bahnhofparking Zofingen von den Wassermassen zerstört. Am Sonntag standen sie noch unter Wasser. Sie müssen wohl alle ersetzt werden. Inszwischen wurden Ersatzwagen geliefert.
Uerkheim: Elsbeth Byland (62) und Hans Fritzenwallner stehen vor dem Nichts. Das Gewitter hat ihr Lebensmittellädeli total zerstört. Alles verloren hat Elsbeth Byland. Seit 45 Jahren hat sie mitten im Dorf ihr Lebensmittellädeli geführt. Die Wasserfluten haben sämtliche Ware und die komplette Einrichtung zerstört. «Unwiederbringlich sind die alten Möbel meiner Mutter», sagt Elsbeth Byland unter Tränen. Sorgen bereiten ihr die Formalitäten mit der Versicherung, denn alle Dokumente sind ebenfalls verloren.
Küngoldingen: Als wäre das Unwetter nicht genug - Jacqueline Gut und Jürg Rindlisbacher wurden von Dieben heimgesucht. Kurz nach 22 Uhr. Jacqueline Gut erhält eine Kurznachricht von ihrer Nachbarin. «Sie hat mir geschrieben, dass da Leute sind, die unsere Sachen klauen», erzählt die Küngoldingerin. Ihr Lebenspartner Jürg Rindlisbacher und sie seien daraufhin auf den Balkon gestürmt. Und tatsächlich: Da waren zwei Männer, die sich in der Dunkelheit bei den Sachen bedienten, die die Anwohner aus ihren Garagen und Kellern ausgeräumt hatten. «Sie hatten sich einige Transportwagen, Pneus und Felgen zusammengesucht und bereit gemacht für den Abtransport.» Und weiter: «Als Jürg ihnen mit der Polizei gedroht hat, haben sie alles stehen und liegen gelassen und sind weggerannt. Weiter vorne sind sie in ein Auto eingestiegen und geflüchtet», berichtet die 51-Jährige.
Mühlethal: Peter und Brigitta Ebinger stehen im Keller ihres Wohnhauses im Mühlethal. Nicht einmal auspacken konnten sie. Brigitta (56) und Peter Ebinger (65) sind am Samstag aus ihren Ferien zurückgekommen. Wenige Stunden später liegen sie wieder auf einem Hotelbett – und können nicht einschlafen. Was passiert ist, hat sie aufgewühlt und schockiert. Schlamm und Geäst haben Besitz von ihrem Zuhause genommen, haben das Haus beschädigt, in dem sie bereits seit 26 Jahren leben. Dort zu wohnen, ist momentan unmöglich.
Uerkheim: Der Kölliker Richard Pierrehumbert half freiwillig tatkräftig mit.
Uerkheim: Sichtlich müde und abgekämpft: Der Gemeindeammann von Uerkheim, Markus Gabriel. Uerkheim hat den Hochwasserschutz abgelehnt. Markus Gabriel sagt: «Wir schreiben an den Regierungsrat. Es braucht ein redimensioniertes Projekt.» Das Gemeindehaus ist wie vier weitere gemeindeeigene Liegenschaften vom Gewitter betroffen.
Alterszentrum Zofingen: Mirjam Kleiner, Bewohnerin Alterszentrum Blumenheim - «Ich finde es traurig, aber wir haben grosses Glück gehabt, dass niemand zu Schaden gekommen ist.»

Geschichten, die das Unwetter schrieb

Emiliana Salvisberg

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