Sommerspass
Unterwegs mit Gummiböötlern im Aargau - «Man muss Respekt vor dem Fluss haben»

Die Reuss ist nicht nur in Zeiten der Pandemie ein beliebter Hotspot für Gummiböötler im Aargau. Ein Nachmittag entlang des Flusses zeigt, wie gut sich Aargauerinnen und Aargauer auf ihren Trip auf dem Wasser vorbereiten.

Stefania Telesca
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Für Tim Reimers und seine Freunde ist Bööteln auf der Reuss Tradition. Dieses Jahr ist der Badener bereits zum fünften Mal auf der Strecke Bremgarten-Gebenstorf unterwegs.
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Am Ufer beim Hexenturm in Bremgarten werden die Boote fleissig aufgepumpt.
Ein Schild an der beliebten Einwasserungsstelle in Bremgarten erinnert die Böötler an die wichtigsten Signale.
Bei der Kaserne in Bremgarten tragen die Familien Eichler und Hauser aus Niederrohrdorf ihre Boote zum Wasser.
Alle Kinder und Erwachsenen der befreundeten Familien tragen eine Schwimmweste.
Vor jeder Gummibootfahrt prüft Andi Eichler (rechts im Bild) den durchschnittlichen Abfluss.
Auch René Treier aus Fislisbach (in Grün) kennt die Reuss gut. Er nimmt den Besuch aus Deutschland mit ins Gummiboot.
Das Gummiboot verlassen René Treier und seine Mitfahrer während der Fahrt nicht. «Wir nutzen zum Schwimmen die Badestellen an Land.»
Fahren auf dem Einhorn nur um die Kurve: Jan Rischik und seine Mutter Rabea aus Bremgarten geniessen das Sommerwetter auf der Reuss.
Beim Reussbädli kurz vor der alten Spinnerei Kunz in Windisch, ist die Fahrt für die Reussböötler spätestens vorbei. Grosse Warntafeln weisen am Flussrand auf das bevorstehende Wehr hin.
Nicolas Landau, Nico Marty und Lukas Haslimeier bööteln nicht zum ersten Mal. Beim Reussbädli gehen sie aus dem Wasser raus.
Durchfahren ist verboten und bedeutet für Böötler Lebensgefahr: Das Wehr bei der alten Spinnerei in Windisch.

Für Tim Reimers und seine Freunde ist Bööteln auf der Reuss Tradition. Dieses Jahr ist der Badener bereits zum fünften Mal auf der Strecke Bremgarten-Gebenstorf unterwegs.

Chris Iseli

Die Sonne steht hoch und es riecht nach Sonnencreme, als wir kurz nach dem Mittag wochentags beim Hexenturm an der Reuss in Bremgarten ankommen. Im Schatten am Ufer des Flusses werden gleichzeitig zehn Gummiboote fleissig aufgepumpt. Rund 30 Böötlerinnen und Böötler jeden Alters bereiten sich hier auf ihre Flussfahrt vor, die Stimmung ist ausgelassen, aus kleinen Lautsprechern erklingt Musik.

Eine Tafel mit den wichtigsten Schifffahrtszeichen steht an der beliebten Einwasserungsstelle. Tim Reimers ist mit einer Gruppe von Freunden hier. Zu neunt teilen sie sich heute drei Boote. Der 24-jährige Badener ist ein erfahrener Gummiböötler, diesen Sommer ist er bereits das fünfte Mal auf dieser Strecke unterwegs. «Wir machen das jedes Jahr.

Das ist schon fast eine Tradition geworden.» Die rund 25 Kilometer lange Strecke zwischen Bremgarten und Gebenstorf sei die schönste zum Bööteln, sagt er. Vier Stunden lang lassen sich die Freunde auf dem Wasser treiben, zwischendrin machen sie einen Halt, um zu essen.

Eine Person pro Gummiboot trinkt keinen Alkohol

Die Schwimmweste haben sie dabei, das kühle Bier auch. Trotzdem: Das Boot verlassen sie zum Schwimmen nur selten: «Wir steigen nur an Stellen aus, die wir kennen. Dort, wo die Strömung nicht stark ist», sagt der 24-Jährige. Trotz guter Ortskenntnisse sei es wichtig, immer die Augen offen zu halten. «Sonst kann es gefährlich werden.»

Die sechs Flussregeln

Zur Verhinderung von Unfällen beim Bööteln empfiehlt die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft:

1. Schlauchbootfahrer müssen mit einer Rettungsweste ausgerüstet sein!

2. Die auf dem Boot angegebene Nutzlast darf nicht überschritten werden.

3. Boote nicht zusammenbinden! – Sie sind nicht mehr manövrierfähig.

4. Unbekannte Flussabschnitte müssen vor der Fahrt zuerst erkundet werden!

5. In freie Gewässer (Flüsse, Weiher und Seen) wagen sich nur gute und geübte Schwimmer.

6. Unterkühlung kann zu Muskelkrampf führen. Je kälter das Wasser, umso kürzer der Aufenthalt im Wasser.

Wichtig sei es vor allem, Abstand von Steinen, Ästen und Brückenpfeilern zu halten. Bis zum nächsten Wehr kommt die Gruppe gar nicht. «Wir steigen vorher aus», so Tim. Auch auf übermässigen Alkoholkonsum verzichten die Freunde bewusst. «Man sollte immer in der Lage sein, schwimmen zu können.» Ihre Regel: Eine Person pro Boot trinkt gar keinen Alkohol. Bööteln sei schön, «aber man muss Respekt vor dem Fluss haben», so der Badener.

Leere Bier- oder Champagnerflaschen und Müll

Von überalkoholisierten und übermütigen Böötlern fehlt an diesem Tag an der Reuss jede Spur. An Wochenenden treffe man auf dem Wasser noch eher Gruppen an, die weniger verantwortungsbewusst bööteln. Dies hinterlasse auch in der Natur ein trauriges Bild, sagt Tim Reimers: «Wenn wir an Land gehen, sehen wir oft leere Bier- oder Champagnerflaschen und Müll. Das ist schade, denn Bööteln sollte einen mit der Natur verbinden.»

Neulingen empfiehlt er, die Strecke zum ersten Mal mit jemandem zu befahren, der sich auskennt. So etwas, wie in Zürich auf dem Höngger Wehr sollte im Normalfall nicht passieren: «Die Beschilderung hier ist klar. Man muss sie kennen und befolgen.» Ausserdem sei ein gutes Boot wichtig. «Kleine Boote, die bei jeder Welle kentern können, sind gefährlich.»

Vor der Gruppe Freunde steigt inzwischen ein Bub auf einem farbigen Einhorn ins Wasser. Seine Mutter Rabea Rischik geht mit ihm nicht weit. Um die Kurve herum bis zur Kaserne und dann wieder raus. Obwohl sie täglich in der Reuss schwimmt, will sie ab dem darauffolgenden Tag nur noch mit Schwimmwesten in den Fluss: «Ich habe Respekt vor dem Wasser.»

Böötler können Wasserabfluss online nachschauen

Etwas weiter unten bei der Kaserne bereitet Andi Eichler sich und seine Gruppe auf die bevorstehende Fahrt vor. «Ich bin auf dem Fluss daheim», sagt der 39-Jährige aus Niederrohrdorf. Seine Gruppe besteht aus seiner eigenen Familie und einer befreundeten Nachbarsfamilie. Insgesamt sind es vier Erwachsene und sechs Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren. Alle tragen eine Schwimmweste. «Wir haben gewartet, bis die Kinder ein gewisses Alter erreicht haben», sagt der Vater. Als Jugendlicher sei er stets auf der Reuss gewesen.

Dem Zufall überlässt er trotzdem nichts. «Ich kenne die kritischen Stellen und prüfe vor jeder Fahrt den Wasserstand und den durchschnittlichen Abfluss.» Dies kann man auf der Website des Kantons machen. Eine Person pro Boot, so der erfahrene Böötler, sollte immer vorausschauen, um Steinen, Ästen und Brückenpfeilern auszuweichen. Ausserdem sollte die Geschwindigkeit niemals unterschätzt werden: «Es täuscht. Wenn man aber einmal dem Ufer zu nahe kommt und die Äste hineinpeitschen, bemerkt man erst, wie schnell man unterwegs ist.»

«Beim ersten Mal hatten wir etwas Bammel»

Die befreundete Familie Hauser ist zum zweiten Mal dabei. Coronabedingt verbringen sie ihre Ferien in der Schweiz. «Beim ersten Mal hatten wir etwas Bammel, vor allem wegen der Kinder. Aber wir haben uns mit Andi sicher gefühlt», sagt Maria Hauser. Gemeinsam tragen die Familien ihre Boote zum Wasser. Auch sie werden vier Stunden und einen Picknick-Halt später das Wasser wieder verlassen.

Auf dem Rasen gleich neben dem Fluss pumpen René Treier aus Fislisbach und sein Besuch aus Deutschland ihr Gummiboot auf. «Früher ging ich wöchentlich auf die Reuss», so der 50-Jährige. Nun habe er gewartet, bis sein 11-jähriger Sohn Gian alt genug war. «Man muss das Gewässer kennen. Die Gefahren sind nicht zu unterschätzen.» Viele Junge seien sorglos und liessen sich einfach treiben: «Aber die Leute werden durch Unfälle vorsichtiger.»

Das Boot verlassen Treier und seine Mitfahrer während der Fahrt nicht. «Wir nutzen zum Schwimmen die Badestellen an Land.» Zwei Stunden lang fahren sie die Reuss hinunter, ehe sie in Mellingen auswassern, um mit ihren Frauen und Müttern zu grillieren.

Die Ausstiegsstelle vor dem Wehr ist gross angeschrieben

Beim Reussbädli, kurz vor der alten Spinnerei Kunz in Windisch, ist die Fahrt für die Reussböötler spätestens vorbei. Grosse Warntafeln weisen am Flussrand auf das bevorstehende Wehr hin. Eine Gruppe Jugendlicher bereitet sich auf das Auswassern vor. Einer der drei Freunde ist dazu vorzeitig aus dem Boot gestiegen und watet gezielt zur Ausstiegsstelle.

Übersicht über die wichtigsten Schifffahrtszeichen:

Übersicht über die wichtigsten Schifffahrtszeichen:

Kanton Aargau

Nicolas Landau, Nico Marty und Lukas Haslimeier bööteln nicht zum ersten Mal. Auch sie wiederholen die Regeln, die wir an diesem Tag von allen Böötlern auf der Reuss gehört haben: Hindernisse umschiffen, Schilder beachten und frühzeitig raus aus dem Wasser. Bööteln kann, muss aber nicht gefährlich werden.

Diese Gesetze gelten für Böötler

Auch für Gummiboote gelten die Regeln der Binnenschifffahrtsverordnung. Jedes Schlauchboot muss neu mit Namen und Adresse des Eigentümers gekennzeichnet sein. Dies, damit Polizei und Rettungsdienste in Erfahrung bringen können, ob zu einem leer aufgefundenen Boot Personen vermisst werden. Bei Nichteinhalten droht eine Busse von 40 Franken. Weiter muss auf Flüssen für jede Person neu ein Rettungsmittel mitgeführt, jedoch nicht getragen werden. Als solches gelten etwa Rettungswesten mit Kragen. Schwimmhilfen hingegen gelten nicht als Rettungsmittel. Fehlt das Rettungsmittel, droht eine Busse von 50 Franken. Auch wenn das Tragen nicht Pflicht ist, sagt das Bundesamt für Verkehr klar: «Sicherheit, insbesondere in Gewässern mit grösseren Risiken, kann nur gewährleistet werden, wenn Rettungswesten getragen werden.» Eine Promillegrenze für Schiffe unter 2,5 Metern und nicht motorisierten Gummibooten unter vier Metern wurde aufgehoben. Trotzdem ermahnt der Bund die Böötler, dass Alkohol zu Fehleinschätzungen während der Fahrt führen kann. Die Binnenschifffahrtsverordnung unterscheidet Strandboote (eine Luftkammer) und Schlauchboote (mehrere Luftkammern). Aufblasbare Tiere und Matratzen gelten (selbst wenn sie mehrere Luftkammern haben) nicht als Schiffe, sondern als Strandboote und sind von der Pflicht zum Mitführen von Einzelrettungsmitteln nicht betroffen. «Im Gegensatz zu Schiffen, und insbesondere zu den oben genannten Booten, sind solche Strandausrüstungen nicht zur Fortbewegung, sondern zum Baden bestimmt und dürfen nicht auf Flüssen und Kanälen eingesetzt werden», sagt das Bundesamt für Verkehr auf Anfrage. (tel)