Cannabis im Aargau
Unterwegs mit einem Aargauer Drogendealer: «Ich bin nicht kriminell»

Ein Aargauer Drogendealer erzählt der az, wie seine Eltern damit umgehen, wo er sich das Cannabis besorgt und warum er sich nicht als kriminell bezeichnen würde.

Nicola Imfeld
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«Nur ausgezeichnetes Cannabis.»

«Nur ausgezeichnetes Cannabis.»

AZ

«Ich habe mir immer gewünscht, einen solchen Dealer zu haben wie mich.» Der Mann im Traineranzug ist überhaupt nicht nervös, schildert, was er tagsüber auf der Arbeit gemacht hat, und sagt, dass er sich auf das Gespräch mit mir freue. Wir nennen ihn Louis, ein junger Erwachsener und schon seit Jahren im Aargauer Drogenbusiness tätig.

Er beginnt zu erzählen, wie er seinen ersten Joint mit 15 Jahren rauchte und wie er immer tiefer in das Drogengeschäft rutschte: «Man wird nicht einfach über Nacht zum Dealer. Es ist ein schleichender Prozess.» Zuerst kaufte er für einen Kumpel ein, dann wurden es mehrere. Er lieferte immer, wenn er gefragt wurde. «Das hat sich wohl herumgesprochen», meint er. Bald waren es 20 Stammkunden, für die Louis regelmässig Cannabis besorgte.

Gras aus dem Darknet

Der junge Aargauer bezog seinen Stoff jahrelang von einem Dealer aus Zug, den er über einen Freund kennen lernte. Jede Woche fuhr er mit dem Zug in die Innerschweiz, um seine «Cannabis-Ration» abzuholen. «Auf der Rückfahrt mit dem Zug war ich paranoid. Ich konnte das Gras riechen.» Heute beschaffe er sich «sein Zeug» ausschliesslich im Darknet. Im alternativen Internet kann man dank einer Verschlüsselung surfen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen. Für ihn sei dies die sicherste Variante, weil die Behörden ihm so nichts nachweisen können. Das Cannabis lässt er nach Deutschland liefern, wo er es mit dem Auto seiner Eltern abholt.

Seine Mutter war zu Beginn gar nicht einverstanden: «Sie war sehr enttäuscht von mir und hat sich selber Vorwürfe gemacht. Meine Mutter hat nicht einen weiten Horizont, für sie ist Cannabis per se schlecht.» Heute akzeptiere sie die Situation, weil ihr «nichts anderes übrig bleibt», wie Louis klarstellt. Dann hält er kurz inne, starrt in einen Garten und hebt seinen Zeigefinger: «Es ging mir nie ums Geld. Ich will nur meinen Eigengebrauch finanzieren. Gewinn mache ich keinen.»

Das Dealen sei kein Zuckerschlecken. Als Teenager wurde er nach eigenen Angaben mehrmals betrogen und ausgenommen. Louis: «Mir wurde viel Gras für 500 Franken angeboten. Als ich mich zum abgemachten Treffpunkt begab, wartete dort bereits eine Gruppe. Ein Mann kam auf mich zu und hielt mir ein Messer an den Hals. Ich musste ihm die 500 Franken geben, damit er von mir abliess.» Es habe weitere Vorfälle gegeben. Louis beginnt von einer Falle in Baden zu erzählen, ehe ihm ein anderer Gedanke kommt und er abschweift. «Entschuldige, ich rede etwas wirr, ich bin ziemlich bekifft», sagt er.

«Ich bin nicht kriminell»

Die Polizei sei ihm bisher nur einmal auf die Schliche gekommen. Er war 15 Jahre alt, als ihn eine Patrouille beim Kiffen erwischte. Vor der Polizei habe er grossen Respekt: «Ich weiss, dass wir eigentlich Feinde sind. Aber was die Polizisten tagtäglich leisten, ist Extraklasse.» Nur wenige Sekunden später zieht er dann trotzdem über die Behörden her: «Die Polizisten lassen ihren Frust an mir aus. Die Behörden sollten sich besser auf Leute konzentrieren, die wirklich kriminell sind.»

Louis findet nicht, dass er etwas Verwerfliches tut. «Wer sagt, ich sei kriminell, der kennt mich nicht.» Er begründet die Aussage damit, dass er nur «ausgezeichnetes Cannabis» verkaufe. Er sei auch nicht der Typ, der Gewalt anwendet oder jemandem etwas aufschwatze.

Dann schaut Louis auf die Uhr: «Ich müsste gehen.» Wir laufen noch ein Stück zusammen. Louis lässt nun eine andere Seite von sich erkennen. Er vergleicht sich mit anderen Erwachsenen: «Alle meine ehemaligen Freunde sind beruflich schon viel weiter als ich. Ich hätte ohne Gras eine grosse Karriere gemacht.»

Er erzählt, dass er die Bezirksschule besucht habe. Wo er heute die Lehre macht, will er nicht preisgeben. Dann streckt er mir seine Hand entgegen und verabschiedet sich mit den Worten: «Bleib sauber.»