Freitagabend, 21 Uhr, im Postenraum der Stadtpolizei Aarau. Mit den Worten «Wir hatten bis jetzt keine ruhige Minute», begrüsst mich Stadtpolizist Roman Weiss. Während einer Nacht werde ich ihn und seinen Kollegen Marc Amsler auf ihrer Patrouille durch die Kantonshauptstadt begleiten.

Die Polizisten sind seit 18 Uhr im Einsatz: «Erst gabs eine Schlägerei am Bahnhof, dann ein vermisstes Mädchen und einen Transport nach Königsfelden», sagt Weiss. Feierabend haben die beiden erst um 6.30 Uhr morgens. Sie arbeiten im Viertagesrhythmus: zwei Tagdienste, zwei Nachtdienste, dann vier Tage frei.

Nach rund 15 Jahren bei der Polizei hätten sie sich aber an die Arbeitszeiten gewöhnt. Polizist Marc Amsler ist 38 Jahre alt, sein Kollege Roman Weiss 37. Wenn sie nicht gerade in der Kantonshauptstadt für Sicherheit sorgen, treiben beide Sport, gehen wandern oder verbringen Zeit mit ihren Familien.

Die Polizisten Roman Weiss (l.) und Marc Amsler.

Die Polizisten Roman Weiss (l.) und Marc Amsler.

Roman Weiss erklärt das Ziel der nächtlichen Patrouillen: «Wir reagieren auf Notrufe und zeigen Präsenz – vor allem an den Hotspots.» In Aarau seien dies der Casino- und Kantipark, im Sommer die Umgebung bei der Summertime-Bar an der Aare, im Winter Parkhäuser und vor allem der Bahnhof.

Dieser ist, nach kurzer Besprechung und dem ersten Kaffee der Nacht, unser gemeinsames Ziel. Das Polizeiauto, ein BMW X5, steht schräg parkiert in der Garage des Postens. Ich steige hinten links ein, denn hinten rechts sitzen «die Bösen», scherzt Polizist Weiss. Er registriert den Status der Patrouille im Navigations- und Ordnungssystem. Am Steuer sitzt Marc Amsler, wir fahren los. Im Radio laufen Pop-Songs des Senders Energy.

Es riecht nach Marihuana

Beim Bahnhof angekommen halten die Polizisten Ausschau nach «Altbekannten» und nach Personen, die sich auffällig verhalten. Die beiden Uniformierten ziehen die Aufmerksamkeit der Personen am Bahnhof auf sich, werden bei ihrer Tour durchs Gebäude genau beobachtet. Zu fast jedem Platz im Bahnhof haben die Polizisten eine Geschichte zu erzählen: «Hier bei den Schliessfächern kommt es vor, dass Personen darin schlafen. Dann schauen nur noch die Füsse raus.» Erlaubt sei das nicht. Die Beamten kontrollieren die Toiletten und den Veloraum, dann gehen wir runter ins Parkhaus.

Marc Amsler kontrolliert deren Ausweise.

Im Parkhaus beim Aarauer Bahnhof trafen die Polizisten eine auffällige Personengruppe.

Marc Amsler kontrolliert deren Ausweise.  

Es riecht nach Marihuana, man hört Personen grölen. Weiss und Amsler beschleunigen ihre Schritte. Auf einer Rampe sitzen sieben Personen, wahrscheinlich Asylbewerber. Sie unterhalten sich und trinken Bier, verstummen aber, als sie die Beamten sehen. Die Polizisten verlangen Ausweise und geben die Personalien per Funk an die Zentrale weiter.

Die Männer werden aufmüpfig, als sie von den Polizisten auf Betäubungsmittel und unerlaubte Gegenstände kontrolliert werden. Amsler und Weiss, vor kurzem noch scherzend, beide mit Schalk im Nacken, sind nun ernst, autoritär. Drogen finden die Beamten keine, aber einem der Asylbewerber legen sie Handschellen an. «Er hat eine Wegweisung vom Aarauer Bahnhof, er darf gar nicht hier sein», sagt Weiss. Gestern sei der Mann zwei Mal vor der Polizei geflüchtet, war dann kurzfristig hinter Gittern.

«Eine richtige Zelle wär schon wünschenswert»

Der Rest der Gruppe darf gehen, den Gefesselten nehmen die Polizisten mit zur Wache. Dort wird er auf einer mit metallenen Ösen versehenen Bank platziert. «Eine richtige Zelle wär schon wünschenswert», meint Polizist Amsler, denn so sitzen die Festgenommenen direkt im Büro. Der erst 17-jährige Asylbewerber sagt, es sei ihm bewusst, dass er nicht am Bahnhof hätte sein dürfen. Ob er jetzt eine Busse bekommen oder ins Gefängnis müsse, sei ihm egal. Seine Wegweisung wird verlängert und wir fahren ihn zurück zur Asylunterkunft in Suhr.

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, Bank für die vorläufig Festgenommenen

Auf dieser Bank müssen Festgenommene Platz nehmen. Im Zweifelsfall werden sie an Ösen festgemacht.

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, Bank für die vorläufig Festgenommenen

Beim Abschied gibt er den Polizisten die Hand. «Es würde mich nicht wundern, wenn wir ihn heute Nacht wieder in Aarau sehen», sagt Weiss. Er habe sich daran gewöhnt, dass bei manchen Menschen die Anweisungen der Polizei auf wenig Gehör stossen. «Das ist aber Teil des Jobs.»

«Wir sind doch keine Rebellen»

Weit nach 22 Uhr folgt ein Abstecher in die Aarauer Innenstadt. Ruhestörung im Schlosspark. Eine Gruppe Jugendlicher spielt laute Musik auf einem Verstärker ab – was in der Öffentlichkeit verboten ist. Schon von Weitem hört man den Lärm. Roman Weiss erkennt das Lied: «Das ist doch der Bachelor-Song.»

Schauen würde er die Dating-Show natürlich nicht. Kollege Amsler lacht. Der Junge, dem die Boxen gehören, wird mit 100 Franken gebüsst. Er verdreht die Augen: «Wir sind doch keine Rebellen», probiert er einen Schlichtungsversuch. Vergeblich. Er hoffe, dass seine Freunde Geld beisteuern und seine Mutter nichts davon erfährt.

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, Absuchen mit der Taschenlampe

Marc Amsler sucht einen Platz nach Betäubungsmitteln ab.

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, Absuchen mit der Taschenlampe

Mitternachts fahren wir zurück zum Posten. «Mittagessen» mit der zweiten Patrouille, die in Aarau unterwegs ist. Vor dem Pausenraum steht ein grosser Karton mit leeren Energy-Drink-Dosen und eine Kiste mit Äpfeln. An der Wand hängen Bilder von Hochzeiten und ein Kalender mit Rettungsfahrzeugen. Während dem Essen wird über Iris Berben, «No Billag» und den gemeinsamen Ausflug nach München zur 90er-Jahre-Party diskutiert.

Aber auch über berufliche Themen wie die Zunahme von begleiteten Transporten in die Psychiatrische Klinik Königsfelden, die Abnahme des Respekts gegenüber der Polizei und den Gebrauch von Schusswaffen. «Geschossen haben wir im Einsatz zum Glück noch nie», sagen die vier Polizisten. «Gezogen schon. Um zu zeigen, dass wir es ernst meinen.»

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, leere Energiedrink Dosen vor dem Pausenraum

Vor dem Pausenraum des Postens stapeln sich leere Energy-Drink-Dosen.

Auf Reportage mit der StaPo Aarau, leere Energiedrink Dosen vor dem Pausenraum

«Hat sich deine Seele den Fuss verstaucht?»

Marc Amsler wusste schon seit der fünften Klasse, dass er einmal Polizist werden will. Genau wie der 37-jährige Roman Weiss. Er komme vom Bau, sei kein «Bürotiger». Am Polizeiberuf schätzen beide, dass man nach Schichtende abschalten könne. «Die Arbeit ist abgeschlossen und man nimmt keine Pendenzen mit nach Hause», so Weiss.

Der Vater einer bald dreijährigen Tochter sagt, dass ihn ein Fall nur selten besonders stark beschäftige. Und wenn, dann betreffe es vor allem Fälle mit Kindern: «Früher mussten wir noch Personen einsargen. Und da habe ich mal eine Babyleiche gesehen», sagt Weiss. Das werde er wohl nie vergessen. Im Flur hängt ein Informations-Flyer der Polizeiseelsorge. Darauf steht: «Hat sich deine Seele den Fuss verstaucht?»

«Da hing der Darm raus»

02.00 Uhr, es geht nochmals in die Altstadt. «Jetzt schliessen die meisten Bars und Clubs», sagt Marc Amsler. Ruhestörung sei ein grosses Thema, aber ansonsten sei das Aarauer Partyvolk sehr umgänglich. «Vor allem seit der Club Kettenbrücke geschlossen ist, haben unsere Einsätze abgenommen.»

Beim Rathaus treffen die Uniformierten auf einen betrunkenen Jugendlichen. Er grölt, uriniert an einen Blumentopf und wird mit 60 Franken gebüsst. Zu Polizist Roman Weiss sagt er: «Sie sind mein Lieblings-Schmier. Sie mussten mal in meine Schule kommen, weil ich Cannabis dabei hatte.» Weiss nickt, scheint sich aber nicht daran zu erinnern.

Die Polizisten laufen weiter doch werden von weiteren Betrunkenen belagert: «Wie kommt man zur Stadtpolizei?», fragt einer. «Du musst die Polizeischule absolvieren», lautet die Antwort. «Und du darfst keine Vorstrafen haben.» Der Jugendliche scheint entrüstet. «Wie soll das denn möglich sein, keine Vorstrafen zu haben?», flüstert er seinem Kollegen zu.

Nach der Runde durch die Altstadt fahren wir hinab ins Telli, die Beamten checken die Umgebung ums Kiff und den Club Schlaflos. Es ist alles ruhig. Beim Gemeinschaftszentrum steigen wir aus: «Hier gabs mal eine Messerstecherei unter Eritreern, viele waren verletzt», erzählt Weiss. «Einer hielt sich die Hand so komisch auf seinen Oberkörper, machte aber einen normalen Eindruck. Doch als er die Hand wegnahm, hing sein Darm aus dem Bauch raus.» Mir wird übel. Weiss hingegen sagt, dass ihm der Anblick der Innereien nichts ausgemacht habe: «Nur wenn sich jemand übergeben muss – da wird mir dann schlecht.»

Funkstille

An der Flösserrampe parkieren die Polizisten auf der Strasse, stellen Pylonen auf und ziehen Leuchtwesten an. Sie machen eine Verkehrskontrolle. Es ist wenig los auf den Strassen, also nehmen Weiss und Amsler jedes Auto aus dem Verkehr. Darunter sind Leute, die gerade erst Feierabend haben, eine verängstigte Junglenkerin, die nicht weiss, was ein Fahrzeugausweis ist und Partygänger, die ohne Gurt unterwegs sind und gebüsst werden.

Gegen 04.00 Uhr fahren wir durch die Gemeinden rund um Aarau. Vereinzelt werden noch Statusmeldungen gefunkt, wie von der Polizei in Rheinfelden. Ein Polizist, nach Atem ringend, hat dort gerade einen Flüchtigen gefasst. In der Region Aarau aber scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Im Radio spielt Alicia Keys «No One». Dann herrscht Funkstille.