Pikett-Dienst
Unterwegs mit dem Staatsanwalt: «Ausrücken – es gibt einen Todesfall»

Eine alte Frau ist in ihrer Wohnung gestorben. Was ist passiert? Und handelt es sich bei der toten Person überhaupt um die Bewohnerin? Staatsanwalt Alain Lässer muss entscheiden, ob er die Leiche bereits freigeben kann.

Noemi Lea Landolt
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Die fremde Wohnung wird zum temporären Arbeitsplatz: Bei einem aussergewöhnlichen Todesfall arbeiten Polizei, Rechtsmedizin und Staatsanwaltschaft eng zusammen. Symbolbild

Die fremde Wohnung wird zum temporären Arbeitsplatz: Bei einem aussergewöhnlichen Todesfall arbeiten Polizei, Rechtsmedizin und Staatsanwaltschaft eng zusammen. Symbolbild

Chris Iseli

Das Telefon klingelt kurz vor 23 Uhr. Staatsanwalt Alain Lässer ist gerade aus der Dusche gestiegen, als ihn die Polizei über den aussergewöhnlichen Todesfall informiert. Eine alte Frau liegt tot in ihrer Wohnung. «Vielleicht nicht unbedingt die Lieblingskleider anziehen», rät mir der Staatsanwalt. «Wir müssen uns auf einen unangenehmen Geruch einstellen.» Nachbarn hätten die Frau seit mehr als zwei Wochen nicht mehr gesehen.

Vor dem Mehrfamilienhaus empfangen zwei Polizisten den Staatsanwalt. Sie zeigen ihm ein Foto der toten Frau. Alain Lässer nimmt die Treppe statt den Lift. Aus Prinzip. Im Treppenhaus vor der Wohnung der Verstorbenen steht eine Schale mit Kaffeesatz. Die Nachbarn haben sie vor die Türe gestellt. Es soll gegen den Verwesungsgeruch helfen. «Ich schlage vor, dass die erste Besprechung im Treppenhaus stattfindet, wo die Luft besser ist», sagt Lässer.

Die Tür war verschlossen

Ein Polizist erklärt, was bisher bekannt ist. Die Nachbarn hätten die Polizei alarmiert. Ihnen fiel auf, dass sie der Frau längere Zeit nicht begegnet sind. Dazu passe der volle Briefkasten. Tageszeitungen stapelten sich. Die älteste trägt das Datum von vor 16 Tagen. Die Wohnungstüre sei von innen verschlossen gewesen, der Schlüssel steckte. Deshalb konnten weder die Nachbarn noch die Verwaltung in die Wohnung. Die Polizei musste jemanden vom Schlüsseldienst aufbieten. Der Mann hat das Schloss entfernt und ist gerade dabei, es wieder einzusetzen. «Klare Schliessverhältnisse beruhigen», sagt Alain Lässer. Aber das alleine reicht nicht, um Fremdeinwirkung auszuschliessen. Genauso wenig beweist eine nicht abgeschlossene Tür, dass sich jemand unbefugt Zutritt zur Wohnung verschafft hat.

Die Serie

Ein Staatsanwalt wälzt Gesetze, befragt Beschuldigte, hält vor Gericht flammende
Plädoyers. Aber was macht er eigentlich, wenn er Pikett-Dienst hat? Die AZ hat Alain Lässer von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau eine Woche lang begleitet. Bereits erschienen:

- Kebab mit Zwiebeln ist tabu: mit Staatsanwalt Alain Lässer auf Pikett

Während der Staatsanwalt im Treppenhaus auf den aktuellen Stand gebracht wird, befragt eine Polizistin die Nachbarn in deren Wohnung. Erinnern sie sich an die letzte Begegnung mit der Verstorbenen? War etwas auffällig oder ungewöhnlich? Hat sie Angehörige?

Durch den Mund atmen

Unumgänglich ist der nächste Schritt. Rein in die Wohnung. Die Polizisten haben sich vorsorglich Tigerbalsam unter die Nase gestrichen. Alain Lässer bietet einen Mundschutz an. «Vielleicht hilft das.» Während der Verwesungsgeruch im Treppenhaus kaum wahrnehmbar war, schlägt er einem bereits nach ein, zwei Schritten in der warmen Wohnung entgegen. Süsslich. Penetrant. Ich gehe zurück ins Treppenhaus.

Es dauert nicht lange, bis Alain Lässer wieder aus der Wohnung tritt. «Sie müssen sich das ansehen. Das gehört zum Pikett-Dienst dazu.» Der Geruch sei zwar unangenehm, aber man gewöhne sich daran. Er empfiehlt, durch den Mund zu atmen. Es hilft.

Die Frau ist in ihrem Bett gestorben. Die Haut ist an jenen Stellen, die auflagen, dunkel verfärbt. An manchen Orten löst sie sich. Der Bauch ist aufgebläht, Arme und Hände sind ausgetrocknet. Die Augenhöhlen sind leer. Es hat Fliegen im Zimmer. Wer den toten Körper aus der Nähe betrachtet, sieht kleine Maden.

Der Rechtsmediziner steht am Bettrand. Er hat der Frau das Nachthemd aufgeschnitten, untersucht den toten Körper nach Spuren, die auf Fremdeinwirkung hindeuten könnten. Die Vorhänge sind zugezogen, damit von aussen niemand ins beleuchtete Zimmer sehen kann.

Indizien genügen nicht

Zurück im Wohnzimmer bittet der Staatsanwalt die Polizisten, ein Bestattungsunternehmen aufzubieten. Die Stimmung ist konzentriert. Alle Anwesenden wissen, was sie zu tun haben. Sie kennen ihre Rolle. Das hilft. Genauso wie ein humorvoller Spruch die Stimmung etwas heben kann. Ein Polizist blättert im Adressbüchlein der Frau, sucht nach Hinweisen auf Angehörige. Hat jemand den gleichen Nachnamen? Verrät eine Notiz, wie die Personen zur Toten stehen?

Der Geruch in der Wohnung ist erträglicher geworden, die Nase hat sich daran gewöhnt. Die zweite und letzte Besprechung an diesem Abend findet im Wohnzimmer statt. Alain Lässer muss aufgrund der Schilderungen des Rechtsmediziners und der Polizei entscheiden, ob er den Leichnam freigeben kann. Die Polizistin berichtet, was sie von den Nachbarn erfahren hatte. Die verstorbene Frau sei verwitwet gewesen, habe alleine in der Wohnung gelebt. Sie sei fit gewesen. Suizidgedanken habe sie den Nachbarn gegenüber nie geäussert. Sie habe angeblich eine Schwester und zwei Nichten. Diese würden aber nicht im Kanton Aargau leben.

Den Todeszeitpunkt zu schätzen, sei schwer, informiert der Rechtsmediziner. Aber der Zustand der Leiche passe ungefähr zu einem Todeszeitpunkt vor zwei Wochen. Am Körper der Verstorbenen hat er keine Verletzungen gefunden, die auf Fremdeinwirkung hindeuten würden. «Aber wir haben ein Problem mit der Identifizierung.» Weil der Körper bereits so stark verwest sei, könne niemand der Anwesenden mit Sicherheit sagen, dass es sich bei der Person im Bett tatsächlich um die Bewohnerin der Wohnung handle. Auch wenn es dafür natürlich viele Indizien gibt.

Lässer übernimmt, fasst das Gehörte zusammen. Er entscheidet, die Leiche nicht freizugeben. «Wir müssen sie behalten, bis die Identität zweifelsfrei feststeht.»

Vorerst in die Pathologie

Die Tote von Angehörigen über ein Foto identifizieren zu lassen, ist in diesem Fall keine Option. Der Körper ist zu stark verwest, hat nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Aussehen der Person gemeinsam. Aber Angehörige oder auch der Hausarzt könnten wissen, ob die Frau ein künstliches Gelenk hatte, ein auffälliges Muttermal, eine Narbe. All das könnte in der Rechtsmedizin überprüft werden. «Oder wir machen einen DNA-Abgleich mit der Schwester», sagt der Rechtsmediziner.

Es klopft. Die Bestatter sind da. Alain Lässer informiert sie, dass sie den Leichnam in die Pathologie bringen sollen. Die beiden verschwinden mit einem schwarzen Leichensack im Schlafzimmer. Der Staatsanwalt beauftragt die Polizisten, Angehörige der Verstorbenen möglichst schnell ausfindig zu machen. «Wir machen eine Meldung an die Kantonspolizei im Wohnkanton der Angehörigen. Sie sollen morgen bei ihr vorbeigehen», bestätigt der Polizist.

Es klopft erneut. Dieses Mal ist es ein Nachbar. «Wie lange müssen wir uns noch zur Verfügung halten? Wir müssen morgen arbeiten.» – «Es ist in Ordnung. Wir sind fertig. Vielen Dank und gute Nacht», sagt Alain Lässer.

«Gut», nimmt er den Faden wieder auf. «Eure Kollegen», sagt er zu den Polizisten, «sollen bei den Angehörigen vorbeigehen, allenfalls DNA abnehmen und uns diese zukommen lassen.» Er selber werde noch beim Bezirksgericht nachfragen, ob es ein Testament gebe, das weitere Hinweise auf mögliche Angehörige liefern könnte. «Ich wäre froh, wenn wir frühzeitig informiert werden, falls ein DNA-Abgleich gemacht werden muss», wirft der Rechtsmediziner ein. «Wir brauchen etwas Vorlauf, weil wir die DNA bei der Verstorbenen aus den Knochen entnehmen müssen.» – «Klar. Machen wir», sagt der Polizist.

DNA-Abgleich bringt Gewissheit

Die Aufgaben sind verteilt. Der Arzt vom Institut für Rechtsmedizin verabschiedet sich mit einem Händedruck. Ein Polizist bleibt in der Wohnung. Die Bestatter brauchen noch einen Moment. Alain Lässer bedankt sich bei allen und verlässt zusammen mit zwei Polizisten die Wohnung.

Draussen an der frischen Luft tief durchatmen. Es ist mittlerweile 1 Uhr früh. Ein Händedesinfektionsmittel macht die Runde. Alain Lässer freut sich auf die Dusche zu Hause – die zweite an diesem Abend.

Vier Tage später ist die tote Frau dank eines DNA-Abgleichs identifiziert. Es handelt sich um die Bewohnerin der Wohnung. Alain Lässer kann den Leichnam freigeben. Wann genau und woran die alte Frau gestorben ist, wird unklar bleiben. Darf es auch. Spuren von Fremdeinwirkung konnten keine gefunden werden. Gut möglich, dass sie friedlich einschlief und nie mehr aufwachte.