Jagd im Aargau

Unterwegs mit Aargauer Jägern: «Wenn es nur noch um Pflicht geht, hören viele von uns auf»

Die Jagd ist gesetzlich verankert, ist aber immer wieder Kritik ausgesetzt. Der Druck und die Forderungen an die Jäger werden grösser. Die AZ hat die Jagdgesellschaft Schenkenberg auf ihrer ersten Gesellschaftsjagd im Jahr begleitet.

Drei Grad. An den Baumwipfeln kleben die Nebelschwaden. Rainer Klöti wischt mit dem Fuss das Laub auf der aufgeweichten Erde beiseite und schaut über den Bach. Sein Blick fixiert den gegenüberliegenden Hügelkamm. «Dort sollten sie durchkommen», flüstert er. Bloss nicht aufscheuchen, nicht hier. In einigen hundert Metern Entfernung bellt ein Hund. Es ist Klötis Jagdterrier-Dame Ivy. Klöti erkennt sie am Ton.

Das Bellen wird klarer, die Intervalle regelmässiger. «Ivy ist dran.» Sekunden danach ein Schuss. Und ein zweiter. Ein Horn trötet: Einmal, zweimal, dreimal. Rainer Klöti weiss schon, was das heisst. Im Whatsapp-Chat folgt der endgültige Beweis: Reh tot. Über eine Stunde lang geschieht am Schiessstand Nummer 14 von Rainer Klöti nichts. Nichts ausser Warten. Dann, um 10.08 Uhr, schnellt das Adrenalin in die Adern. Klöti hält das Gewehrvisier vors Auge. Er feuert. Peng. Peng.

Es braucht Geduld. Szenen der Treibjagd ob Veltheim.

Es braucht Geduld. Szenen des Jagdtags der Jagdgesellschaft Schenkenberg.

Die Jagd ist Kulturgut, Ritual und Tradition. Sie ist Notwendigkeit, weil der Wildbestand per Gesetz reguliert werden muss. Gleichzeitig löst die Jagd bei vielen Menschen Verständnislosigkeit aus. Ältere, schnauzbärtige Herren, die in ihrer Freizeit der Lust am Töten frönen – dieses Bild hält sich in Teilen der Gesellschaft hartnäckig. Speziell die Treibjagd ist mit Kritik behaftet. Ihre schärfsten Gegner sehen in ihr ein perfides Gehetze, bei dem die Tiere gestresst und in Todesangst versetzt werden. Für die Jäger ist sie ein Mittel für den Erhalt der Biodiversität. Zweimal forderten Initiativen im Aargau die Abschaffung dieser Art von Jagd. Zweimal, 2005 und zuletzt 2011, lehnte das Stimmvolk ab.


Nach dem Schuss wird gehornt, Rehe liegen leblos auf dem Laub

Zurück im Wald. «Ich musste schiessen», sagt Rainer Klöti nach seinen beiden Schrotschüssen. Weil sein Kollege neben ihm das Reh vermutlich angeschossen, «gezeichnet», habe, blieb ihm keine Wahl. Auch wenn die Entfernung eigentlich zu gross war. Nur: Auch Klöti ist kein sauberer Schuss gelungen, das Reh ist weitergerannt. Unschön sei das, gar keine Frage, sagt Klöti. Über den Mittag wird er mit einem Vorstehhund die Fährte des verletzten Rehs aufnehmen und es erlegen müssen.

Rainer Klöti, Präsident der Jagdgesellschaft Schenkenberg

Rainer Klöti, Präsident der Jagdgesellschaft Schenkenberg


Der 65-Jährige präsidiert den Aargauer Jagdverband und waltet als Obmann der Jagdgesellschaft Schenkenberg aus dem Raum Brugg. Der Verein hat Jagdtag. 25 Frauen und Männer beteiligen sich an der Gesellschaftsjagd, der ersten von dreien bis Ende Jahr. Elf Pächter, das feste Inventar des Jagdvereins, sind da. Auch Gäste hat es dabei, unter ihnen ist Alex Hürzeler, Aargauer SVP-Regierungsrat. Hürzeler ist Treiber, ein Jagdpatent besitzt er nicht.

Als Treiber mit dabei: SVP-Regierungsrat Alex Hürzeler

Als Treiber mit dabei: SVP-Regierungsrat Alex Hürzeler


Die Bilanz nach dem ersten von dreien Trieben an diesem Tag: zwei erlegte Rehe, ein geschossenes Wildschwein. Dominik Stahel, ein junger Jäger, bringt uns ins Waldstück Aspolter oberhalb von Veltheim. Im angehängten Metallcontainer seines Skodas liegt eines der Rehe, man erkennt den leblosen Körper auf der Rückfahrkamera. Wir fahren vorbei an durchlöcherten Ackern.

Hier haben die Wildschweine stark gewütet. Ein paar Bauern in der Region pflanzten deswegen ihre Mais- und Weizenfelder neu an, erzählt Stahel. «Und drüben in Villnachern haben die Wildsäue die Reben weggefressen.» Tatsächlich sind die Tiere für die Landwirtschaft ein Problem: Laut Schätzungen des Kantons verursachen sie jährlich rund eine halbe Million Franken Schaden. 2018 lag die Schadensumme gar auf einem Rekordhoch.


Die neue Generation der Jäger ist jung und weiblich

Es ist kurz vor 11 Uhr. Die Jagdgesellschaft hornt ihre zweite Treibjagd an. Wir laufen mit den Treibern. Als Jäger steht man sich fast schon die Beine in den Bauch, hier ist es umgekehrt. Alle sind in Bewegung, mit Vorliebe wird Lärm gemacht. In koordinierten Ketten laufen die Treiberinnen und Treiber in ihren grellen orangen Jacken durch dichtes Geäst und schlagen ihre Stöcke gegen die Bäume. Ihre Rufe – «heja, heja, heja» – schallen rhythmisch durch den verwinkelten Wald.

Es dauert keine halbe Stunde, bis die ersten Schüsse fallen. Zweimal wird abgehornt, zwei Rehe liegen regungslos auf dem gelbgefärbten Laub. Der Schütze heisst Hausi Schneider. Waidmannsheil. Wie fühlt es sich an, ein Wildtier zu töten? «Beim Schuss bist du einfach konzentriert. Wenn du dann weisst, das Tier ist tot und leidet nicht, spürst du, wie sich die Anspannung in Erleichterung auflöst», sagt Schneider. Viele der Jäger an diesem Tag antworten genau dasselbe.

Am Mittag versammelt sich die Gruppe um zwei Lagerfeuer und löffelt Eintopf aus Plastikschalen. Alkohol wird keiner ausgeschenkt; diese Sitte hat die Jagdgesellschaft schon lange verbannt. Jäger und Treiber sitzen durchmischt beieinander, was früher nicht selbstverständlich war. «Da hast du als Treiber bei den Jägern nichts zu suchen gehabt», erinnert sich Manuela Flubacher. Die 38-Jährige hat Wildtierbiologie studiert. Ein Professor habe ihr nahegelegt, sich zur Jägerin ausbilden zu lassen. Anfangs sei sie skeptisch gewesen, mittlerweile jage sie leidenschaftlich. «Nur meine Eltern finden mich glaub immer noch komisch», sagt sie und lacht.

Jägerin Manuela Flubacher

Jägerin Manuela Flubacher

Flubacher steht für eine neue, junge und weibliche Generation der Jägerschaft, so wie die 32-jährige Sabrina Bloch. Sie kommt aus einer Jagdfamilie, war bis 19 Vegetarierin. «Auf einmal habe ich Lust auf Fleisch bekommen», erinnert sich Bloch. Also entschied sie, sich ihre Nahrung als Jägerin selbst zu beschaffen.

Jägerin Sabrina Bloch

Jägerin Sabrina Bloch

14:38 Uhr. Die letzte Treibjagd im Waldstück Erli hat begonnen. Am Schiessstand sagt Rainer Klöti, er denke viel darüber nach, in welche Richtung sich die Jagd entwickle. Seit Anfang Jahr darf im Aargau mit Nachtsichtgeräten nach Wildschweinen gejagt werden. Den Jägern soll das helfen, doch Klöti findet es nicht nur gut. «Man muss den Tieren ihre Ruhephasen zugestehen.» Er sieht sich und die Jäger im Spannungsfeld verschiedener Interessen gefangen. Bauern wollen höhere Abschusszahlen, Tierschützer fordern weniger.

Über allem steht der Gesetzesauftrag vom Kanton. Der verlangt, dass die Jagdgesellschaft Schenkenberg bis Ende Jahr 70 Rehe und so viele Wildschweine wie möglich schiesst. «Die Abschussverpflichtung ist auch Druck für uns Jäger, und der nimmt zu», sagt Klöti. Er ist der Meinung, Jagen müsse auch Passion bleiben dürfen. Wenn es nur noch um Pflichterfüllung gehe, höre er auf, sagt er. «Ich glaube, dann hören viele von uns auf.» Wenig später huscht eine Rehgeiss vorbei. Klöti zückt seine Flinte, doch er drückt nicht ab. Zu spät.
Zu viel geplaudert.

Infogram: Zahlen zur Jagd


Alle erlegten Tiere sind bereits vergeben

Es ist nach 16 Uhr, langsam dunkelt es ein. Die Jagdgesellschaft macht sich daran, die Beute aus dem abschliessenden Trieb «aufzubrechen». Was martialisch klingt, hat in Tat und Wahrheit chirurgische Züge. Rehe werden zu zweit, Wildschweine zu viert kopfüber an einem Holzbalken aufgehängt. Mit der Sackmesserklinge reissen Jäger und Treiber die Tierkörper auf. Das Blut wird in Kanister gefüllt, Leber und Nieren sorgfältig herausgeschnitten und in Plastikbeutel verpackt, Brustkorb und Bauchinnenseite mit Wasser ausgespült.

Der Wald saugt die meisten Gerüche auf, trotzdem plagt die Säure der Wildschweingallenblase die Nase. Jedes Tier kriegt eine Nummer, auf einem Formular notiert sind Todeszeit und Gewicht. Am schwersten ist die Wildsau: 43 Kilo. Der Prozess ist technisch und effizient, wirkt vor dieser Kulisse aber archaisch. Die Tiere hat man bereits an Metzger oder Private verkauft. Jene Innereien, die für den Menschen ungeniessbar sind, bleiben hier. An ihnen wird der Fuchs seine Freude haben.

Danach ist Schluss. Traditionell begeht die Jagdgesellschaft Schenkenberg ihre erste Gesellschaftsjagd im Jahr mit einer Feier auf dem Schloss Wildenstein, hoch über Veltheim. Es wird gesungen, die Hornbläser erweisen dem Wild die letzte Ehre. So will es der Brauch. Abschlussbilanz: 14 tote Rehe, zwei tote Wildschweine. Es war ein
erfolgreicher Tag.

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