Fall Rupperswil
Unterlegene Richter kommen im Vierfachmord-Urteil zu Wort: «Das ist auch für Thomas N. nicht gut»

Das schriftliche Urteil zum Vierfachmord Rupperswil beinhaltet eine juristische Besonderheit: Die Meinung der Richterminderheit wird abgebildet. Strafrechtsprofessorin Marianne Heer kritisiert dieses Vorgehen.

Andreas Maurer
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Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.
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Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Opferanwalt Markus Leimbacher in seinem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Thomas N. kann auch Richter, Therapeuten und Gutachter manipulieren.»
Nach dem ersten Prozesstag Ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau verlässt mit Thomas N. im Wagen die Tiefgarage der Mobilen Polizei.
Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»
Zwischenfall während der Mittagspause am Dienstag: Ein religiöser Eiferer fordert lautstark die Todesstrafe für Thomas N. und wird von der Polizei abgeführt.
Staatsanwältin Barbara Loppacher: «Es liegt keine psychische Störung vor, mit der die Morde erklärt werden können. Somit liegt keine Störung vor, die therapiert werden kann. Der Beschuldigte ist folglich untherapierbar.»
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Er wünsche sich eine Therapie, gibt er zu Protokoll.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin Renate Senn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Thomas N. vor Gericht.
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten Thomas N. (rechts aussen).
Vor dem Prozessbeginn: Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher begrüssen sich.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher der "Seetal Selection", einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und des FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Koordinator tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Journalisten vor dem Eingang.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Der Prozess gegen N. dauerte vier Tage.
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.

Marco Tancredi

Der Vierfachmord von Rupperswil bringt die Justiz an ihre Grenzen. Normalerweise funktionieren Gerichte wie der Bundesrat. Gestritten wird hinter verschlossenen Türen. Danach wird nur die Argumentation der Mehrheit publiziert. Man nennt das Konsenskultur. Nur in seltenen Fällen werden Meinungsunterschiede öffentlich ausgetragen. Das Bezirksgericht Lenzburg wählt dieses Vorgehen nun im Fall Rupperswil.

Am Mittwoch hat es die 161-seitige Urteilsbegründung zum Fall Rupperswil verschickt. Bei der mündlichen Urteilseröffnung im März hatte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach (SVP) offengelegt, dass eine Minderheit eine lebenslängliche Verwahrung für den geständigen Vierfachmörder Thomas N. gefordert hatte. Die Mehrheit sprach sich jedoch für eine ordentliche Verwahrung aus. Einig war sich das Gericht bei der lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Auf die Argumentation der unterlegenen Richter ging der Präsident in der mündlichen Urteilseröffnung nicht näher ein. Doch jetzt widmet das Gericht dieser ein eigenes Unterkapitel.

Strafrechtsprofessorin Marianne Heer ist seit 34 Jahren an Gerichten tätig, seit zehn Jahren als Oberrichterin in Luzern. Auf Anfrage sagt sie: «Dass die Minderheitsmeinung in einem schriftlichen Urteil publiziert wird, habe ich in der Schweiz noch nie gesehen. Das entspricht nicht den Gepflogenheiten unserer Justiz.» Diese Praxis kenne sie nur von angloamerikanischen Gerichten. Dass das Lenzburger Bezirksgericht nun eine Ausnahme gemacht habe, deute darauf hin, dass die Richter unter einem extremen Druck der Öffentlichkeit gestanden seien. Sie kritisiert das Vorgehen: «Im Meinungsbildungsprozess sollen alle zu Wort kommen. Aber wenn man ein Urteil gefällt hat, ist es auch für den Beschuldigten nicht gut, wenn man weiterhin von verschiedenen Möglichkeiten ausgeht.»

Die Aargauer Gerichte widersprechen und verweisen auf das Gerichtsorganisationsgesetz, das sie «befugt, abweichende Meinungen von Richterinnen und Richtern in die Urteilserwägung aufzunehmen». Es entspreche grundsätzlich der Aargauer Praxis, Minderheitsmeinungen in die Urteilsbegründung zu integrieren. Eine Gerichtssprecherin erklärt: «Damit wird auch der zumindest teilweise in der juristischen Literatur vertretenen Forderung nach Transparenz und Fairness im gerichtlichen Verfahren nachgekommen.» Andere Kantone wie Zürich, Schaffhausen und Waadt veröffentlichen in manchen Urteilsbegründungen ebenfalls Minderheitsmeinungen.

 «Das entspricht nicht den Gepflogenheiten der Schweizer Justiz»: Marianne Heer, Strafrechtsprofessorin.

«Das entspricht nicht den Gepflogenheiten der Schweizer Justiz»: Marianne Heer, Strafrechtsprofessorin.

Sandra Ardizzone

Krank oder gesund?

Der aussergewöhnliche Richterstreit zum Fall Rupperswil dreht sich um die Umsetzung der Verwahrungsinitiative. Eine Voraussetzung für eine lebenslängliche Verwahrung ist, dass der Täter von zwei Gutachtern für untherapierbar erklärt wird. Die aufgebotenen Psychiater hingegen stellten beide eine Störung fest – allerdings mit unterschiedlichen Ausprägungen – und bejahten auch eine Therapierbarkeit.

Die unterlegenen Richter weisen nun auf die Widersprüche der Diagnosen hin. Im Gegensatz zur Staatsanwältin kritisieren sie diese jedoch nicht, sondern bringen sogar Verständnis dafür auf: «Diese Unsicherheit der beiden überaus renommierten Gutachter lässt sich mit der Einzigartigkeit des Falles ohne Weiteres erklären.» So habe Psychiater Josef Sachs selber darauf hingewiesen, eine Prognose sei schwierig, da keine Vergleichsmöglichkeiten bestünden.

Die Gerichtsminderheit zitiert eine weitere Passage aus Sachs’ Gutachten: «Angesichts der selten anzutreffenden Brutalität der Tathandlung neigt man schnell dazu, beim Täter eine krankhafte Störung zu vermuten, weil sich die Tat weit ausserhalb von dem bewegt, was wir mithilfe unserer Alltagserfahrung einzuordnen fähig sind.» Gefährlich werde diese Denkweise dann, wenn man im Anschluss versuche, aus der angeblichen krankhaften Störung die Tat zu erklären.

Vierfachmord Rupperswil – Von der Tat bis zum Urteil:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
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Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Diese Aussagen des Psychiaters müssten aus juristischer Warte gewertet werden, argumentieren die unterlegenen Richter. Sie kommen zum Schluss, «dass die Vierfachtötung letztlich nicht auf eine psychische Störung zurückzuführen ist». Folglich sei kein Behandlungsbedürfnis gegeben, Thomas N. sei nicht therapierbar. Es sei eine lebenslängliche Verwahrung anzuordnen.

Die unterlegenen Richter verweisen auf die Botschaft des Bundesrat von 2005 zur Verwahrungsinitiative: «Der erklärte Wille des Gesetzgebers war es, dass auch psychisch gesunde bzw. nicht gestörte Täter verwahrt werden können, wenn die übrigen Voraussetzungen gegeben sind.»

Die Mehrheit des Bezirksgerichts sieht das anders. Dazu gehört auch mindestens ein SVP-Richter. Denn das Gericht setzt sich aus drei Abgeordneten der SVP und je einem von SP und CVP zusammen. Die SVP hatte als einzige Partei die Verwahrungsinitiative unterstützt.

Die Richter-Mehrheit argumentiert, das Bundesgericht setze für die Anordnung der lebenslänglichen Verwahrung einen hohen Massstab an und fordere für eine dauerhafte Untherapierbarkeit eine ausdrückliche Äusserung der zwei Gutachter, dass der Täter ein Leben lang auf Behandlungen nicht ansprechen werde. «Es ist nicht davon auszugehen, dass diese hohen Hürden nicht auch für den vorliegenden Fall gelten sollen», heisst es nun in der Urteilsbegründung.

Der nächste Richterstreit?

Staatsanwältin Barbara Loppacher hatte wie die Gerichtsminderheit für einen harten Kurs plädiert. Trotz ihrer teilweisen Niederlage hatte sie sich direkt nach der Urteilsverkündigung in einer ersten Reaktion zufrieden geäussert. Es sei ein «gutes Urteil», das Gericht habe ein «klares Zeichen» gesetzt. Nun hat sie – wie die Verteidigerin von Thomas N. – zwanzig Tage Zeit, um Berufung zu erklären. Dann könnte sie ein noch deutlicheres Zeichen verlangen. Das Aargauer Obergericht und anschliessend das Bundesgericht wären die nächsten Richtergremien, die über den Fall streiten könnten.

Der Artikel wurde überarbeitet und ergänzt durch eine Stellungnahme der Aargauer Gerichte.