Spardruck
Unter Druck: Schule für Gestaltung fürchtet um ihre Unabhängigkeit

Die Schule für Gestaltung versteht sich als Kompetenzzentrum für visuelle Kommunikation. Sie ist erfolgreich, finanziell gesund und verfügt über eine moderne Infrastruktur. Mit der Reform der Berufsfachschulen gerät sie jedoch unter Druck. Die Autonomie steht auf dem Spiel.

Jörg Meier
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Die Co-Leitung der Schule für Gestaltung Aargau Franziska Hofer (links) und Luigi Garavelli.

Die Co-Leitung der Schule für Gestaltung Aargau Franziska Hofer (links) und Luigi Garavelli.

Chris Iseli

Die Schule für Gestaltung Aargau (SfGA) in Aarau ist die kleinste Berufsfachschule im Kanton. Sie versteht sich als Kompetenzzentrum für visuelle Kommunikation. Rund 210 Lernende aus grafischen Lehrberufen besuchen den Fachunterricht. Zudem bietet die Schule den gestalterischen Vorkurs an, der Jugendliche auf eine Berufslehre im gestalterischen Bereich vorbereitet. Das Propädeutikum macht die Teilnehmenden zudem fit für das Studium an einer Hochschule. An die Profis der visuellen Kommunikation richtet sich das Weiterbildungsangebot der Schule. Und für talentierte Kinder hat die SfGA die Bildschule eingerichtet.

«Wir sind gut aufgestellt», sagt Co-Schulleiter Luigi Garavelli. Dem Förderverein gehört das 2012 umgebaute Schulhaus in Aarau, «mit schweizweit wohl einzigartigen Ateliers», wie Garavelli begeistert erzählt. Finanziell sei man auf Kurs, die Infrastruktur sei auf gutem Stand, man sei bereit für die neuen Herausforderungen der visuellen Kommunikation. «Weil die Schule relativ klein und überschaubar ist, können wir schnell und unkompliziert auf neue Entwicklungen der digitalen Transformation reagieren», sagt Garavelli.

Potenzial bei kreativen Berufen

Die klassische grafische Branche werde zwar nicht mehr wachsen, sagt Garavelli. Die Bedeutung der visuellen Kommunikation nehme aber weiter zu und es werde in der Kreativwirtschaft neue Berufe geben wie etwa den Social-Media-Manager oder den Game-Designer. «Oder denken Sie an den Bereich der Augmented Reality. Insgesamt haben wir es hier mit einem schlummernden Riesen zu tun, was das Potenzial an den neuen Berufsfeldern in der visuellen Kommunikation betrifft», sagt der Co-Schulleiter.

Als Kompetenzzentrum für die visuelle Kommunikation könnte und möchte die Schule die Ausbildung in den neu entstehenden Berufsfeldern konzipieren und rasch anbieten. Als sinnvoll erachtet es Garavelli aber auch, wenn die SfGA bestehende kreative Berufe wie Mediamatiker oder Bekleidungsgestalterin zur Fachausbildung ins Haus holen könnte.

Co-Schulleiterin Franziska Hofer betreut den Bereich Vorbildung und damit auch den gestalterischen Vorkurs. «Die Nachfrage nach dem Kurs ist konstant hoch», erklärt Hofer. Das mag damit zusammenhängen, dass die allermeisten Teilnehmenden dank des Kurses eine Lehrstelle im gestalterischen Bereich finden. Und umgekehrt können die Lehrbetriebe darauf vertrauen, dass Absolventen des Kurses die nötigen Voraussetzungen für einen Beruf in der grafischen Branche mitbringen. Das tönt alles sehr gut. Doch die Zukunft der Schule für Gestaltung ist höchst ungewiss. Das hat auch mit dem Vorkurs zu tun.

Kein Geld mehr für den Vorkurs

Die Schwierigkeiten begannen, als der Kanton 2016 auf der Suche nach Sparmöglichkeiten auf den gestalterischen Vorkurs stiess. Die Regierung stellte fest, dass der Kanton nicht verpflichtet ist, berufsvorbereitende Kurse zu führen, und sie deshalb auch nicht finanzieren muss. Die Regierung beschloss, die finanzielle Unterstützung des Kurses auf das Schuljahr 2018/19 einzustellen. Und die Schule für Gestaltung erhielt den Auftrag, sie solle versuchen, private Geldgeber für den Kurs zu finden; unangetastet blieb die Unterstützung durch die Wohngemeinden. Doch trotz grosser Anstrengungen gelang es der Trägerschaft der Schulführung nicht, von der grafischen Branche die notwendige finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Im dritten Anlauf soll die Reform der Berufsschulen gelingen

Lesen Sie hier den Artikel dazu.

Da griff die Politik ein. Grossrätin Sabine Sutter-Suter (CVP) reichte zusammen mit Kathrin-Scholl (SP) eine Motion ein, in der sie verlangten, der Kanton solle den Vorkurs im bisherigen Rahmen weiter unterstützen. Doch die Regierung blieb konsequent und lehnte Ende September 2018 auch die Motion ab. Die Argumentation war unverändert: Der Vorkurs sei systemfremd im dualen Bildungssystem; der Kanton sei nicht verpflichtet, dafür Geld auszugeben; auch eine eidgenössische Lösung habe sich nicht finden lassen. Immerhin verlängerte die Regierung die Zahlungen um ein Jahr: Sie werden erst auf das Schuljahr 2019/2020 hin eingestellt.

Vor einer ungewissen Zukunft

«Damit mussten wir rechnen, aber der Entscheid trifft uns hart», sagte Franziska Hofer. Die Streichung des Kantonsbeitrags hat Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler: «Wir müssen für den gestalterischen Vorkurs künftig ein Schulgeld verlangen, das ein Mehrfaches des bisherigen Beitrages von 5000 Franken beträgt.» Mit einem Schulgeld, das sich in der Gegend von 15 000 Franken bewegen werde, sei nicht mehr gewährleistet, dass alle sich den Vorkurs leisten könnten. Trotzdem wird die Schule den gestalterischen Vorkurs weiterhin anbieten. «Wir wollen das Feld nicht teuren privaten Anbietern überlassen, die oft unsere Qualitätsstandards nicht erreichen», sagt Franziska Hofer.

Hellhörig macht indes ein Nebensatz in der Antwort der Regierung zum Vorstoss: Weil zurzeit «eine grundsätzliche Überprüfung der Aargauer Berufsschullandschaft vorgenommen wird», sei der Regierungsrat bereit, den Vorkurs ein Jahr länger als vorgesehen zu finanzieren, also bis und mit Schuljahr 2019/2020. Wie muss man das verstehen? Was bedeutet diese «Überprüfung der Aargauer Berufsschullandschaft» für die Schule für Gestaltung?

Teil der Berufsschule Aarau?

«Wir können und wollen nicht Kaffeesatz lesen», sagte Luigi Garavelli. Mit dem Bildungsdepartement hätten zwar Gespräche stattgefunden, was aber der Kanton mit der Schule vorhabe und ob sie als eigenständiges Kompetenzzentrum weiterbestehen werde, wisse er nicht. Aber für ihn ist klar: «Der Verlust der Autonomie wäre ein schmerzhafter Kulturverlust. Die Schule verlöre an Strahlkraft und Flexibilität.»

Zum jetzigen Zeitpunkt möchte man sich im Bildungsdepartement nicht zur Zukunft der Schule für Gestaltung Aargau äussern. So erklärt Sprecherin Simone Strub lediglich: «Bisher sind keine Entscheidungen gefallen.» Spätestens bis Ende Jahr soll aber die gesamte Reform der Berufsfachschulen auf dem Tisch liegen. In diesem Papier wird auch die Schule für Gestaltung vorkommen – möglicherweise als neue Abteilung der Berufsschule Aarau.