Bildung
Unmut bei Primarlehrern: «Gespart wird auf dem Buckel der Schwächsten»

Die Regierung will in den nächsten Jahren 120 Millionen Franken einsparen. Gespart werden muss auch bei der Bildung. Die Primarlehrkräfte haben an ihrer Versammlung eine Resolution zuhanden der Regierung verabschiedet.

Hans Fahrländer
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Primarklassen mit weniger als 15 Kindern will die Regierung nicht mehr tolerieren.

Primarklassen mit weniger als 15 Kindern will die Regierung nicht mehr tolerieren.

Keystone

Dieses war der dritte Streich: Nach den Bezirks- und den Mittelschullehrerkräften stehen auch die Primarlehrkräfte auf, um sich gegen die «Leistungsanalyse» zu wehren – ein geschöntes Wort für ein Sparpaket, mit welchem die Regierung in den nächsten Jahren 120 Mio. Franken einsparen will.

An ihrer Versammlung in Wohlen haben die Delegierten des Primarlehrervereins (PLV) unter Leitung von Claudia Lauener einstimmig eine Resolution zuhanden der Regierung verabschiedet.

Sparpaket: Unmut in der Lehrerschaft

Die Sparpläne des Regierungsrats betrifft die verschiedenen Schulstufen und Lehrergruppen ganz unterschiedlich. Die Bezlehrer wehren sich mit einer Resolution gegen die Erhöhung der Pflichtstunden von 27 auf 28, die Anhebung der minimalen Klassengrösse auf 18 Schüler, Kürzungen bei Begabtenförderung und Einsparungen bei Wahlfächern. Die Forderung der Bezlehrer: Die Regierung soll die Sparmassnahmen zurücknehmen.
Sauer stossen die Sparpläne auch den Instrumentallehrern an Kantonsschulen auf. Künftig sollen die Eltern - und nicht mehr der Kanton - die Kosten von 400 Franken pro Semester tragen. Die Befürchtung: Viele Eltern könnten ihre Kinder aus dem Unterricht zurückziehen. Damit würden auch Lehrerpensen wegfallen. (FH)

Sie protestieren darin gegen die geplanten Sparmassnahmen «zulasten der Bildung» und fordern die Regierung auf, auf diese Eingriffe zu verzichten. Aus Sicht der Primarschule geht es vor allem um folgende Einschnitte:

Die Mindestschülerzahl in Primarklassen soll von 12 auf 15 erhöht werden. Grössere Lerngruppen stellen vor allem für schwächere Schüler eine Belastung dar. Zudem droht die Schliessung kleiner Schulen.

Die Einschulungsklassen, in denen der Stoff der 1. Klasse auf zwei Jahre verteilt wird, sollen abgeschafft werden. Ebenfalls ein Eingriff, unter dem vor allem die Schwächsten zu leiden hätten.

Deutschzusatz-Lektionen im Kindergarten werden abgebaut, betroffen sind fremdsprachige Kinder.

Anstelle des verhinderten Bildungsdirektors Alex Hürzeler versuchten sein neuer Generalsekretär Daniel Mollet und der stellvertretende Sektionsleiter Urs Wilhelm, die geplanten Eingriffe zu rechtfertigen. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Entscheide abseits der Schulfront

Vor allem Mollet sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei «viel zu weit weg von der Schulfront» (er war zuletzt Kommunikationschef der Post).

«Wenn der Kanton sparen muss, kann das grösste Bedürfnisdepartement mit Ausgaben von 1 Milliarde nicht abseitsstehen», warb er für Verständnis.

Doch ein vielstimmiger Lehrerchor konterte: Die Eingriffe erfolgten am komplett falschen Ort: «Gespart wird auf dem Buckel der Schwächsten, das ist unhaltbar.»

Die Stimmung im Saal war fast so aufgeheizt wie vor Wochenfrist bei den Bezirkslehrern. Der Kanton habe mehrfach die Steuern gesenkt und nun könne er seine wichtigsten Aufgaben nicht mehr erfüllen, das sei ganz schlechte Politik.

Vor allem die Abschaffung der Einschulungsklassen (EK) gab zu reden. Zwar erinnerte Urs Wilhelm daran, dass nicht mehr alle Schulen solche Klassen führten und dass mit der schulischen Heilpädagogik und individuellen Fördermassnahmen ein Alternativkonzept bereitstünde.

Doch mehrere EK-Lehrerinnen widersprachen: Die Ausstattung der Schulen und Klassen mit solchen Sondermassnahmen sei viel zu klein. Den schwächeren Kindern könne damit kaum wirksam geholfen werden.

Kommentar: Der Schaden ist angerichtet

Die geplanten Eingriffe seien so verträglich gestaltet, dass die Betroffenen sie kaum merken würden, sagte, sinngemäss, Finanzdirektor Roland Brogli bei der Präsentation der «Leistungsanalyse», mit welcher der Staatshaushalt im Lot gehalten werden soll. Auch ein erfahrener Finanzdirektor kann sich täuschen. Zumindest was das Sparen im Bildungsbereich angeht, haben die Betroffenen «es» gemerkt. Und sie setzen sich vehement zur Wehr. Auf dem Tisch der Regierung liegen einstimmig verabschiedete Resolutionen der Primar- und der Bezirkslehrerschaft auf Rücknahme der Spareingriffe.

Kämpfen die Lehrerverbände einfach um ihre Pfründe, wie es eine Gewerkschaft tun muss? Nein. Es geht um mehr. Es geht zwar auch um die Arbeitsbedingungen der Lehrer. Aber Primar-, Bezirks- und Mittelschullehrpersonen protestieren nicht primär in ihrem eigenen Namen, sondern im Namen der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen. (Übrigens: Wer Lehrer demotiviert, schadet ja auch den Kindern.)

Die Lehrer aller Stufen konnten in den letzten Tagen glaubhaft machen, dass der Bildungserfolg vor allem der Schwächsten bei Durchsetzung der Spareingriffe beeinträchtigt wäre. Ein Kanton indessen, der an der Bildung der Schwächsten spart, nimmt auch volkswirtschaftlichen Schaden in Kauf. Diese Langfrist-Rechnung hat die Regierung offenbar nicht gemacht. Und sie hat es versäumt, die Praktiker an der Front zu fragen, wo man noch ohne Schaden sparen könnte. Sie hat gemeint, sie wisse das selber («Wer alle fragt, kommt nirgends hin!»). Nun zeigt sich: Sie hat es nicht gewusst. Der Schaden ist angerichtet.

Am Rand des Scherbenhaufens zeigt sich übrigens noch ein pädagogischer Kollateralschaden. Die Regierung sagt: «Wir können die Einschulungsklassen abschaffen, denn wir haben ja jetzt die schulische Heilpädagogik.» Doch die Ressourcenausstattung für diese individuellen Förderungen ist viel zu schwach. Wird sie nicht drastisch erhöht, scheitert die gesamte integrative Schulung. Aber das geht ja jetzt nicht. Man muss ja jetzt sparen. (fa)

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