«Es ist unsere Oase» – so märchenhaft lebt es sich auf Schloss Einhorn im Zurzibiet

Ungewöhnlich Wohnen
«Es ist unsere Oase» – so märchenhaft lebt es sich auf Schloss Einhorn im Zurzibiet

Alex Spichale

Thomas Bodmer und Markus J. Frey wohnen wie auf einem englischen Adelssitz. Ihr über 350 Jahre altes Schloss Einhorn ist nicht nur Oase und Begegnungsort, sondern auch das Zuhause von durstigen Schlossgeistern.

Maria Brehmer
Merken
Drucken
Teilen

Hettenschwil bei Leuggern hat 222 Einwohnerinnen und Einwohner, zwei von ihnen leben in einem Schloss. Wer Thomas Bodmer und Markus J. Frey besuchen möchte, muss erst lange Strecken über Land fahren, bevor das herrschaftliche Haus mitten im überschaubaren Dorf zu sehen ist.

«Wir suchten eigentlich kein Haus am Ende der Welt»

Ein Einhorn, einst ein beliebtes Wappentier, prangt an der Fassade. Auch wenn das Tier wie ein Geissbock gemalt wurde – anders, als man Einhörner heute darstellt – ist das einzelne und spitz zulaufende Horn doch unverkennbar. «Ich war begeistert, als ich herausfand, dass in meinem Familienwappen auch ein Einhorn vorkommt», erzählt der gebürtige Baselbieter Markus Frey.

Der Körperbau der eines Geissbocks, das Horn – gedreht und spitz zulaufend – eindeutig das eines Einhorns: Das Wappen an der Fassade gibt dem Schloss seinen Namen.

Der Körperbau der eines Geissbocks, das Horn – gedreht und spitz zulaufend – eindeutig das eines Einhorns: Das Wappen an der Fassade gibt dem Schloss seinen Namen.

Alex Spichale

An die 20 historische Häuser hätten sein Partner Thomas Bodmer und er in der grösseren Region besichtigt, ehe sie im Schloss Einhorn im Zurzibiet landeten. «Wir suchten eigentlich kein Haus am Ende der Welt», lacht Frey, «aber dieses Schloss, und dann auch noch mit diesem aussergewöhnlichen Namen, hatte es uns sofort angetan.»

Und plötzlich steht es vor einem: Schloss Einhorn ist der Mittelpunkt des 222-Seelendorfes Hettenschwil, das zur Gemeinde Leuggern gehört.
8 Bilder
Das Schloss wurde erstmals 1676 schriftlich erwähnt. Markus Bodmer (links) und Markus Frey wohnen seit 12 Jahren hier.
Ihre Leidenschaft: alte Möbel wie Truhen, Sessel, Figuren ...
... Tischchen, Seidenteppiche, ...
... Sofas und Kerzenständer. Im Hintergrund ist der alte Kachelofen zu sehen.
Das Schloss ist voller originaler Elemente, wie dieser Schüttstein, dessen Abfluss direkt in den Garten geht (hier mit einem Stein verschlossen). Einen solchen Schüttstein habe sich Markus Bodmer schon immer gewünscht, wie er erzählt. Heute hätten vor allem Kinder Freude daran.
Im Esszimmer veranstalten die Schlossherren regelmässig Englische Teezeremonien.
Mit viel Liebe zum Detail: Im Schloss Einhorn gibt es in jeder Ecke etwas (Historisches) zu entdecken.

Und plötzlich steht es vor einem: Schloss Einhorn ist der Mittelpunkt des 222-Seelendorfes Hettenschwil, das zur Gemeinde Leuggern gehört.

Alex Spichale

Das Schloss wurde 1676 erstmals als «Schlössli zum Einhorn» schriftlich erwähnt. Die Mauern des unteren Teils des Hauses sind noch original, auch ein Steinboden im Innern stammt noch aus dieser Zeit.

Seither hat das Schloss viele Schlossherren und -damen kommen und gehen sehen, die alle ein bisschen etwas abrissen, anbauten, neu gestalteten. Seit zwölf Jahren sind Thomas Bodmer und Markus Frey die Besitzer, und das Schloss hat sie zu Experten für Denkmalpflege gemacht. Die Fassade steht unter eidgenössischem Ortsbildschutz, jede Renovation benötigt eine Bewilligung.

Originale Mauer des Schopfes aus dem 18. Jahrhundert, geflochten aus Weidenästen und hinter Glas vor der Witterung geschützt.

Originale Mauer des Schopfes aus dem 18. Jahrhundert, geflochten aus Weidenästen und hinter Glas vor der Witterung geschützt.

Alex Spichale

Auch wenn das Schloss in den 1970er-Jahren grossflächig saniert wurde, gibt es an den alten Mauern immer etwas zu tun. «Derzeit verhandeln wir, wie wir unsere Fenster erneuern können. Es ist noch nicht geklärt, wie viele Sprossen die Fenster haben müssen», erklärt Thomas Bodmer.

Plötzlich Dorfmittelpunkt

Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde funktioniere sehr gut, was wichtig sei, da das Schloss zentral an der Kantonsstrasse liegt und als Dorfmittelpunkt wahrgenommen wird. Es gibt immer etwas abzusprechen, zu bewilligen oder zu organisieren. Auch über den «Kulturverein zum Einhorn», den Markus Frey und Thomas Bodmer 2012 gründeten, sei man laufend im Austausch mit dem Dorf und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern. Man kennt sich.

«Wir wollten einen Ort der Begegnung schaffen, aus diesem Grund haben wir auch ein offenes, grossräumiges Haus gesucht», sagt Thomas Bodmer. Dass sie mittlerweile auch Eventmanager und Gastgeber seien, gefällt den beiden. Schloss Einhorn ist ihr Lebenswerk.

Thomas Bodmer arbeitet als Kabinenenchef und Therapeut, Markus Frey als Sänger und Chorleiter. Die Coronakrise brachte beiden Arbeitspausen. Was sie produktiv nutzten und unter anderem den Garten neu gestalteten. Wie ist man Schlossherr nebenbei? «Wir wollen die besondere Energie des Hauses bewahren», erzählt Thomas Bodmer. «Seine Geschichte ist so lebendig, wir müssen sie weiterschreiben. Das ist unsere Motivation.»

Der Garten, der sich hinter dem Haus öffnet, dient Hochzeiten, Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen als märchenhafte Bühne. Über 100 Jahre alte Olivenbäume, duftende Rosen, Obstbäume, versteckte Wege und lauschige Plätze liefern die passende Kulisse.

Die Gartenanlage ist so gross wie ein kleiner Park.
6 Bilder
Wer auf den versteckten Wegen spaziert, entdeckt viele Details, auch aus vergangenen Zeiten, wie dieser alte Mühlstein.
Im Garten pflanzten die Schlossherren unter anderem über 100 Jahre alte Olivenbäume. Sie müssen im Winter mit Flies geschützt werden.
Das Faible von Markus Frey und Thomas Bodmer für Figuren zeigt sich auf auf einem Gartenrundgang.
Im Schutz des Scheunendachs finden Konzerte, Lesungen oder Nachmittage mit Kaffee und Kuchen statt.
«Im Garten gibt es immer etwas zu tun»: Thomas Bodmer (links) und Markus Frey im Garten von Schloss Einhorn.

Die Gartenanlage ist so gross wie ein kleiner Park.

Alex Spichale

Ein Zimmer wie aus einem Historienfilm steht für die Gäste bereit. Im Lädeli, das hin und wieder als Café geöffnet hat, gibt’s selbstgemachte Konfitüren und Sirups zu kaufen sowie weitere Artikel, die in der Region hergestellt werden. Und in ihrem Esszimmer servieren die beiden regelmässig englischen Afternoon Tea, in Originalgeschirr aus dem Londoner Kensington-Palast.

Die Arbeit am Schloss ist für beide je ein 50-Prozent-Job. Ihre Liebe zum Detail nimmt dabei viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie besuchen regelmässig Flohmärkte und Brockenstuben im In- und Ausland, um passende Einrichtungsgegenstände zu finden. Oder «Ersatzteile», die zur historischen Bausub­stanz passen, wenn mal wieder etwas ersetzt oder repariert werden muss.

Nachts hören sie Schritte auf dem Dachboden

Sie gehen zu Kloster-Auktionen und Hausauflösungen, um nach Raritäten zu suchen. Sie schleppen schwere, alte Holzmöbel ins Haus, nachdem sie sie erst abgebeizt und dann neu lackiert haben. Und sie sind leidenschaftliche Sammler von alten Figuren, die sie drinnen wie draussen mal gut sichtbar, mal in einem der unzähligen Büsche oder Blumenbeete platzieren.

Das alte Schloss lebt. Und die bewegte Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen. «Natürlich haben wir hier auch Schlossgeister», erzählt Thomas Bodmer. Manchmal seien am Morgen die Stühle verrückt, oder die Schnäpse wurden ausgetrunken, die sie am Abend extra für die Schlossgeister auf den Esstisch gestellt haben. Manchmal würde man nachts vom Dachboden her Schritte hören, die nach Stöckelschuhen klingen würden. «Im letzten Jahrhundert wohnte hier lange Zeit eine alleinstehende Frau, wir wissen nicht viel über sie. Vielleicht ist sie noch hier?» sagt Thomas Bodmer und lächelt.

Das Schloss lebt: Regelmässig seinen am Morgen die Stühle verrückt, erzählen Thomas Bodmer und Markus Frey.

Das Schloss lebt: Regelmässig seinen am Morgen die Stühle verrückt, erzählen Thomas Bodmer und Markus Frey.

Alex Spichale

«Wir sind kein Museum»

Dem Horn des Einhorns wurden früher übernatürliche Kräfte zugeschrieben. So soll es gegen Pest und Aussatz immun machen oder unempfindlich gegen Feuer und Gift. Kräfte, derer die Bewohner des Schlosses heute nicht mehr bedürfen. Anders als jene, die vor Jahrhunderten in diesen Gemäuern einen Teil ihres Lebens verbrachten.

Das Schloss diente während kriegerischer Auseinandersetzungen in der Region als eine Art Lazarett. Im Kellergeschoss gab es einen «Käfig», in dem Widerspenstige untergebracht wurden. Das Schloss war Zollstation, wovon alte Kassenschränke zeugen, die noch immer in den Wänden eingelassen sind. Schloss Einhorn war Herrschaftssitz des Verwalters der Ländereien der Kommende in Leuggern. Und es besitzt noch immer das Tavernenrecht, woraus sich schliessen lässt, dass es Durchreisenden einst als Herberge diente.

Als das pflegen Thomas Bodmer und Markus J. Frey ihr Schloss heute noch. «Wir sind kein Museum», so Bodmer, «doch wir wollen den Charakter des Hauses bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Schloss Einhorn ist eine Oase.»

Kultur und Begegnungen im Schloss

Wer auf Schloss Einhorn Hochzeit feiern möchte, Geburtstag oder ein Jubiläum, der oder die findet auf www.schloss-zum-einhorn.ch alle nötigen Informationen. Den Gästen stehen der grosse Garten, eine Laube und eine rustikale Scheune zur Verfügung. Ein Gästezimmer mit historischem Ambiente ist auf der Website oder Airbnb für 120 Franken pro Nacht buchbar. Der «Kulturverein» zum Einhorn veranstaltet unter anderem Konzerte, Brunchs, Flohmärkte und einen Adventsmarkt. Den Veranstaltungskalender finden Sie auf www.kulturverein-zum-einhorn.com.