Aargauer Schule
Ungerecht? Schülerin mit Notenschnitt 5,4 darf nicht an die Bez, Kameradin mit 4,8 aber schon

Wenn es um den Übertritt in die Oberstufe geht, sind Aargauer Primarschüler einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt. Ein Beispiel zeigt: Unter Umständen reicht nicht mal ein Notenschnitt von 5,4 für die Bez.

Urs Moser
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Wer sich mit Mathe schwer tut, hat es schwer in Sachen Aufnahme für die Bez.

Wer sich mit Mathe schwer tut, hat es schwer in Sachen Aufnahme für die Bez.

Keystone

In diesen Wochen, zwischen Februar bis spätestens April, entscheidet sich für die Primarschüler der sechsten Klasse, ob sie im nächsten Schuljahr in die Bezirks-, Sekundar- oder Realschule übertreten. Der Entscheid fällt auf Empfehlung der Lehrperson, was nach einem grossen Ermessensspielraum klingt.

Doch das Selektionsverfahren, dem sich die Primarschüler zu unterziehen haben, ist hart. Das mussten etwa die Eltern einer Badener Sechstklässlerin zur Kenntnis nehmen, die über alle Fächer einen Notendurchschnitt von 5,4 vorweisen kann. Damit ist sie nun wirklich keine schlechte Schülerin, ganz im Gegenteil. Trotzdem reiche es nur für die Sekundarschule, wurde ihr und den Eltern im Übertrittsgespräch beschieden. Einer Klassenkameradin wurde dagegen die Bezirksschulreife attestiert, obwohl diese nur auf einen Notendurchschnitt von 4,8 kommt.

Geht da alles mit rechten Dingen zu? Im Prinzip nicht, findet der Vater der künftigen Sekundarschülerin, der seinen Namen mit Rücksicht auf seine Tochter lieber nicht veröffentlicht haben möchte. Er verzichtet zwar darauf, die Übertrittsempfehlung bei der Schulpflege anzufechten, die bei Uneinigkeit zwischen Lehrperson und Eltern beziehungsweise Schüler angerufen werden kann. Aber trotzdem findet er es nicht in Ordnung, wie die Primarschüler mit einem «Tunnelblick» beurteilt würden, dass es einseitig so stark auf mathematisches Verständnis ankomme und zum Beispiel musische Begabungen kaum berücksichtigt würden.

4,5 in Mathe reicht nicht

Der Punkt ist der: Für einen Übertritt in die Bezirksschule werden «gute bis sehr gute» Leistungen in den Kernfächern und «überwiegend gute Leistungen» in den Erweiterungsfächern verlangt. Die Kernfächer sind Deutsch, Mathematik und Realien. Die Erweiterungsfächer Englisch, Französisch, Bewegung und Sport, bildnerisches Gestalten, Musik, textiles Werken und Werken.

Die Schülerin im Beispiel brilliert in allen Erweiterungsfächern mit einer Note von 5,5 oder noch besser. In den Kernfächern ist sie nicht etwa schwach, aber nach zwei verhauten Tests reichte es in Mathematik nicht mehr zu einer besseren Note als 4,5. Zusammen mit einer (abgerundeten) 5 in Deutsch und «nur» 4,75 in Realien ist das eben nicht mehr «gut bis sehr gut» in allen Kernfächern.

Strenge Anforderungen also, die aber nicht unbedingt eine Aargauer Besonderheit sind. In Basel-Stadt zum Beispiel wird für den höchsten Leistungszug der Sekundarschule ein Notenwert von 78,75 in sieben Fächern verlangt, wobei die Noten in Deutsch, Mathematik und Natur/Mensch/Gesellschaft dreifach, jene in Französisch und Englisch 1,5-fach und die in Sport und bildnerischem Gestalten einfach zählen. Bei einem Ausrutscher in Deutsch oder Mathematik muss das übrige Zeugnis da schon ausserordentlich gut sein.

Jeder zweite schaffts in die Bez

Im Aargau vermag gegen die Hälfte der Primarschüler die Anforderungen für die Bezirksschule zu erfüllen. In den letzten Jahren besuchten jeweils um die 41 Prozent der Oberstufenschüler die Bezirksschule, 37 Prozent die Sekundar- und 22 Prozent die Realschule. Im Schuljahr 2015/16 gab es eine kleine Verschiebung, der Anteil Bezirksschüler sank leicht unter 40, jener der Realschüler stieg über 24 Prozent.

Das Übertrittsregime ist zwar streng, dafür besteht bei guter Leistung die Möglichkeit, den Oberstufentyp zu wechseln. Unter den insgesamt knapp 8200 Bezirksschülern im Schuljahr 2015/16 waren immerhin 323, die den Aufstieg von der Sekundarschule geschafft hatten. 313 wechselten von der Real- in die Sekundarschule. Von der Bezirks- in die Sekundarschule «absteigen» mussten 126, und von der Sekundar- in die Realschule 69.