Bezirksgericht Zofingen

Unfallfahrer gab sich für seinen Bruder aus – jetzt muss er hinter Gitter

Vor dem Bezirksgericht Zofingen stand ein 33-Jähriger, der sich nach einem Unfall für seinen Bruder ausgegeben hatte. Das Gericht verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten unbedingt und einer Busse von 400 Franken.

Vor fast zwei Jahren baute Peter auf der Autobahn bei Rothrist einen Unfall. Er hatte sich geduckt und einen Stein aus seinem Schuh nehmen wollen – bei mindestens 100 km/h auf der Überholspur. Der 33-Jährige verlor dabei die Beherrschung über sein Fahrzeug, fuhr auf den rechten Fahrstreifen und kollidierte dort mit einem anderen Auto.

Was danach folgte, beschrieb Peter vor dem Bezirksgericht Zofingen als Kurzschlussreaktion: Er gibt sich gegenüber der Polizei für seinen zwei Jahre älteren Bruder aus. Daraufhin eröffnet die Polizei eine Strafuntersuchung gegen den Bruder und will diesem Blut und Urin abnehmen.

Übers Wochenende bekommt Peter dann doch ein schlechtes Gewissen und beichtet seinem Bruder, was passiert ist. «Ich hatte Angst, dass die mich gleich mitnehmen», erklärte der Angeklagte gegenüber dem Gericht seine Falschangaben. Ganz unbegründet war seine Angst nicht: Er war einschlägig vorbestraft, daher ohne Fahrausweis unterwegs und hatte am Tag zuvor gekifft.

Fast alles zugegeben, aber nicht Kokainkonsum

Peter zeigte sich vor Gericht geständig. Auch während der Einvernahmen bei der Staatsanwaltschaft gab er fast alle Anklagepunkte zu: die falsche Anschuldigung, das Fahren ohne Führerausweis während des Unfalls und davor, das Fahren ohne Führerausweis mit Geschwindigkeitsübertretung im Seetal, seiner Heimatregion. Auch den mehrfachen Konsum von Cannabis bestritt er nicht. Nur eines, das stritt er vehement ab: den Konsum von Kokain. Vor zehn Jahren habe er das mal ausprobiert – seither lasse er die Finger davon. Doch Tests – zuverlässige Tests – hatten mehrfach Abbauprodukte von Kokain in Peters Blut nachgewiesen. Trotzdem hielt er daran fest: «Ich konsumiere kein Kokain.» Wie die Abbaustoffe trotzdem in sein Blut gekommen sind, konnte er sich nicht erklären. Überhaupt habe er sein Leben nun komplett geändert, sei ein anderer Mensch geworden. Vom Cannabis-Konsum wolle er loskommen und lügen wolle er auch nicht mehr. «Wie oft haben Sie schon gegenüber einem Gericht versichert, dass Sie sich ändern wollen?», fragte Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober.

Unbedingte Strafe würde gute Entwicklung stoppen

Tatsächlich stand Peter in Zofingen nicht das erste Mal vor Gericht. Auch in der Vergangenheit war er mehrfach ohne Fahrausweis und teilweise mit Drogen im Blut zu schnell unterwegs gewesen. Seine Strafen konnte er teilbedingt absolvieren, die Probezeiten wurden verlängert. «Der Beschuldigte ist darum das Paradebeispiel für einen Widerruf des bedingten Strafvollzugs bei früheren Urteilen», sagte die Staatsanwältin und forderte 30 Monate unbedingt, inklusive der vorherigen Strafen, sowie 500 Franken Busse.

Sie berief sich dabei auch auf ein Gutachten, das dem Beschuldigten eine schlechte Prognose stellt bezüglich Rückfallgefahr. Ausserdem war sie überzeugt: «Der Beschuldigte nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau.» Erst habe er seinen Bruder einer Straftat beschuldigt, dann habe er eine Straftat auf sich genommen, um einen Freund zu schützen – und schliesslich habe er nachweislich beim Kokainkonsum gelogen.

Anders sah es der amtliche Verteidiger. Peter bereue seine Taten und habe sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Er habe hart darum gekämpft, den Kontakt zu seiner elfjährigen Tochter wieder herzustellen, suche trotz chronischer Krankheit nach einer Arbeitsstelle, lebe in einer Beziehung. «Eine unbedingte Strafe würde diese positive Entwicklung für längere Zeit stoppen.» Darum forderte er eine Strafe von 180 Tagessätzen à 10 Franken bei einer Probezeit von 4 Jahren. Staatsanwältin und Verteidiger waren sich einig: Ein ambulanter Drogenentzug wäre sinnvoll. Der Verteidiger forderte, die ambulante Suchtbehandlung mit einem Strafaufschub zu verbinden. Ausserdem hielt er eine Busse von 300 Franken für angemessen – schliesslich sei der Konsum von Cannabis in mehreren Fällen bereits verjährt.

Jetzt muss der Beschuldigte hinter Gitter. Das Gericht war sich einig und verurteilte den Beschuldigten zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten unbedingt inklusive der vorherigen Strafen, deren Probezeiten widerrufen wurden, und einer Busse von 400 Franken.

Eine Massnahme, beispielsweise eine ambulante Drogentherapie, hat das Gericht nicht angeordnet. «Das Gericht ist sich einig, dass in diesem Fall nur eine Freiheitsstrafe richtig und angemessen ist», begründete Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober das Urteil. Der Beschuldigte habe mehrfach die Chance gehabt, sich zu bewähren. Geldstrafen hätten bisher nichts genützt – und so bleibe eben nur die Freiheitsstrafe als härteste Sanktion übrig. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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