Bezirksgericht Kulm
Unfall wegen Handbremse: «Einfach so, um zu sehen, was passiert»

Drei Männer überschlagen sich im VW Polo, weil der Beifahrer aus jugendlichem Leichtsinn die Handbremse zieht – sie kommen mit einer Schramme und einer Busse davon.

Mario Fuchs
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Er zog die Handbremse – «einfach so, um zu sehen, was passiert», wie sich der Beifahrer vor Gericht erinnert. (Symbolbild)

Er zog die Handbremse – «einfach so, um zu sehen, was passiert», wie sich der Beifahrer vor Gericht erinnert. (Symbolbild)

Zur Verfügung gestellt

Raketen und Vulkane waren nicht das, was am 1. August 2014 im Leben von Michele und Cemil (Namen geändert) für Aufregung sorgten. Es war eine Handbremse. Jene von Micheles VW Polo. Michele, 21, überliess das Steuer gegen 21 Uhr seinem Kollegen Cemil, 20, und stieg selber auf der Beifahrerseite ein. «Dann sind wir nach Villmergen gefahren, um noch einen Kollegen abzuholen», erzählt Cemil, der gestern vor Bezirksgericht Kulm als Zeuge geladen ist. «Und auf dem Rückweg passierte der Unfall.»

Sie stiegen aus dem Dachfenster

Die jungen Männer fahren auf der Boniswilerstrasse ausserorts Richtung Leutwil. Dann hat Michele die Idee des Abends. Er sagt zu Cemil, er werde die Handbremse ziehen. «Einfach so, um zu sehen, was passiert», erinnert sich Michele vor Gericht. «Ich sagte ihm aber, er solle es unterlassen», erzählt Cemil, der am Steuer sass. «Ich sagte ihm: Machs nicht, nicht auf der öffentlichen Strasse.» Einige hundert Meter weiter wiederholt Michele seine Ankündigung. Dann, nach ein paar Kurven, beugt sich Michele «leicht nach vorne und ruft: «Jetzt!»

Cemil kann den Kleinwagen nicht mehr in der Spur halten. Der Polo schleudert über die Landstrasse, prallt gegen den Randstein, überschlägt sich, bleibt auf der Seite liegen. Die Männer können sich befreien. «Wir stiegen aus dem Dachfenster», erinnert sich Michele. Niemand ist ernsthaft verletzt, nur Cemil hat an der Schulter ein paar Schürfungen vom Sicherheitsgurt. Er kann noch heute nicht verstehen, warum sein Kollege, dem gar das Auto gehörte, wirklich Ernst machte aus seiner Ankündigung: «Ich bin davon ausgegangen, er würde es unterlassen.»

Und Michele sagt heute: «Wir waren halt jung und hatten blöde Gedanken. Aber dadurch, dass es Spass war, habe ich gedacht, Cemil weiss, dass ich wirklich ziehen werde.» Gerichtspräsident Thomas Müller fragt Michele, ob ihm nicht bewusst gewesen sei, was alles hätte passieren können. «Erst, als das Auto überschlug, wurde es mir bewusst.»

Richter: «So wird es nicht billiger»

Die Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm verurteilte beide mittels Strafbefehl wegen «grober Verletzung der Verkehrsregeln durch Nichtbeherrschen des Fahrzeuges» zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse. Das Strassenverkehrsamt nahm ihnen zudem den Ausweis vorübergehend ab. Fahrer Cemil akzeptierte das Verdikt, «wir sind noch daran, die Busse abzuzahlen», erklären er und sein Vater am Dienstag dem Gerichtspräsidenten.

Michele jedoch war nicht einverstanden und erhob Einsprache. Die bedingte Geldstrafe von 18'000 Franken (180 Tagessätze à 100 Franken) sowie die Verbindungsbusse von 1600 Franken erscheinen ihm zu hoch. Micheles Verteidiger erklärt denn auch: «Uns geht es einzig um die Höhe der Strafe.» Die Staatsanwalt habe den Strafrahmen «ausgereizt, ja sie ging sogar über das Maximum hinaus, wenn man die Busse miteinberechnet», begründet er und fordert maximal 60 bis 80 Tagessätze à 100 Franken und den Verzicht auf die Verbindungsbusse.

Gerichtspräsident Müller weist darauf hin, dass Michele so aber nicht besser wegkomme, als wenn er den Strafbefehl einfach akzeptieren würde: «Insgesamt wird es so sicher nicht billiger, Sie müssen ja nur schon die 1800 Franken Anklagegebühr dazurechnen.» Zudem würde die Geldstrafe ohnehin nur bedingt ausgesprochen – Michele müsste sie also nicht bezahlen, wenn er sich in den nächsten zwei Jahren nichts mehr zu Schulden kommen liesse. «Sie gehen ja selbst auch davon aus, dass Sie das schaffen, oder?», fragt Müller Michele. Der nickt, berät sich im Nebenzimmer kurz mit seinem Verteidiger und unterschreibt schliesslich dafür, dass er seine Einsprache zurückziehe.

Bloss aus Spass wird er die Handbremse vermutlich nie mehr ziehen.

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