20 Jahre AZ
"Und ich sah die Chance, welche ein fusioniertes Unternehmen bot"

Die Fusion der Aargauer Tageszeitungen Aargauer Tagblatt und Badener Tagblatt war eine Lösung, die passte. Trotzdem wurde die Öffentlichkeit überrascht, als sie schliesslich stand. Im Interview erzählt Verleger Peter Wanner wie die Geheimverhandlungen abliefen und welche Kniffs es brauchte, um als Unternehmen wachsen und im Markt bestehen zu können.

Hans Fahrländer und Christoph Bopp
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Peter Wanner: «Ich war felsenfest überzeugt, dass die Fusion ein Erfolg werden würde.» EMANUEL PER FREUDIGER

Peter Wanner: «Ich war felsenfest überzeugt, dass die Fusion ein Erfolg werden würde.» EMANUEL PER FREUDIGER

EMANUEL PER FREUDIGER

Peter Wanner, die Fusion begann mit einem Telefon . . .

Peter Wanner: Wie alle Anfänge hatte auch dieser eine Vorgeschichte. Die Unternehmensleitung des Badener Tagblattes machte sich Mitte der 90er-Jahre schon Gedanken, wie es weitergehen sollte. Wer Geschäftsberichte lesen konnte, wusste, dass in Aarau beim Aargauer Tagblatt nicht alles zum Besten stand. Ich sagte vor der Unternehmensleitung, das Aagrauer Tagblatt könnte ein Übernahmekandidat werden.

Und da blies man zum Sturm auf Aarau?

Nein, nein, so klar lagen die Dinge natürlich nicht. Aber die Unternehmensleitung empfahl mir, den Kontakt nach Aarau zu suchen. Gleichzeitig schlug die UL vor, eine eigene Strategie zu entwickeln.

Also doch ein Übernahmeszenario?

Es gab auch andere Möglichkeiten. Die Ausgangslage war so: Wir in Baden waren recht gut aufgestellt, wir hatten es gerade noch geschafft, die Akzidenz-Druckerei abzustossen, um im Gegenzug das Aargauer Volksblatt übernehmen zu können, und waren ein reines Zeitungsunternehmen geworden. Es ging uns relativ gut. Gleichzeitig war auch klar, dass wir irgendwann aus Baden herauswachsen mussten . . .

Thomas Pfann

Aber das Badener Tagblatt lief doch gut?

Ja, durchaus. Und es wäre wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre so weitergegangen mit uns in Baden. Aber rund herum war alles ziemlich in Bewegung. Einfach stillsitzen, war keine gute Strategie. Ich hatte immer das Gefühl, es könnte mal eng werden. Was tun? Es gab zwei Richtungen, in die das BT wachsen konnte: Winterthur, zusammen mit dem «Landboten» – und eben Aarau.

Aber das Telefon . . .

Genau, der berühmte Telefonanruf von AT-Verwaltungsrats-Präsident Arthur Gross war zu diesem Zeitpunkt schon erfolgt, als unsere Unternehmensleitung über eine Strategie nachdachte. Ich sagte: Gut, entwickeln wir eine Strategie. Ich durfte ja nicht sagen, dass wir schon miteinander reden.

Und die UL-Strategie zielte dann auf den «Landboten» ab?

Nein, zum Glück nicht. (Lacht) Auch die Unternehmensleitung des Badener Tagblatts kam zum Schluss, dass wir schliesslich nicht um eine Fusion im Aargau herumkommen. Aber diese Verhandlungen mit Aarau verliefen immer noch im Geheimen. Wir trafen uns in Spreitenbach, im Hotel Arte. Erstaunlich, dass das Inkognito gewahrt blieb und uns niemand entdeckt hat. Es gab etwa sechs bis sieben Verhandlungsrunden.

War denn eigentlich von Anfang an klar, dass es eine 50:50-Lösung geben würde?

Wir hatten uns gegenseitig bereits geeinigt, dass wir die Unternehmen von einer Treuhandgesellschaft bewerten lassen würden. Und da kam schnell heraus, dass das BT zwar etwas kleiner, aber mehr wert war. Ein paar Jahre zuvor hatten wir uns in Baden eine übersichtliche Profitcenter-Struktur verpasst mit einer transparenten Kosten-Ertrags-Rechnung. In Aarau war die Rechnungslegung veraltet, alles floss in einen Topf, die waren auch etwas überrascht, wie gross das Loch war, das die Überinvestition in den Akzidenz-/Kundendruck gerissen hatte.

Chris Iseli

Mit anderen Worten: Aarau musste, Baden wollte fusionieren.

Kann man so sagen. Aber es war klar, dass politisch und gesellschaftlich nur eine 50:50-Lösung infrage kommen würde. Das AT war ja eine Publikumsgesellschaft, die Aktionäre würden einer unvorteilhaften Übernahme kaum zustimmen.

Also ging alles streng paritätisch zu?

Ja, mir wurde schnell klar: Wenn der Verleger aus Baden kommt, sollte der Chefredaktor aus Aarau kommen. Diesem Gedanken fiel Hans Fahrländer zum Opfer, weil Franz Straub so gesetzt war. Wir schauten immer darauf, dass die Kirche im Dorf blieb, dass es nicht nach einer Übernahme aussah. Es brauchte in den Fusionsverhandlungen ein paar bilanztechnische Massnahmen – die Beteiligungen an Radio Argovia, Tele M1 und dem Limmattaler Tagblatt auf BT-Seite wurden herausgenommen –, damit man gleichwertig fusionieren konnte. Später kaufte dann das fusionierte Unternehmen die Anteile zurück. So gab es eine ausgeglichene Rechnung, man schaute auch, dass in der Führung beide Seiten ausreichend vertreten waren.

Was war eigentlich Ihr erster Gedanke, als klar wurde, dass das BT jetzt in einer Fusion verschwinden würde?

Wir hatten ein paar Jahre zuvor in der Familie eine Erbteilung durchgeführt. Ich drängte darauf, dass ich 100 Prozent an der Zeitung bekomme, damit ich bei einer allfälligen Fusion nicht a priori in der Minderheit sein würde. Mein Bruder bekam die Immobilien und Wertschriften und noch etwas dazu.

Jungverleger Peter Wanner vor der Fusion im Büro in Baden.

Jungverleger Peter Wanner vor der Fusion im Büro in Baden.

HO

Sie weichen aus. Wir denken beim «Gedanken» an Ihren Vater, BT-Patron Otto Wanner.

Ach so (lacht). Er hatte immer noch die Nutzniessung an den Aktien und musste der Fusion deshalb zustimmen.

Und – was sagte er?

Ich wies ihn natürlich auf die Chance hin, die wir bekommen würden. Weil das AT eine Publikumsgesellschaft war, gab es die Gelegenheit, später Aktien zuzukaufen und eine Mehrheit zu bekommen. Das leuchtete ihm schon ein. Aber er hing natürlich stark an seinem Badener Tagblatt. Andererseits fand er schon auch Gefallen an dieser Fusion. Man hätte vielleicht schon damals das Badener Tagblatt als Kopfblatt weiter bestehen lassen sollen. Das wäre zwar nicht ganz das Gleiche gewesen, aber seine Begeisterung wäre ungleich grösser gewesen. Die hielt sich jetzt in Grenzen, aber ich konnte ihn überzeugen. Eine wichtige Rolle spielte auch alt Regierungsrat Kurt Lareida, der zu meinem Vater ging – ich war nicht dabei bei diesem Gespräch – und ihn schliesslich dazu brachte, das Heft aus der Hand zu geben.

Ein guter Anlass für die Generationenablösung.

Ja, für mich war die Situation komfortabel. Die AT-Leute wollten mich als CEO und durch die innerfamiliäre Regelung wurde ich auch Mehrheitsaktionär. Und ich sah die Chance, welche ein fusioniertes Unternehmen bot.

Trotzdem gab es Reibereien und Friktionen aus und in Aarau.

Ja, die gab es. Ich konnte zwar an der GV auftreten und mich vorstellen. Ich weiss nicht mehr genau, was ich sagte, ich redete frei, aber der Kern war: Das wird ein grossartiges Unternehmen, die Fusion wird ein Erfolg werden. Davon war ich felsenfest überzeugt. Es überzeugte offenbar auch die Mehrheit der Anwesenden. Ein Aktionär möchte ja vor allem wissen, ob sein Papier wertmässig steigen wird. Es kam auch gut, der Kurs stieg. Trotzdem wollten viele verkaufen und ich konnte diese Aktien übernehmen.

Verwaltungsratspräsident und Verleger Peter Wanner vor den Aktionären im stimmigen Ambiente auf Schloss Lenzburg. Alex Spichale

Verwaltungsratspräsident und Verleger Peter Wanner vor den Aktionären im stimmigen Ambiente auf Schloss Lenzburg. Alex Spichale

Alex Spichale

Es gab doch diese Versammlung misstrauischer Aktionäre?

Ja, aber die war vorher. In Aarau gab es eine Gruppe von Leuten, die das Gefühl hatten, das AT käme da zu schlecht weg, und sie wollten die Fusion verhindern.

Woher wussten denn die, was geplant war?

Wir hatten die Fusion im März 1996 angekündigt, nachdem die Verwaltungsräte beider Unternehmen die Fusion beschlossen hatten – mit Vorbehalt der Zustimmung der AT-Aktionäre.

Wie waren denn Ihre Gefühle nach diesen Störmanövern?

Ich bekam Sukkurs von Werner Meyer von den Lagerhäusern Aarau, den ich persönlich nicht kannte. Er hatte sich die Bilanz des AT angeschaut und befand: Die Fusion ist richtig. Diese Unterstützung war Gold wert. Werner Meyer, der Vater des heutigen Lagerhäuser-CEO Stephan Meyer, war ein angesehener Unternehmer aus Aarau und trat auch öffentlich – zum Beispiel als langjähriger Sponsor des FC Aarau – in Erscheinung. Wenn eine solche Person für die Fusion ist, hatten die Opponenten einen schweren Stand.

Und die GV verlief stürmisch?

Nein, man hatte es im Vorfeld fertiggebracht, die Stimmung wieder zu beruhigen. Sie verlief einigermassen ruhig.

Die Ankündigung im März 1996 schlug ja wie eine Bombe ein. Wider Erwarten gab es kein Leak bis zum Termin, die Öffentlichkeit ahnte nichts. War wirklich niemand eingeweiht, von der Politik, der Regierung?

Zwei Tage vorher ging ich zum damaligen Regierungsrat Thomas Pfisterer und habe über ihn die aargauische Regierung in Kenntnis gesetzt.

Die Preisträgerin und die Jury mit dem Stifter. Der Aargauer Filmemacherin Sabine Boss (Bildmitte) ist gestern Abend im Kino Trafo in Baden von AZ-Verleger Peter Wanner (unten links) der Kulturpreis der AZ Medien verliehen worden. Die Jury um Kulturredaktorin Sabine Altorfer (oben links) lobte Boss als eine der «fleissigsten und besten Film-Regisseurinnen der Schweiz». Die Laudatio hielt ein bestens aufgelegter Mike Müller (oben Mitte), Gratulationen gab es auch von Landammann Dr. Urs Hofmann (unten rechts).

Die Preisträgerin und die Jury mit dem Stifter. Der Aargauer Filmemacherin Sabine Boss (Bildmitte) ist gestern Abend im Kino Trafo in Baden von AZ-Verleger Peter Wanner (unten links) der Kulturpreis der AZ Medien verliehen worden. Die Jury um Kulturredaktorin Sabine Altorfer (oben links) lobte Boss als eine der «fleissigsten und besten Film-Regisseurinnen der Schweiz». Die Laudatio hielt ein bestens aufgelegter Mike Müller (oben Mitte), Gratulationen gab es auch von Landammann Dr. Urs Hofmann (unten rechts).

Sandra Ardizzone

Aber in der Entscheidfindung spielte die Politik keine Rolle? Für den Kanton war das ja schon ein mittleres Erdbeben.

Nein. Da war niemand involviert. Wobei man sagen muss, dass sich die Profile der beiden Zeitungen doch recht ähnlich geworden waren. Es fusionierte nicht ein konservatives mit einem liberalen Blatt – wie in Basel, als die «National-Zeitung» mit den «Basler Nachrichten» fusionierte. Das ging nicht ganz ohne Getöse und ist eigentlich bis heute nicht verdaut. Die beiden Aargauer Zeitungen waren sich politisch doch recht nahe.

Und die Gebiete überlappten sich nur an wenigen Orten.

Es gab die umkämpften Gebiete im Freiamt, im Fricktal, in Brugg, aber sonst passte es geografisch recht gut zusammen.

Warum waren Sie so überzeugt, dass aus der Fusion ein erfolgreiches Unternehmen werden würde?

Weil es unter anderem auch technisch passte. Das BT hatte einen unterschriftsreifen Vertrag mit der Wifag für eine neue Druckmaschine. Die hätte gerade noch in den BT-Keller hineingepasst – vielleicht würde sie heute noch laufen –, aber die Druck- und Versandkapazität in Aarau kam natürlich gelegen. Das ersparte uns eine grössere Investition.

«Wir sind mit Medienerzeugnissen aufgewachsen»: Michael, Anna und Florian Wanner – die fünfte Generation.

«Wir sind mit Medienerzeugnissen aufgewachsen»: Michael, Anna und Florian Wanner – die fünfte Generation.

ALEX SPICHALE

Wie sah die Situation in der Vermarktung aus?

Da passte es weniger. Ich war ein überzeugter Anhänger der Eigenregie, das BT hatte sich ja von der Publicitas gelöst mit guten Erfahrungen. Das AT war an die ofa verpachtet. Aber der Zufall wollte es, dass per Ende Juni eine Kündigung möglich war, andernfalls der Vertrag mehrere Jahre weiterlaufen würde. Für mich war klar, dieser Vertrag wird gekündigt.

Das führte zu einigen Turbulenzen.

Genau. Dieser ofa-Vertrag betraf nicht nur das AT, sondern es gab die Neue Mittelland-Zeitung, das Zofinger und das Oltner Tagblatt hatten mit dem AT eine Kooperation bei den Inseraten. Ich muss zugeben, da habe ich in der Hitze des Gefechtes einen Fehler begangen. Ich hatte den Verlegern zwar mündlich mehrmals zugesichert, wir künden den Vertrag, aber für euch bleibt alles beim Alten. Denn wir machen sofort einen neuen Vertrag mit Eigenregie, wo für euch sogar mehr herausschauen wird. Doch dieses mündliche Versprechen war für die Partner nichts wert. Schliesslich landeten wir fast vor Gericht. Man hätte das schriftlich absichern müssen, mit den Verwaltungsräten juristisch wasserdicht machen. Jürg Schärer hat damals grosse Arbeit geleistet, um das Vertrauen wieder herzustellen, aber es brauchte doch zwei, drei Jahre, bis alles wieder im Lot war.

Das gelang aber erst, als auch Solothurn ins Boot kam.

Richtig, das war 2001. In der Zwischenzeit hatten Olten und Zofingen mit Solothurn ein Inserate-Kombi lanciert, das aber nicht richtig funktioniert hat. Schliesslich liessen sie sich überzeugen, dass ein Zusammengehen mit der Aargauer Zeitung für alle besser wäre.

Keine weiteren Fehler?

Doch, aber über Fehler redet man nicht gerne.

Was war denn die grösste Herausforderung?

Den Kundendruck zurückzubauen. Der war ausgelegt für 60 Millionen Umsatz, man hatte mit Drittaufträgen in unrealistischer Höhe gerechnet. Wir wussten, dass wir auf die Hälfte des Umsatzes zurückfahren mussten. Sehr viele Mitarbeiter waren leider davon betroffen. Wir haben den Abbau schrittweise gemacht und versucht, die Härten einigermassen erträglich zu gestalten. Über Jahre haben wir versucht, die Druckerei in die schwarzen Zahlen zu bringen.

AZ-Verleger Peter Wanner und Tamedia VR-Präsident Pietro Supino finden nach der Abstimmung zum Radio- und Fernsehgesetz am Sonntag deutliche Worte gegen die SRG

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KEYSTONE/LUKAS LEHMANN

Schliesslich erfolgreich?

Nein, ehrlich gesagt, nicht ganz. Es hing auch an einer Rollen-Offset-Maschine, die nie richtig funktionierte. Sie hatte einen Zylinder-Defekt, den man aber erst ein paar Jahre später entdeckte. Die Maschine stand einfach herum und riss so die ganze Druckerei in die Verlustzone.

Dann ging das Geschäft nach Derendingen.

Ja, eigentlich war die Sanierung erst erfolgreich, als wir mit Vogt-Schild fusioniert hatten. Jetzt funktionierts, eine Perle von Druckerei mit rund 30 Millionen Umsatz.

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Zurück zur AZ-Fusion: Gestartet wurde mit einer Auflage von 120'000. Das war optimistisch, denn beide Zeitungen hatten kaum mehr als 60'000 Abonnenten.

Beide hatten sogar noch Luft drin. Wir mussten dann etwas zurückschrauben. Die effektive Auflage hat sich dann etwa bei 110'000 eingependelt (inklusive Limmattaler Tagblatt).

Und publizistisch? Wie reagierten die Leute? Mit Monopol-Ängsten?

Natürlich hatten nicht alle Freude. Wenn man zwei Zeitungen fusioniert, gibt es Verlierer. Das ist eine Verarmung der Pressevielfalt. Übrigens träume ich heute noch von den Zeiten, als jede politische Bewegung ihr eigenes Blatt hatte.

Man behalf sich mit der Wortschöpfung «Vielfalt in der Zeitung».

Das war mehr als ein Lippenbekenntnis. Wir hatten klar kommuniziert: Wir machen eine Forumszeitung mit liberalem Profil, die allen politischen Lagern offen steht. Das haben wir durchgezogen. Eine Zeitung soll eine Haltung haben, klar kommentieren, aber sonst offen sein und die politische Diskussion fördern.

In Baden musste man immerhin den Verlust des Badener Tagblatts verdauen.

Das war nicht leicht, das ist richtig. Aber es war auch an der Zeit, etwas Aufbruchstimmung zu verbreiten. Die beiden Blätter gefielen in konservativen Kreisen besser als in liberalen. Wir haben klar gesagt: Jetzt machen wir etwas Neues, eine weltoffene Aargauer Zeitung. Ich muss sagen, ich habe in der Endphase des BT auch ein bisschen gelitten, das war nicht mehr ganz meine politische Haltung.

Der BT-Geist wurde fraktioniert.

Kann man so sagen. Viele trauerten dem BT nach, viele aber auch nicht. In Aarau war auf jeden Fall der Abschiedsschmerz weniger gross. Jetzt heisst unsere Zeitung zwar Aargauer Zeitung, geredet haben die Leute aber immer noch vom Tagblatt.

Immerhin mussten die Aarauer einen Badener Verleger begrüssen?

Ich hatte ein bisschen Sorgen, wie man in Aarau darauf reagieren würde. Mein Glück war aber, dass ich zum letzten Jahrgang gehörte, der von Baden in die Kanti Aarau ging. Ich kannte so schon ziemlich viele Leute. Unter anderem Jahrgänger Jürg Schärer, der bereits im AT-Verwaltungsrat war.

Aber das reichte noch nicht.

Nein, das war mir auch klar. Ich bekam dann die Gelegenheit, mich den Aarauern grosszügig zu zeigen, als der FC Aarau auf der Kippe stand. Ich konnte dem damaligen FCA-Präsidenten Michael Hunziker bei seinen Rettungsbemühungen helfen. Allerdings musste ich da ziemlich tief in den Sack greifen.

Der Retter des FC Aarau wurde dann auch noch zum Aarauer Beizer.

Da haben mir viele abgeraten. Aber man musste den Aarauern signalisieren, dass das nicht eine Fusion ist, wo schliesslich alles in Baden landet. Gut, eine Beiz namens «Einstein» im AZ-Medienhaus war einfach so eine Idee von mir, die ich nicht bereue. Man muss auch sehen, dass viele Arbeitsplätze in Aarau blieben oder dorthin verlagert wurden. Am Schluss hat Aarau bestimmt mehr profitiert als Baden.

Die Liegenschaft an der Aarauer Bahnhofstrasse lag und liegt den Aarauern natürlich am Herzen.

Ja, das war für die Aarauer das Aargauer Tagblatt, nicht das Produktionsgebäude in der Telli. Aber das Gebäude musste renoviert werden, und da erwies sich ein Neubau schliesslich als besser. Der Verwaltungsrat war dann aber zum Schluss gekommen, dass wir dieses Gebäude für das Unternehmen gar nicht brauchen: Nicht betriebsnotwendig, also verkaufen.

Aber der Architekturwettbewerb war ja schon durchgeführt worden?

Wir hatten sogar einen praktisch unterschriftsreifen Vertrag mit der Aargauischen Pensionskasse. Aber dann gab es einen merkwürdigen Zufall.

Zufall? Bei einem Liegenschaftsdeal?

Das Leben besteht aus Zufällen. (Lacht) Spass beiseite. Ich hatte oft Kontakt mit dem Berner Verleger Charles von Graffenried. Und der sagte mir bei einem Austausch: Ein solches Gebäude an bester Lage darfst du nie verkaufen. Ich sagte: Ja, aber es ist nicht betriebsnotwendig . . . – Nei, ned verchoufe . . .

Und da übernahmen Sie die Liegenschaft selbst.

Nein, ich ging zuerst nach Hause und fragte die Familie. Die Familie sagte auch unisono: Nein, nicht verkaufen. Da kratzte ich alles zusammen und noch ein bisschen dazu und ging zu unserem Finanzchef: Ich habe noch einen anderen Käufer als die Aargauische Pensionskasse. Zu gleichen Konditionen – leider hatte Finanzchef Roland Tschudi mit der Aargauische Pensionskasse sehr gut verhandelt. Aber anders war das nicht zu machen. So kam ich zum AZ-Medienhaus. Es hing lange an einem Faden. Aber die Familie und von Graffenried haben mich überzeugt.

Und nie bereut.

Nein, nie.

Wir sind praktisch schon bei der AZ-Medien-Expansion. Zuerst nochmals die Fusion. Was war eigentlich der grösste Knackpunkt? So reibungslos verlief die Sache ja nicht.

So viele Holperer gab es gar nicht. Wir taten einen Glücksgriff mit Konrad Fischer, einem Zürcher Anwalt, der aber aus Aarau stammte, der den ganzen Prozess moderiert hatte. Ich kannte ihn von der Kanti her, er wurde dann von beiden Seiten gut akzeptiert. Er leitete das sehr gut und wirklich objektiv.

24 Stunden im Newsroom der AZ:

6.00 Uhr: Hellwach! Der Online-Frühdienstler ist der Allererste im Newsroom. Er aktualisiert die Websites der az mit den besten Storys des Morgens und den News der Nacht.
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7.00 Uhr: Neuer Tag, neue Geschichten: Während die aktuelle Zeitung bereits im Briefkasten der Abonnenten ist, nimmt der az-Newsroom in der Telli Aarau Fahrt auf.
8.30 Uhr: Was bewegt den Aargau heute? Die Regionenbüros schalten sich zur Telefonkonferenz zusammen. Baden (im Bild), Aarau, Freiamt, Brugg und Frick besprechen die Themen des Tages.
10.00 Uhr: Die Videoredaktorin instruiert Mitarbeiterinnen in Ausbildung. Ohne Einsatz von Bewegtbild geht heute fast nichts mehr auf Reportage.
12.00 Uhr: Der Infografiker visualisiert seine Ideen im Skizzenbuch, bevor er die Grafiken am Bildschirm umsetzt.
14.00 Uhr: Der az-Fotograf im Einsatz. Noch vor Ort schickt er erste Bilder in den Newsroom, bevors zum nächsten Auftrag geht.
15.00 Uhr: Der Text ist fast fertig. Der Reporter sucht nur noch nach dem passenden Titel für seine Recherche, bevor die erste Version online geht.
16.30 Uhr: Die sogenannten Mantel-Ressorts (überregionale Themen) treffen sich zur zweiten Tagessitzung. Hier entscheidet sich, was wie auf die Frontseite kommt.
17.30 Uhr: Kurz vor der Sendung: In der Maske wird die TV-Moderatorin auf die Newssendung von Tele M1 vorbereitet. Auch die TV-Studios sind im Newsroom integriert.
19.00 Uhr: Der letzte Schliff. Die Tageschefs begutachten auf der Videowand die schon fast fertigen Zeitungsseiten, bevor das Produkt in die Schlussproduktion geht.
23.00 Uhr: Der Abschlussproduzent kontrolliert nochmals alles, bevor er die letzte Seite freigibt. Jetzt ist die Druckerei am Zug.

6.00 Uhr: Hellwach! Der Online-Frühdienstler ist der Allererste im Newsroom. Er aktualisiert die Websites der az mit den besten Storys des Morgens und den News der Nacht.

AZ

Schlaflose Nächte gab es nicht?

Bis zur GV des Aargauer Tagblatts war halt nichts sicher. Wir hatten auch nicht mehr viel Zeit. Eigentlich waren wir nicht gut vorbereitet.

Immerhin gab es einen Projektleiter.

Ja, der VR wollten einen und wir fanden einen. Jürg Weber, heute Verlagschef bei der «Luzerner Zeitung». Er hatte eine schöne Software, die wunderbare Slides produzierte, auf denen zu sehen war, wer gerade was machte. Er hatte den Überblick, die anderen arbeiteten. Obwohl er seine Sache gut machte, fiel auf, dass er immer brauner wurde und unsere Leute immer bleicher.

Keine kritischen Baustellen?

Doch, die IT. Das haben wir etwas unterschätzt. Das AT hatte ein ablösungsreifes System, wir hatten zwar ein relativ neues, aber das war technisch nicht mehr der allerneuste Stand. Damals stellte die Zeitungsproduktion gerade von den grossen Mainframe-Systemen auf PC-basierte um. Das machte etwas Probleme, alle Aussenstellen anzuschliessen. Die Zentral-Redaktion kam aus technischen Gründen nach Baden. Solche Grossrechner zu zügeln und neu aufzustellen, war extrem riskant. Eine Herausforderung, einige Mitarbeiter krampften buchstäblich Tag und Nacht. Aber der IT-Chef sagte: Da müssen wir durch. Neue Leute einzustellen, lohnt sich nicht. Bis die eingearbeitet sind, müssen wir eh fertig sein. Ich merkte, das wird eng.

Es wurde auch eng. Eine der ersten Ausgaben erschien mehrheitlich in Gelb, weil es nicht mehr gelang, die Rot- und Blau-Platten zeitgemäss zu belichten.

Genau. Das war haarscharf. Das war die heikelste Geschichte. Die machte mir auch am meisten Bauchweh.

Wie kam die Aufmachung an?

Wir taten einen kühnen Wurf mit dem Layout. Kurt Schwerzmann verpasste uns einen typografisch attraktiven Auftritt, der vielleicht den einen oder andern Leser etwas forderte. Aber wir kamen nicht schlecht an. Man merkte, das wird neu, das wird offener. Auch die Redaktion und Produktion waren motiviert, etwas Neues auf die Beine zu stellen.

Das dann schnell mit dem Laufen begann.

Ja, lange Zeit zum Zurücklehnen hatten wir nicht. 2001/2002 brachten wir die Mittelland-Zeitung auf den Markt, zusammen mit dem Oltner und Zofinger Tagblatt und der Solothurner Zeitung. Später gab es einen heftigen Kampf mit von Graffenrieds «Berner Zeitung» um Vogt-Schild. Finanziell konnten wir da nicht mithalten, das wusste ich. So schluckte ich die Kröte mit dem Pachtvertrag mit der Publicitas, weil ich erkannte, dass das die Berner auf keinen Fall wollen.

Die Kröte brachte immerhin 35 Prozent an Vogt-Schild.

Eigentlich hätte später die Vogt-Schild-Stiftung ihre 65 Prozent auch einem andern verkaufen können. Aber ich kam dadurch in den Verwaltungsrat und konnte Kontaktpflege betreiben. Schliesslich wollten die Solothurner lieber mit uns als mit den Bernern.

Und die P wurden Sie auch wieder los.

Das war bitter. Am Schluss mussten wir mit einer Schadenersatzklage drohen. So kamen wir immerhin nach vier Jahren wieder raus. Der Vertrag wäre eigentlich sieben Jahre gültig gewesen. Unter dem Strich hat uns das eine Menge Geld gekostet. Immerhin konnten wir dann ziemlich viel über den neu lancierten «Sonntag» abwickeln und Inserate an der P vorbei verkaufen.

Die Wanners
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Florian, Anna und Michael Wanner
Florian, Anna und Michael Wanner
Florian, Anna und Michael Wanner
Florian, Anna und Michael Wanner
Florian, Anna und Michael Wanner
«Was muss besser werden?» – Fragen von Journalistin Anna an Radio-24-Geschäftsführer Florian und Michael Wanner, Geschäftsführer von Watson.

Die Wanners

ALEX SPICHALE

Solothurn gegen die Berner, das Baselbiet gegen die Basler.

Auch da lief es zweistufig. Ich fällte einen Bauchentscheid und sagte zum Baselbieter Verleger Mathis Lüdin: So viel ist das Blatt wert, so viel zahlen wir. Die Konkurrenz aus Basel hingegen stieg zuerst tief ein und besserte dann immer nach. Schliesslich verlor der Basler Verleger offenbar die Nerven und sein Umfeld bedeutete: Mit dem Geld können wir dein Unternehmen auch kaputtmachen. Da wusste ich, wenn wir jetzt keine Fehler machen, bekommen wirs. Und so geschah es dann auch.

So einfach lief das? Musste er denn verkaufen?

Er wollte aufhören. Sein Bruder war nur an der Druckerei interessiert. Wir wollten nur die Zeitung und das Verlagsgeschäft.

Und dann in Basel?

Da haben wir eine Chance verpasst. Wir waren nicht rechtzeitig bereit, als die BaZ verkauft wurde.

Um auch noch die BaZ einzuverleiben?

Nein, eher nicht. Aber eine Splitausgabe machen, denn es war zu erwarten, dass eine Menge Abonnenten abspringen würden, wenn bekannt wird, dass die BaZ Blocher gehört. Es war dann die «Tageswoche», die von der Abbestellungswelle profitierte.

Vielleicht noch zum Schluss: Mit der AZ-Fusion wurde auch eine Weiche gestellt. Vom Zeitungs- zum Multimediahaus.

Wir waren schon vorher multimedial, Radio Argovia und Tele M1 gab es ja schon. Aber es ist schon richtig, da ist etwas in Gang gekommen. Der Konzessions-Streit mit Roger Schawinski um Radio Argovia beschäftigte mich lange. Dann verkaufte die Tamedia ihre Radio- und TV-Beteiligungen. Und ich sah die Chance: Da könnte man etwas machen mit einer Fernseh-Familie. Wir verdienen zwar noch nicht viel, aber es läuft. Wir glauben an das private Fernsehen. Im Werbemarkt geht Print zurück, Radio und TV sind stabil und online gewinnt – wenn auch nicht so viel, um die Print-Verluste zu kompensieren. Ich glaube, die Diversifikation war richtig.

Maja und Peter Wanner.

Maja und Peter Wanner.

zvg/Neue Aargauer Bank

Und die Online-Marktplätze? Immobilien, Wohnungen, Jobs, Autos?

Da kann man uns einen Vorwurf machen, dass wir da nicht dabei sind. Aber die Kriegskasse, um da mitzuspielen, hatten wir nicht. Ich weiss, dass wir etwas verpasst haben, aber ich hätte nicht gewusst, wo wir das Geld hätten hernehmen sollen.

Aber für watson hatten Sie Geld?

Ich bin ein Verleger, der an die Publizistik glaubt. Ich glaube immer noch daran, dass man mit Inhalten Geld verdienen kann. Bei watson legen wir noch drauf, wir geben uns noch zwei, drei Jahre. Immerhin erreichten wir von Null auf 1,2 Millionen Unique Clients binnen zweier Jahre. Jetzt müssen wir schauen, dass wir diesen Wert verdoppeln können. Aber vielleicht läuft sowieso alles anders. Eines Tages wird es nicht mehr anders gehen, als von dieser Gratiskultur wegzukommen.

Eine intelligente Paywall?

Vielleicht. Aber es muss auch eine Lösung geben, dass nicht mehr nur Facebook und Google Geld verdienen am Verbreiten von Inhalten, die andere produziert haben. Da muss es Lösungen geben. Dass der Staat eingreift, wäre allerdings die Ultima Ratio. Guter Journalismus muss weiterhin finanziert werden können – wie auch immer. Das ist für unsere Demokratie essenziell.

Machen wir nochmals einen Versuch zum Abschluss: Die Medien-Schweiz staunt, dass ausserhalb der grossen Agglomerationen eine Erfolgsgeschichte abläuft. Ihr Kommentar zur Erfolgsgeschichte der AZ Medien?

Das Geheimnis ist wahrscheinlich keines. Es braucht bloss ein bisschen Risikofreude und Kreativität. Kommt hinzu, dass wir die Gewinne immer ins Unternehmen investiert haben und so wachsen konnten. Aber man muss schon sehen: Die digitale Transformation ist eine happige Geschichte. Die alten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr. Es braucht neue Ideen. Das ist eine rechte Herausforderung. Diese Kurve müssen wir kriegen. Aber wir sind breit aufgestellt und können gut reagieren.

Das klingt nicht nach Aufhören.

Nein, sicher nicht. Viele möchten das Unternehmen übernehmen. Aber wir behalten die Mehrheit in der Familie. Und die Jungen wollen auch weitermachen. Das freut mich ganz besonders.