Umweltpolitik
E-Mobilität, Gratis-ÖV und die Chancen der Technologie: Wo sich Baudirektor Attiger mit den Klimastreikenden uneinig ist

Zwei Drittel der Folgen des Klimawandels seien mit Klimaschutzmassnahmen vermeidbar, sagt Klimaforscher Andreas Fischer. Wie diese Massnahmen aber aussehen sollen, darüber waren sich die Teilnehmenden am Klimapodium aber uneins.

Ann-Kathrin Amstutz
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V.l.: Hanspeter Hilfiker, Stephan Attiger, Moderatorin Sonja Hasler, Mechthild Mus, Thomas Ruckli, Tonja Zürcher und Andreas Fischer diskutieren über Klimaschutz.

V.l.: Hanspeter Hilfiker, Stephan Attiger, Moderatorin Sonja Hasler, Mechthild Mus, Thomas Ruckli, Tonja Zürcher und Andreas Fischer diskutieren über Klimaschutz.

Chris Iseli

Die schweren Unwetter haben diesen Sommer auch im Kanton Aargau gezeigt: Der Klimawandel und seine Folgen sind definitiv bei uns angekommen. Diese Tatsache ist bei allen Teilnehmenden des Podiums «Klimaschutz im Aargau: Gemeinsam handeln?!» in der Aula der Berufsschule Aarau unbestritten.

«Die Schweiz ist überdurchschnittlich vom Klimawandel betroffen»

Zum Einstieg erklärt Klimaforscher Andreas Fischer von MeteoSchweiz, wie es hierzulande ums Klima steht: «Die Schweiz ist überdurchschnittlich vom Klimawandel betroffen», erklärt er. Seit Messbeginn seien die Temperaturen um zwei Grad Celsius angestiegen – doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. «Ohne weltweite Klimaschutzmassnahmen setzt sich der Temperaturanstieg weiter fort», prognostiziert Fischer: plus 2,5 Grad bis Mitte Jahrhundert und plus 4,5 Grad bis Ende Jahrhundert.

Der Klimaforscher zählt die Folgen des Temperaturanstiegs auf: trockenere Sommer, heftigere Niederschläge – wie wir sie diesen Sommer erlebt haben –, mehr Hitzetage und schneeärmere Winter.

Klimaforscher Andreas Fischer von MeteoSchweiz: «Jede Tonne emittiertes CO2 zählt, und die Zeit drängt.»

Klimaforscher Andreas Fischer von MeteoSchweiz: «Jede Tonne emittiertes CO2 zählt, und die Zeit drängt.»

Chris Iseli

«Um den Temperaturanstieg zu stoppen, braucht es Netto Null – wir dürfen nicht mehr Treibhausgase ausstossen, als die Natur wieder aufnehmen kann», stellt Fischer klar. «Jede Tonne emittiertes CO2 zählt. Und die Zeit läuft.»

Dennoch malt der Klimaforscher nicht nur schwarz. Zum Schluss seines Inputs macht er Mut:

«Wenn wir konsequente Schutzmassnahmen ergreifen, sind zwei Drittel der Erwärmung und der schlimmen Folgen vermeidbar.»

Damit liefert Fischer einen perfekten Einstieg für die von SRF-Moderatorin Sonja Hasler geleitete Diskussion. Der Aargau habe 2017 die Energiestrategie 2050 abgelehnt, letztes Jahr das kantonale Energiegesetz versenkt und das neue CO2-Gesetz überdeutlich bachab geschickt. Hasler fragt in die Runde: «Warum hat es der Klimaschutz im Aargau an der Urne so schwer?»

 Landammann Stefan Attiger und Moderatorin Sonja Hasler.

Landammann Stefan Attiger und Moderatorin Sonja Hasler.

Chris Iseli

FDP-Regierungsrat Stephan Attiger antwortet: «Grundsätzlich ist ein grosses Verständnis für die Problematik da, das spürt man generell. Viele Leute sind aber kritisch, wenn sie dann selbst von Massnahmen betroffen sind.»

Tonja Zürcher findet, es brauche mehr Ehrlichkeit in der Klimadebatte.

Tonja Zürcher findet, es brauche mehr Ehrlichkeit in der Klimadebatte.

Chris Iseli

Was braucht es denn, um die Leute vom Handlungsbedarf zu überzeugen? «Mehr Ehrlichkeit», ist Tonja Zürcher von der NGO «umverkehR» überzeugt: «Wir müssen so ehrlich sein und sagen, dass wir nicht mehr viel Zeit haben. Es muss jetzt wirklich vorwärtsgehen.»

Bessere Kommunikation und Koordination der Massnahmen

Mechthild Mus vom Aargauer Klimastreik fordert eine verständlichere Sprache in der Klimadebatte.

Mechthild Mus vom Aargauer Klimastreik fordert eine verständlichere Sprache in der Klimadebatte.

Chris Iseli

Das unterstützt Mechthild Mus vom Klimastreik Aargau: «Es braucht eine bessere Kommunikation, dass die Leute die Dringlichkeit der Krise und die Not besser verstehen.» Die Sprache der Politik müsse verständlicher werden, um die Leute zu erreichen.

Einen weiteren Aspekt bringt der Aarauer FDP-Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker ins Spiel: «Die Klimaschutzmassnahmen müssen vor allem gut koordiniert sein», erklärt er. Bei den Gebäuden und der Mobilität gebe es viel Handlungsbedarf. «Wir müssen einen Schub geben, bei dem wir alle ins Boot holen und mitnehmen.»

Dabei sei jedoch wichtig, schaltet sich Thomas Ruckli vom Klimastreik ein, dass der Klimaschutz bei neuen Projekten immer schon mitgedacht werde: «Man kann nicht Klimaschutzmassnahmen ergreifen und zugleich neue Strassen bauen.» Tonja Zürcher schlägt in die gleiche Kerbe: «Die erste Massnahme muss sein, nichts Klimaschädliches mehr zu machen.» Es gebe immer wieder Projekte, die in die falsche Richtung gingen: Umfahrungsstrassen, Flughafenausbauprojekte, Strassenbauprojekte.

Hanspeter Hilfiker.

Hanspeter Hilfiker.

Chris Iseli / AGR

Auch FDP-Stadtpräsident Hilfiker bekennt: «Wir haben in Aarau gesagt, wir müssen den Verkehr auch im Jahre 2030 oder 2040 mit dem bestehenden Strassennetz bewältigen können.» Die wichtige Frage sei, wie es mit der Elektromobilität weitergehe:

«Wenn alle, die heute ein Diesel- oder Benzinauto haben, nachher ein Elektroauto fahren, lösen wir vielleicht das CO2-Problem – nicht aber das Platzproblem auf den Strassen.»

Da ist Mechthild Mus vom Klimastreik gleicher Meinung: «Ich sehe die Lösung des Klimaproblems nicht im Ersetzen von Benzinern durch E-Autos.» Davon müsse man wegkommen und Alternativen aufbauen, dass die Leute auf einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr umsteigen könnten.

Die einen finden die Mobilität zu teuer, die anderen zu billig

Thomas Ruckli vom Klimastreik befürwortet einen kostenlosen oder zumindest billigeren Zugang zum ÖV.

Thomas Ruckli vom Klimastreik befürwortet einen kostenlosen oder zumindest billigeren Zugang zum ÖV.

Chris Iseli

Ob der Klimastreik nicht Gratis-ÖV unterstützen würde, fragt Sonja Hasler. Thomas Ruckli antwortet, Klimaschutz sei immer auch ein soziales Problem – es dürfe nicht sein, dass die Mobilität durch Klimaschutzmassnahmen ausgerechnet für die Ärmeren teurer werde. «Hier wäre Gratis-ÖV oder zumindest ein billigerer Zugang sinnvoll, um das Auto zu ersetzen», argumentiert er.

Stephan Attiger ist dagegen, dass der öffentliche Verkehr gratis wird. Dieser sei heute schon zur Hälfte subventioniert: «Generell finde ich, dass Mobilität zu günstig ist.»

Da ist Tonja Zürcher anderer Ansicht: «Ich staune immer wieder, wie teuer der Nahverkehr im Aargau ist.» Beim Strassenverkehr müsse man auch die negativen Kosten einberechnen, die etwa durch Lärmbelastung verursacht würden. Dann seien die Kosten insgesamt viel höher als beim ÖV.

Grosse Fortschritte in der Technologie – doch reicht das?

Sonja Hasler wendet sich direkt an Klimaforscher Andreas Fischer mit der Frage, ob das denn reiche, um das Klima zu retten. «Ich bin nicht nur pessimistisch», antwortet er. «Es hat schon ein Umdenken stattgefunden.» Auch bei der Technologieförderung gebe es grosse Fortschritte.

Attiger ist derselben Meinung: «Wenn wir auf die politischen Prozesse warten, schaffen wir es nicht. Es braucht Innovationen aus der Wirtschaft – ich bin überzeugt, dass dieser Fortschritt kommen wird», sagt er. Mus vom Klimastreik erwidert:

«Ich finde es sehr risikofreudig, unsere Zukunft auf die Technologieentwicklung zu setzen. Ich zweifle daran, dass wir in der kurzen Zeit, die wir haben, enorme Sprünge machen werden.»

Auch Zürcher meint: «Wir müssen nicht warten, bis sich die Wasserstofftechnologie durchsetzt.» Wichtiger sei es, die ökologische Mobilität zu fördern, die keine Technologie benötige – etwa die Velomobilität.

In der Schlussrunde fragt Sonja Hasler noch einmal, was es denn brauche, damit alle am gleichen Strick ziehen. Verständnis für andere Perspektiven und gute Zusammenarbeit, heisst es von Attiger und Hilfiker. Vom Klimastreik kommt ein anderer Wunsch: Nämlich die Erkenntnis, dass die Ökologie die Basis von allem ist und als solche oberste Priorität geniesse.

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