Leutwil
Umstrittener Aargauer Kommissär will Steuerberater werden

Er soll viele Steuerpflichtige schikanieren und willkürlich behandeln: Der Aargauer Steuerkommissär K. R. Die Leutwiler Gemeindeversammlung verlangte erfolglos die Absetzung des kantonalen Mitarbeiters. Jetzt will dieser Steuerberater werden.

Fabian Hägler
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Viele Leutwiler Steuerpflichtige fühlten sich im Umgang mit den Steuerbehörden schikaniert und willkürlich behandelt.

Viele Leutwiler Steuerpflichtige fühlten sich im Umgang mit den Steuerbehörden schikaniert und willkürlich behandelt.

AZ

K. R. (Name der Redaktion bekannt) steht als Steuerkommissär in Leutwil seit Monaten in der Kritik. Laut wurden die Vorwürfe an der Gemeindeversammlung im Juni 2013.

Dieter Neuenschwander, Einwohner in Leutwil, sagte damals, viele Leutwiler Steuerpflichtige fühlten sich im Umgang mit den Steuerbehörden schikaniert und willkürlich behandelt.

Neuenschwander kritisierte laut Versammlungsprotokoll, es gebe immer wieder Einsprachen und Rekurse, zudem würden Verfahren jahrelang verschleppt.

«Recherchen haben gezeigt, dass die Ursache insbesondere beim kantonalen Steuerkommissär liegt, der sich gerne im Hinterzimmer versteckt und von dort seine Macht auszuüben versucht und konstruktive Lösungen verunmöglicht», sagte Neuenschwander.

Und er stellte den Antrag, das kantonale Steueramt müsse «aufgrund einer Vielzahl von unzufriedenen Steuerpflichtigen diesen Steuerkommissär von Leutwil abziehen».

Dass Neuenschwander mit seiner Kritik nicht alleine stand, zeigte sich am Applaus, den er für sein Votum erhielt.

Gemeinde wird in Aarau vorstellig

«Wir haben den Antrag aufgenommen und das kantonale Steueramt in einem Brief darüber informiert», sagt Susanne Rölli, Gemeindeschreiberin in Leutwil.

Zudem habe ein Gespräch mit R., dem stellvertretenden Leiter des kantonalen Steueramtes und zwei Gemeinderäten aus Leutwil stattgefunden.

«Dem Gemeinderat liegt ein Protokoll davon vor, zu den Inhalten und Ergebnissen des Gesprächs möchte ich mich aber nicht äussern», hält Rölli fest.

Dave Siegrist, Leiter des kantonalen Steueramts und verantwortlich für die 28 Aargauer Steuerkreise, bestätigt das Gespräch: «Dabei hat sich herausgestellt, dass die Vorwürfe gegen Herrn R. nicht zutreffen.»

Siegrist betont, der Steuerkommissär habe gute Arbeit geleistet, liege mit der Verarbeitung der Veranlagungen im Soll, und es gebe auch nicht aussergewöhnlich viele gutgeheissene Rekurse.

Dennoch ist R. heute nicht mehr Steuerkommissär von Leutwil – aber nicht, weil ihn der Kanton abgezogen hätte. «Seit dem 1. Januar wird das Steueramt Leutwil in Dürrenäsch geführt, dort ist ein anderer Steuerkommissär zuständig», erklärt Rölli.

Kommissär war kein Faktor

Der Entscheid der Gemeinde Leutwil, das Steueramt in Dürrenäsch führen zu lassen, habe aber nichts mit Dieter Neuenschwanders Kritik an Steuerkommissär R. zu tun.

«Weil sich die langjährige Leiterin unseres eigenen Steueramts frühpensionieren liess, mussten wir eine Zusammenarbeit eingehen», erläutert Rölli.

Die Absichtserklärung mit Dürrenäsch sei schon vor vier Jahren unterzeichnet worden, Leutwil habe aber auch Offerten von Boniswil und Seengen eingeholt.

«Dort wäre auch Herr R. als Steuerkommissär tätig gewesen, für uns war aber ausschlaggebend, dass unser Steueramt durch die Partnerschaft mit Dürrenäsch im gleichen Bezirk blieb», sagt Rölli.

Steuerpflichtiger siegt vor Gericht

Einen persönlichen Erfolg hat Dieter Neuenschwander dennoch errungen. Weil ihm die Steuerkommission der Gemeinde, die bei der Veranlagung mit R. zusammenarbeitet, die Abzüge für Fahrkosten und auswärtige Verpflegung im Jahr 2010 massiv kürzte, wehrte sich Neuenschwander juristisch.

Am 19. Dezember gab ihm das Spezialverwaltungsgericht zu 70 Prozent recht, wie es im Urteil heisst, das der Aargauer Zeitung vorliegt. «Nur wenn man hartnäckig ist und den Gerichtsweg einschlägt, kommt man zu seinem Recht», kritisiert Neuenschwander.

Kanton bewilligte Nebentätigkeit

K. R. steht auch ausserhalb von Leutwil in der Kritik. Einerseits ist er Steuerkommissär beim Kanton, gleichzeitig führt er eine Firma, die laut Handelsregister «Steuerberatungen, insbesondere für Gemeinwesen, aber auch für Private» anbietet.

Bei der Firma, die am 31. Juli 2013 gegründet wurde, ist R. einziger Gesellschafter und Geschäftsführer.

Dave Siegrist verteidigt seinen Mitarbeiter: «Zweck des Unternehmens ist derzeit einzig der Bau eines Mehrfamilienhauses und die anschliessende Verwaltung der Liegenschaft.»

Seine Vorgesetzten und er als Leiter des kantonalen Steueramts seien rechtzeitig darüber informiert worden. Siegrist: «Wir sind im Bild, dass Herr R. nach der Pensionierung mit seiner Firma auch Dienstleistungen im Bereich der Steuerberatung erbringen will.»

Siegrist betont: «Aus Gründen der Transparenz und der Glaubwürdigkeit sind Nebenbeschäftigungen im kantonalen Steueramt grundsätzlich bewilligungspflichtig.»

Weniger als 10 Prozent der insgesamt 220 Mitarbeiter üben derzeit eine Nebentätigkeit aus. Dabei handelt es sich laut Siegrist um Buchhaltungen, Revisionen oder Steuererklärungen, «jeweils fast ausschliesslich für eine einzelne Firma».

Diese Beschäftigten seien im Stundenlohn-Bereich oder mit Pensen bis zu fünf Prozent angestellt. Ausnahmen bestehen bei Grundstückschätzern, die im Teilzeitpensum angestellt sind und als Nebenbeschäftigung noch Grundstückschätzungen für Private vornehmen.

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