Schulweg

Umstrittene Elterntaxis: «Ich wehre mich gegen blindes Eltern-Mobbing»

Kinder lernen enorm viel auf dem Schulweg, sagt Erziehungswissenschafter Marco Hüttenmoser. Dennoch verurteilt er Elterntaxis nicht pauschal.

Kinder lernen enorm viel auf dem Schulweg, sagt Erziehungswissenschafter Marco Hüttenmoser. Dennoch verurteilt er Elterntaxis nicht pauschal.

Erziehungswissenschafter Marco Hüttenmoser erklärt im Interview, welche Folgen es hat, wenn Kinder im Auto zur Schule gefahren werden. Er beurteilt Elterntaxis aber differenziert – und kritisiert die Polizei.

Elterntaxis verursachen im ganzen Kanton Aargau nicht nur Verkehrschaos und gefährliche Situationen vor Schulhäusern – sie berauben Kinder auch wichtigen Erfahrungen auf dem Schulweg. 

Herr Hüttenmoser, wie wichtig ist es, dass Kinder selbstständig zur Schule gehen?

Marco Hüttenmoser: Sehr wichtig. Es ist der erste Schritt weg vom Elternhaus. Sie lernen andere Kinder kennen und lernen, miteinander umzugehen und Konflikte zu bewältigen. Sie entdecken Tiere und Blumen, schimpfen über den Lehrer, motivieren sich gegenseitig für den Unterricht.

In 40 Jahren Forschungstätigkeit haben Sie 10'000 Kinderzeichnungen zum Thema Schulweg und Wohnumfeld gesammelt. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Anhand der Zeichnungen kann man ziemlich treffsicher bestimmen, ob ein Kind zu Fuss zur Schule oder in den Kindergarten geht, oder ob es gefahren wird. Die Werke der selbstständigen Kinder sind farbig und detailreich, jene der unselbstständigen oft einfach. Ihnen fehlen die intensiven Schulweg-Erlebnisse. Das ist eigentlich eine banale Erkenntnis, aber auch hochspannend.

Was fällt sonst noch auf?

Zeichnungen von Kindern, die gefahren werden, weisen teils räumliche Verkürzungen auf: Da steht die Schule direkt neben dem Elternhaus und dazwischen ein Auto. Sie nehmen die Distanz überhaupt nicht wahr. Die Unterschiede offenbaren sich zum Teil sogar in ein und derselben Zeichnung: Überall dort, wo das Auto stillsteht, hat das Kind bunt gemalt: Zuhause, am Kreisel und in der Schule. Dort sammelt es Umwelteindrücke. Dazwischen: schwarze Striche.

Die angesprochene Zeichnung.

Man könnte einwenden: Es ist doch gar nicht so schlimm, wenn ein Kind schwarzweiss anstatt bunt zeichnet.

Das greift zu kurz. Wer den Schulweg verpasst, verpasst das halbe Leben. So kann man nicht richtig in die Welt hineinkommen.

Stellen Sie Unterschiede zwischen den Sprachregionen fest?

Ja. Im Tessin oder in der Romandie, auch in Deutschland, werden Kinder häufiger in die Schule oder den Kindergarten chauffiert als in der Deutschschweiz. Das hängt mit den Strukturen zusammen, gerade im Tessin: Dort gehen mehr Kinder früher in die Krippe. Auch gibt es mehr kleine, abgelegene Dörfer. Die Kinder müssen in ein entfernt liegendes Zentrum gefahren werden.

Die Zeichnungen zeigen auch, dass auch Eltern Fehler machen können, die ihre Kinder selbstständig zur Schule gehen lassen.

Es gibt Zeichnungen, die praktisch nur aus Fussgängerstreifen bestehen. Das ist ein Anzeichen dafür, dass das Kind auf diese Verkehrssituation fixiert ist – dass das Umfeld zu eindringlich vor der Strassenüberquerung gewarnt hat. Damit setzt es dem Kind Scheuklappen auf. Folglich nimmt es die Natur nicht mehr wahr.

Gibt es denn irgendeinen Grund, sein Kind in die Schule zu fahren?

Ich finde es schlecht, wenn man pauschal auf Eltern losgeht, die ihre Kinder in die Schule fahren. Ich wehre mich gegen blindes Eltern-Mobbing. Ganz klar: Sein Kind mit dem Auto in die Schule zu fahren, ist das schlechteste, was man machen kann. Aber: Es gibt auch Gründe, die für das Elterntaxi sprechen.

Welche?

Wenn etwa der Weg zu unsicher ist. In diesem Fall muss sich die Polizei an der Nase nehmen und für Sicherheit sorgen. Oder wenn das Wetter miserabel ist oder der Schulsack zu schwer. Das sind aber Ausnahmesituationen.

Kolonnen von Elterntaxis führen immer wieder zu Verkehrschaos rund um Schulhäuser. Das ist gefährlich für die Kinder.

Schulhäuser bieten Parkplätze für Lehrer, aber keine für Eltern. Der Verkehr, den ein Schulhaus verursacht, interessiert meistens niemanden. Es sollte gewisse Park- und Wendemöglichkeiten für Eltern geben, damit sie ihre Kinder in Ausnahmefällen in die Schule fahren können.

Verleitet das nicht gerade dazu, seine Kinder zu fahren?

Es ist natürlich ein doppelschneidiges Schwert. Man müsste einfach an die Vernunft der Eltern appellieren. Ein Hauptargument könnten die Kinderzeichnungen sein um klar zu machen: Seht, wie viel euer Kind verpasst, wenn ihr es regelmässig chauffiert. Das leuchtet den meisten Eltern ein.

Mehr Parkplätze vor dem Schulhaus – das trägt kaum zu mehr Verkehrssicherheit bei.

Ich glaube nicht, dass es eine grosse Gefahr wäre. Die Parkplätze müssten ja nicht direkt vor dem Eingang stehen. Auch eine Tempobeschränkung – etwa in einer Begegnungszone – wäre denkbar. Das wäre sicherer als die heutige Situation. Die Polizei sollte sich die Situation genau überlegen und auch Massnahmen informativer Art ergreifen. Nicht einfach hingehen und Bussen verteilen.

Im Bereich der Prävention wird heute schon einiges gemacht.

Das Prinzip „Luege, lose, laufe“ ist nützlich, genügt aber nicht. Das setzt motorische Fähigkeiten voraus, die der Schulpolizist nicht beeinflussen kann. Der Kanton Bern kannte einst ein gutes Modell: Der Polizist hat die Kinder begleitet, mit ihnen diskutiert und das Quartier beobachtet. So kamen die wirklichen Schwierigkeiten zutage.

In einem Referat für die Mobilitätsplattform Aargau Mobil haben sie kürzlich auf den Zusammenhang zwischen draussen spielen und Schulweg hingewiesen.

Kinder, die keinen selbstständigen Zugang zu ihrer Wohnumgebung haben, um dort mit andern Kindern zu spielen, sind nicht nur motorisch weniger gut entwickelt und unselbstständiger, sondern auch weniger gut auf den Strassenverkehr vorbereitet. Ihre Eltern begleiten sie auch viel länger zur Schule oder in den Kindergarten. Eine Kompensation der Defizite ist kaum möglich. Die Motorik eines Kindes und sein Verhalten auf dem Schulweg hängen stark zusammen. Einen Fussball richtig fangen zu können ist die beste Möglichkeit, zu lernen, wie man auf ein entgegenkommendes Auto reagiert.

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