Durch diese Glastüre geht niemand gerne – und doch passieren sie Tausende: Die Notfallstation des Kantonsspitals Aarau (KSA) wird Jahr für Jahr von mehr Personen aufgesucht. Nicht alle Fälle sind aus medizinischer Sinn gleich dringend.

Ulrich Bürgi, KSA-Chefarzt und Bereichsleiter Notfallmedizin, steht am Bildschirm und erklärt das Farbensystem: Rot heisst Behandlung innert Sekunden, orange innert fünf Minuten, gelb innert einer halben Stunde. «Bei Zahnschmerzen oder einem Ekzem bleibt ein wenig mehr Zeit.» Die rasche Einteilung hilft Bürgi und seinem Team, zu verhindern, das passiert, was nicht passieren darf: ein Notfall, der für richtige Notfälle verstopft ist.

Jederzeit kann er im elektronischen System verfolgen, wer wo wie behandelt wird. Der Schockraum, in dem die lebensbedrohlichen Fälle behandelt werden, ist leer. Ein kleines Spital im Grossen, hier gibt es alles, was es braucht, um Leben zu retten.

An der Wand hängt eine Uhr mit grossen roten Zahlen, mit dem roten Knopf am Eingang wird sie gestartet. «Sie erinnert daran, dass die Zeit läuft», erklärt der Chefarzt. Jede Sekunde zählt. An diesem Vormittag wird der Raum vorerst nicht gebraucht. «Ein ruhiger Tag», sagt Bürgi und nimmt sich Zeit für ein Interview im Sitzungszimmer der Notfallstation.

Herr Bürgi, die Zahl der Notfallpatienten wächst seit Jahren. Warum?

Ulrich Bürgi: Die Notfallstation am Kantonsspital Aarau ist 1991 eröffnet worden, damals waren es 11 000 Patienten, 2016 schon 46 600. Die Eintritte steigen jährlich und unaufhaltsam. Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Bevölkerungswachstum, Überalterung, Hausärztemangel. Sicher hat auch der Konsum von Gesundheitsdienstleistungen zugenommen. Man geht heute schneller zum Arzt als früher. Der Begriff Notfall wird immer mehr gedehnt. Eine Definition gibt es nicht. Was ein Notfall ist, entscheidet der Patient. An uns wenden sich viele Leute, die sich wegen einer Grippe behandeln lassen wollen, obwohl sie diese gut selbst kurieren könnten.

Wie erklären Sie sich diese steigende Anspruchshaltung?

Die Bevölkerung legt mehr Wert auf die Gesundheit. Sie ist besser gebildet, kennt die Auswirkungen, wenn man zu spät zum Arzt geht. Viele Leute sind zudem verängstigt, weil sie im Internet über Krankheiten lesen. Erscheinen etwa zu Beginn der Zecken-Saison Artikel über Zeckenbisse, werden wir umgehend von Verunsicherten angefragt, die nach einem Waldbesuch Angst vor einer Infektion haben.

Gesundheitsdirektorin Franziska Roth appellierte während ihrer 100-Tage-Bilanzkonferenz an die Eigenverantwortung: «Der Bürger soll nicht wegen jeder Lappalie in den Notfall rennen. Die grosse Anspruchsmentalität im Gesundheitswesen muss gestoppt werden.» Was sagen Sie dazu?

Mit der Eigenverantwortung bin ich absolut einverstanden. Wir müssen uns bewusst sein, dass eine Krankenkassenprämie keine Vorauszahlung ist, um unbeschränkt Leistungen zu konsumieren. Es handelt sich um eine Risikoversicherung für den Fall einer Erkrankung oder Verletzung. Ich wehre mich aber gegen die Begriffe «Bagatellen» oder «Boboli». Viele dieser Leute leiden wirklich an wesentlichen Beschwerden. Mich stört mehr, wenn sie für das gleiche Problem zu drei Ärzten gehen – ins Regionalspital, zum Hausarzt und zu uns. Es darf nicht sein, dass ein Patient am Morgen wegen seiner Ohrenschmerzen den Ohrenarzt aufsucht und am Nachmittag in der Notaufnahme steht, weil er sich absichern will, ob die Diagnose des Ohrenarztes richtig war.

Ist das ein Einzelfall?

Nein, die Mehrfachkonsultationen sind ein grosses Problem.

Wie gross?

Das ist schwierig zu messen, da viele Patienten ihre Konsultationen nicht offenlegen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich bis zu einem Fünftel der Patienten an mehreren Orten behandeln lassen, in einigen Fällen parallel bei bis zu fünf Institutionen. Weil wir davon nichts wissen, wiederholen wir Untersuche, die nicht ein weiteres Mal nötig wären.

Inwiefern könnte das elektronische Patientendossier helfen?

Mit einer E-Health-Karte könnten wir nachschauen, wo der Patient gewesen ist. Allerdings gibt es keine Teilnahmepflicht. Auch dort wird es Schlupflöcher geben, aber es ist eine Möglichkeit, um die medizinischen Leistungen nachzuverfolgen.

Die Behandlung in der Notfallstation sei im Durchschnitt mehr als doppelt so teuer wie beim Hausarzt, rechnet der Krankenkassenverband Santésuisse vor. Warum dieser Unterschied?

Diese Zahlen kann ich nicht bestätigen. Im Mittel kostet eine einfache Konsultation bei uns nicht mehr als beim Hausarzt. Wir haben aber mehr Möglichkeiten, um eine Diagnose zu stellen. Schickt beispielsweise ein Hausarzt seinen Patienten mit Bauchschmerzen ans KSA, weil er in der Praxis kein Ultraschallgerät hat, wird der Untersuch bei uns durchgeführt.

Im Zweifelsfall wird aber eher ein Test zu viel als zu wenig gemacht?

Wir machen nicht grundsätzlich immer die ganze Bandbreite aller möglichen Untersuche. Als Zentrumsspital mit vielen Überweisungen aus den Regionalspitälern sind wir jedoch dafür verantwortlich, ernsthafte Diagnosen nicht zu verpassen.

Regierungsrätin Roth sieht eine Ursache für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen beim Ansturm auf die Notfallstation. Teilen Sie diese Einschätzung?

Im Aargau ist der massive Kostenanstieg nicht auf die ambulanten, sondern auf die stationären Patienten zurückzuführen. Der Kanton muss 55 Prozent der Kosten für einen stationären Aufenthalt übernehmen. Behandeln wir Patienten im Notfall, bezahlt nicht der Kanton, sondern die Krankenkasse dafür. Von diesen wurden 2016 nur 27 Prozent stationär aufgenommen, wofür dann wiederum der Kanton aufkommen muss. Notfallpatienten verursachen steigende Kosten, doch das ist nicht der grosse Anteil.

Der Spardruck ist gross. Diskutiert wird eine Pauschale, die man zahlen müsste, wenn man ohne Zuweisung die Notfallstation aufsucht. Was halten Sie davon?

Vor zehn Jahren habe ich dieses Modell auch propagiert, heute nicht mehr.

Warum nicht?

Sie können sich gerne einen Tag lang hier vor den Notfall stellen und versuchen, 100 Franken einzukassieren. Da müsste ich Ihnen einen Securitas-Mitarbeiter zur Seite stellen. Das Eintreiben wäre sehr schwierig und mit Aggressionen verbunden. Unsere Mitarbeiter hätten keine Zeit dafür, sie müssen die Leute behandeln. Dazu kommt: 50 bis 100 Franken ist für viele Menschen ein hoher Betrag. Wir würden möglicherweise Patienten abschrecken, die ins Spital gehörten. Zudem besteht keine gesetzliche Grundlage. Die Patienten wären rechtlich nicht verpflichtet, zu bezahlen.

Eine andere Idee: Wer unnötigerweise in den Notfall kommt, muss einen grösseren Anteil selbst übernehmen.

Im Nachhinein zu beurteilen, was eine Bagatelle ist und was nicht, ist ganz schwierig. Es gibt dafür keine internationale Definition. Was anfänglich ungefährlich erschien, kann schwerwiegend oder gar tödlich verlaufen, wenn die Behandlung ausbleibt oder falsch erfolgt.

Sehen Sie andere Ansätze, um die Lage zu entschärfen?

Ich glaube, ein Teil geht übers Portemonnaie. Der Selbstbehalt müsste erhöht werden. Die Patienten sollten mehr an die Kosten zahlen.

Als Leistungserbringer kann ein Spital doch froh sein um möglichst viel Arbeit. Haben Sie überhaupt ein Interesse daran, die Notfallzahlen zu senken?

Die Eintrittszahlen werden nicht von uns, sondern von der Bevölkerung bestimmt. Deren Anspruch, jederzeit medizinisch versorgt zu werden, bedingt rund um die Uhr die Bereitschaft eines grossen spezialisierten Notfallteams. Jedermann ist dankbar, nach einem Verkehrsunfall nachts um 3 Uhr optimal behandelt zu werden. Diese Kosten müssen wie in jedem Unternehmen gedeckt sein.

Welchen Beitrag können die Spitäler leisten, um die Kosten zu senken?

Den öffentlichen Spitälern bleibt wenig Handlungsspielraum, um die Kosten zu senken. Um die Löhne der Mitarbeitenden, den Unterhalt der Gebäude und die notwendigen Investitionen zu finanzieren, sind wir auf ausreichende Patientenzahlen und Erträge angewiesen. Je mehr Umsatz wir jedoch machen, desto mehr werden die Tarife und somit die Erträge gesenkt. Als Ärzte sind wir im Hamsterrad gefangen. Um diese kostentreibende Entwicklung aufzuhalten, müsste auf nationaler Ebene eine grundlegende Richtungsänderung im Gesundheitswesen erfolgen.

Sie sitzen für die FDP im Grossen Rat. Als Liberaler müsste die Privatisierung von Spitälern in Ihrem Interesse sein.

Ich denke nicht, dass die Kosten dadurch sinken würden. Ein privates Unternehmen muss Gewinn machen, das Management zahlen und seinen Aktionären Dividenden ausrichten. Geld sparen liesse sich nur, indem Löhne, Qualität und Service reduziert würden. Eine Privatisierung durch ausländische Konzerne führt zu keinen Einsparungen. Im Gegenteil: Geld, das von Steuer- und Prämienzahlern kommt, wird ins Ausland abfliessen. Die Hirslanden Gruppe beispielsweise macht dies vor.

Eine Privatisierung gilt es also zu verhindern?

Bei ausländischen Konzernen sicher. Wenn ein inländisches Unternehmen einsteigen möchte, müsste man genau hinschauen. Die Idee, dass sich ein privates Spital mit den gleichen Aufgaben kostengünstiger betreiben lässt, ist jedoch eine Illusion, das zeigt sich in Deutschland. Wir sind nicht dermassen schlecht organisiert, dass bei einer Privatisierung alles ganz anders laufen würde.

Zur Diskussion steht auch die Zukunft der Regionalspitäler. Wie lange können wir uns diese Vielfalt leisten?

Die Aargauer Spitallandschaft ist nicht mehr zeitgemäss, sie muss dringend angepasst werden.

Wie?

Indem vier 24-Stunden-Spitäler nur tagsüber betrieben werden. Es macht keinen Sinn, dass gewisse Regionalspitäler nachts geöffnet haben. Ein 24-Stunden-Betrieb ist unglaublich teuer und mit unserer Spitaldichte nicht nötig.