Würdigung
Ulrich Siegrist – der stille Staatsmann feiert seinen 70. Geburtstag

Heute wird er frühere Regierungsrat, Nationalrat und Fast-Bundesrat 70. Der Sohn des Fahrwanger Weinhändlers Gottlieb Siegrist erwarb sich politischen Kreisen, aber auch beim Volk, als Vordenker ein Ansehen wie wenige Politiker der letzten 50 Jahre.

Pirmin Meier*
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Ulrich Siegrist wäre für die SVP fast in den Bundesrat gewählt worden, trennte sich später aber von der Partei. (Archivbild)

Ulrich Siegrist wäre für die SVP fast in den Bundesrat gewählt worden, trennte sich später aber von der Partei. (Archivbild)

PETER MOSIMANN IN

Als vor 40 Jahren die Totalrevision der Aargauer Kantonsverfassung im Gange war, interessierte sich ausserhalb des gewählten Verfassungsrates kaum jemand für dieses Geschäft.

Eine Ausnahme bildete der junge Gerichtspräsident Ulrich Siegrist, von Oberrichter und Verfassungsratspräsident Hans Martin Steinbrück damals als «politisch hochbegabt» eingeschätzt. Unter anderem warnte Dr. Ulrich Siegrist davor, Volksrechte wie Initiative und Referendum einseitig als Vehikel parteipolitischer Profilierung zu verwenden.

Aus diesem Grunde waren ihm obligatorische Abstimmungen über wichtige Staatsentscheide sympathischer. Als späterer Bau- und Finanzdirektor (1983 –1999) machte sich Siegrist zwar durch «frühgrünes» Denken und Abstand vom Lobbyismus umstritten, erwarb sich aber nichtsdestotrotz in Regierung und Parlament, auch beim Volk, als Vordenker ein Ansehen wie wenige Politiker der letzten 50 Jahre.

«Demokratie kann warten»

Als Regierungsrat hielt er richtungsweisende, stets selber geschriebene Ansprachen, so die epochale Lenzburger Rede «Demokratie kann warten». Es war sein politisches Vermächtnis bei seinem Rückzug aus der aargauischen Politik.

1999 bis 2007 trug er als Nationalrat das Seine zur Bundespolitik bei. Als Präsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft war Sicherheitspolitik eines seiner Anliegen.

Eine ausgeprägte Stärke des in historischen Fragen versierten Politikers war die Aussenpolitik, wobei er über das südliche Afrika, wo er sich länger mal aufgehalten hatte, und Iran wie wenige Auskunft wusste.

Mit dem Kalten Krieg sowie mit dem Totalitarismus brauner und roter Herkunft hatte er sich schon seit seiner Jugend intensiv befasst. Ulrich Siegrist war damals auf die Illusionen von 1968 nicht hereingefallen.

Auch später misstraute Siegrist als stiller Staatsmann dem Lärmmachen in der Politik stets. Von seinen familiär bedingten konservativen Ursprüngen hat sich der Sohn des Fahrwanger Weinhändlers Gottlieb Siegrist nur insoweit entfernt, als er sich seit seiner Prägung durch den Rechtsprofessor Werner Kägi und dank permanenten Lesens nicht nur juristischer Literatur stärker als irgendein bürgerlicher Politiker des Kantons Aargau zum Intellektuellen entwickelte.

«Protestant» der Aargauer Politik

Dabei war aber, in einem gewissen Gegensatz zu seinem freisinnigen Regierungskollegen und späteren Ständerat Thomas Pfisterer, weniger der Aargauer Landesvater Heinrich Zschokke seine Orientierung, als vielmehr der Reformator Heinrich Bullinger, über den er sich wiederholt äusserte.

Siegrist wurde in diesem Sinn wie kaum einer der «Protestant» unter den aargauischen Politikern. Von Bullinger her, dem internationalen und «globalen» Reformator, schien es ihm angebracht, Politik und Ethik stärker von einem übernationalen Standpunkt aus zu sehen und zu praktizieren, als es in seiner Partei, der SVP, üblich geworden war.

Beinahe Bundesrat geworden

Hätte Ueli Siegrist im November 2000, bei der Wahl des Nachfolgers von Adolf Ogi, nur mit dem kleinen Finger gewinkt, seine Wahl in den Bundesrat wäre von der SVP kaum zu verhindern gewesen.

Auch ohne Wank flossen ihm im 1. Wahlgang noch 77 Stimmen zu. Samuel Schmid, Ständerat und einstiger Fraktionspräsident, schien mit der Berner Partei im Rücken noch eher ein SVP-Bundesrat zu sein.

2005 trennte sich Siegrist dann von der SVP-Fraktion, ohne allerdings formell aus der Partei auszutreten. Sein «Forum Liberale Mitte» präsentierte 2007 mit Siegrist, dem Militärsoziologen Karl W. Haltiner, dem Bauernpolitiker Roman Abt und der späteren Grünen-Präsidentin Gertrud Häseli eine «Mitte-Liste», welche vier Jahre später von den erfolgreicheren Grünliberalen und der BDP in dieser Qualität kaum erreicht wurde. Für Ulrich Siegrist galt damals: «Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben erst recht.»

* Pirmin Meier, Historiker und Autor aus Würenlingen, bezeichnet sich selber als bürgerlicher Intellektueller.

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