SVP-Nationalrat

Ueli Giezendanner tritt ab – das sagt er zu seinen grössten Erfolgen und Niederlagen, das macht er jetzt

Das SVP-Urgestein aus Rothrist erzählt, wie er zur SVP kam, wie er persönliche Schicksalsschläge überwand und was er nach der politischen Karriere macht.

Ulrich – Ueli – Giezendanner aus Rothrist ist berühmt geworden als Fuhrhalter der Nation. Seine markigen und authentischen Auftritte sind das Markenzeichen des Aargauer SVP-Nationalrats aus Rothrist, der nach 28 Jahren die politische Bühne verlässt. 

Jahrzehnte setzte sich der aus freisinnigem Haus stammende Giezendanner mit viel Verve, Temperament und auch mal lautstark für gute Rahmenbedingungen auf der Strasse – aber auch auf der Schiene – ein. Er würde gern mehr auf die Bahn verladen, sagt er im Gespräch. Aber nicht nur im Personenverkehr stösst die SBB kapazitätsmässig an Grenzen.

Schon sind wir in der Verkehrspolitik. In der Verkehrskommission will Giezendanner im November die neuen Bombardier-Doppelstockzüge der SBB nochmals thematisieren. «Eine Katastrophe, was da läuft», entfährt es ihm.

Und keine Frage: dass die A1 im Aargau auf sechs Spuren ausgebaut wird, forderte er schon lange. Noch vorher stand er zuvorderst mit dem Ruf nach Entschärfung des Baregg-Nadelöhrs durch eine zusätzliche Röhre, die ist inzwischen in Betrieb.

Doch der Reihe nach: 1991 wurde Giezendanner für die junge Autopartei in den Nationalrat gewählt. Die poltrig auftretenden Vertreter der Partei wurden geschnitten, auch bei den Bürgerlichen. 1996 sondierte Giezendanner bei FDP und SVP für einen Parteiwechsel.

Bei der FDP löste das eine interne Diskussion aus, derweil die SVP die Gelegenheit beim Schopf packte. Kurz nach einem entsprechenden Gespräch hörte er im Radio, die SVP habe ihn in ihre Fraktion aufgenommen. Damit war die Sache klar.

Verkehrspolitik: Grösster Erfolg und grösste Niederlage

Fortan trat er für die SVP an, wurde fünfmal als bestgewählter Aargauer Nationalrat überhaupt vom Stimmvolk bestätigt. Bei seinen Voten war es jeweils ungewöhnlich still im Nationalratsaal, weil man ihm zuhörte.

Aufgrund seiner fadengeraden, oft sehr emotionalen Auftritte und weil er in wenigen und verständlichen Sätzen etwas auf den Punkt bringt, wurde der in den Medien «Giezi» getaufte Aargauer regelmässiger Gast in der «Arena» des Schweizer Fernsehens.

Bei noch so heftigen Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner war es ihm wichtig, mit allen reden zu können. Das gelang offensichtlich. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ihn der frühere SP-Bundesrat Moritz Leuenberger jetzt zum Talk ins Zürcher Bernhardtheater einlädt?

Immerhin hat Giezi gegen Leuenberger einst mit aller Kraft die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) bekämpft. Unglaubliche 190 Auftritte hatte er damals. Und war masslos enttäuscht, als das Schweizervolk der Vorlage zustimmte. Er erreichte dann immerhin, dass die Camionneure das LSVA-Erfassungsgerät nicht noch selber bezahlen mussten.

So steht die Verkehrspolitik für Giezis grösste politische Niederlage, aber auch für seinen grössten politischen Erfolg. Nach drei Anläufen fand er eine Mehrheit für eine zweite Gotthard-Strassenröhre. Nicht so richtig an sein Banner heften mag er die ersten Formel-E-Rennen in der Schweiz.

Er kämpfte nämlich für die Wiederzulassung von Formel-1-Rennen. Dass sich Zürich und Bern mit der Formel E so schwertun, versteht er nicht. Das könnte für Aarau eine Chance werden. Warum sollte Aarau einspringen? «Die Formel E ist sehr innovativ, die zahllosen Schweizer Autozulieferfirmen können davon profitieren», sagt Giezendanner, der sich zunehmend als Gesundheitspolitiker profiliert hat.

Er erlebte schwerste persönliche Schicksalsschläge

Giezendanner hat abseits des Politikerlebens schwere Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Erst verloren er und seine Frau in jungen Jahren Sohn Oliver, der an einer Hirnhautentzündung starb. Die Familie trug sehr schwer daran, Giezendanners Frau verwand den Tod des Sohnes nie. Später verlor er auch sie, an Krebs.

Das habe er nur dank seinem starken christlichen Glauben und der Familie ertragen können, sagt Ueli Giezendanner heute: «Sie war meine Traumfrau, meine Geschäftspartnerin und die Mutter unserer vier Kinder.» Politische Niederlagen verkrafte man, sagt er sinnierend, diese Schicksalsschläge trafen ihn ungleich härter.

Jetzt sind seine längst erwachsenen Kinder Benjamin, Stefan und Christine sein ganzer Stolz. Er hofft, dass Benjamin am 20. Oktober den Sprung in den Nationalrat schafft. Ihm würde er gerne das Verkehrsdossier übergeben. Schon 2014 hat der Patron seinen Söhnen Benjamin und Stefan die Leitung seiner Firma mit inzwischen über 100 Mitarbeitenden übergeben. Doch mit zwei «Alphatieren» ging das nicht.

Schliesslich verliess Sohn Stefan die Firma. Er leitet jetzt die Mittelland Transport AG. Vorher setzte es intern heftige Debatten ab. Für Vater Giezendanner ist das jetzt die beste Lösung. Genauso stolz ist er auf Tochter Christine, «die intelligenteste von uns allen». Gern hätte er sie als Verwaltungsratspräsidentin, doch sie wolle nicht, bedauert er. Auch persönlich hat er sein Glück wieder gefunden – mit Roberta Baumann.

Die beiden heirateten 2017. Roberta habe die Familie wieder zusammengebracht. Giezi ist überwältigt, dass er – mittlerweile vierfacher Grossvater – nochmals ein solches Glück erfahren darf. Jetzt habe sich alles eingerenkt.

Er verlässt das Bundeshaus «zufrieden, demütig, aber hocherhobenen Hauptes». Er bleibt ein politischer Mensch, will sich aber nicht mehr in die Politik einmischen. Ob das dem SVP-Urgestein gelingt? Bald wird bei Giezendanners gemeinsam Weihnachten gefeiert. Dann reisen er und seine Frau nach Süd- und Mittelamerika.

Schliesslich kommt er gern zurück «ins beste Land der Welt», dessen Zauberformel er als Medizin der Schweiz sieht. Dann ist er wieder für die Familie da, fürs Velofahren und das Restaurieren alter Lastwagen.

Dass es vor acht Jahren mit dem Ständeratssitz nicht geklappt hat, sieht er rückblickend gelassen. Das Aargauer Volk habe ihn nicht im Ständerat gesehen, sagt er. Und es habe recht gehabt, er habe sich im Nationalrat ja auch sehr wohl gefühlt.

Wenn man ihn einen rechtsbürgerlichen Politiker nennt, erfüllt ihn das mit Stolz. Gleichwohl gibt er mit kritischem Seitenblick auf seine Partei, die manchmal lieber zu verlieren scheint, als einen Kompromiss einzugehen, Politikern einen Merksatz des früheren Aargauer Ständerats Hans Letsch auf den Weg, den er lebte: «Für eine Mehrheit braucht man 50 Prozent plus eine Stimme. Da ist es wichtig, über Parteigrenzen hinweg mit den Menschen auszukommen.»

In Giezendanners Verabschiedung sagte Nationalratspräsidentin Marina Carobbio (SP), er sei beliebt und geschätzt als authentischer, glaubwürdiger und grundehrlicher Volksvertreter und Kollege, der sich mit Herzblut, geradlinig und temperamentvoll für seine Anliegen einsetze. Was kann man sich mehr wünschen als so eine Würdigung einer Politikerin aus dem ganz anderen politischen Lager?

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