Bildung

Überstunden, Löhne und Lehrermangel: Der Lehrerverband spricht Klartext

Manfred Dubach (Geschäftsführer Lehrerverband) und Daniel Hotz (Vizepräsident) mit dem Plakat, das auf den akuten Lehrermangel aufmerksam machen soll.

Manfred Dubach (Geschäftsführer Lehrerverband) und Daniel Hotz (Vizepräsident) mit dem Plakat, das auf den akuten Lehrermangel aufmerksam machen soll.

An der Delegiertenversammlung des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv) wurde Kathrin Scholl zur neuen Präsidentin gewählt. Ihre Vorgängerin fand deutliche Worte für die Sorgen der Lehrerschaft.

Die Wahlen waren eine reine Formsache. Für Elisabeth Abbassi, die im Sommer 2020 ihr Amt als Präsidentin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv) abgibt, wählten die Delegierten des alv Kathrin Scholl als Nachfolgerin. Scholl war bisher stellvertretende Geschäftsführerin des alv und sass bis Ende 2018 für die SP im Grossen Rat. Neuer stellvertretender Geschäftsführer wird Beat Gräub, bisher Prorektor am KV Lenzburg-Reinach.

300 unbezahlte Überstunden pro Jahr

Elisabeth Abbassi, die auf Ende Schuljahr 2019/2020 in Pension geht, nannte das, was im nächsten Schuljahr auf die Schule Aargau zukommt, eine «Megareform». Denn es werden gleichzeitig der neue Aargauer Lehrplan und die Neuressourcierung der Volksschule eingeführt. «In den Schulen steigt die Nervosität», sagte Abbassi.

Denn viele Lehrpersonen möchten sich auf den neuen Lehrplan, die neuen Anforderungen und die neuen Fächer vorbereiten. Doch sie könnten dies oft nicht tun, weil die Weiterbildungen sehr begehrt und deshalb oft ausgebucht seien. «Die langen Wartelisten verheissen nichts Gutes», sagte Abbassi.

Mit den neuen Stundentafeln werden auch die Stundenpläne komplexer. Die Präsidentin befürchtet zudem, dass es durch Neuressourcierung leichter möglich wird, dass Lehrpersonen widerrechtliche Arbeitsverträge erhalten.

Die Arbeitsbelastung für Lehrpersonen steige weiter an, sagte Abbassi. So sei die Unterrichtsvorbereitung komplexer und durch die zunehmende Individualisierung aufwendiger geworden. Im Schnitt leiste eine Lehrperson mit einem Vollpensum pro Jahr rund 300 unbezahlte Überstunden.

Bald Artenschutz für Lehrpersonen?

Klare Worte fand Abbassi auch zum Thema Lehrermangel: «Eigentlich müsste man uns Lehrpersonen längst unter Artenschutz stellen», sagte sie zu den Delegierten. Denn heute würden oft auch Kauffrauen, Maurer, Pfadileiter oder Bergführer unterrichten.

Und vielfach werde den Eltern nicht kommuniziert, dass da gar keine qualifizierten Lehrpersonen vor der Klasse stehen. «Transparenz ist oft unerwünscht, wird von Schulpflegen gar ausdrücklich untersagt», kritisierte Abbassi.

Kurzfristige Massnahmen, um dem Lehrermangel zu begegnen, würden nicht mehr greifen, sagte Abbassi, das Problem könne nur mittel- und langfristig angegangen werden. Ziel müsse es sein, den Beruf wieder attraktiver zu machen. So soll die Ausbildung für Quereinsteigende aufgewertet werden und die Studierenden sollen während der Ausbildung finanzielle Unterstützung erhalten.

Damit die Thematik stets präsent bleibt, hat der alv eine Plakataktion lanciert. In allen Schulhäusern des Kantons sollen Plakat gehängt werden . Sie zeigen eine leicht zynische Abwandlung des bekannten Volksliedes: aus «Alle Vögel sind schon da» wird «Alle Lehrer sind schon weg». An der Delegiertenversammlung in Lenzburg erlebte das alte Lied mit dem neuen Text eine vielstimmige Uraufführung.

«Arcus» soll endlich faire Löhne bringen

Ohne Löhne, die mit jenen der Nachbarkantone vergleichbar sind, werde der Kanton Aargau den grassierenden Lehrermangel nicht bekämpfen können, sagte Abbassi und verwies auf ein bekanntes Beispiel: Primarlehrpersonen in Schönenwerd SO verdienen bis zu 22 000 Franken mehr pro Jahr als Primarlehrpersonen im nur wenige Kilometer entfernten Aarau.

Deshalb warte man gespannt auf das neue Lohnsystem «Arcus», das den Aargauer Lehrpersonen faire Löhne bringen soll. Positiv wertet der alv, dass künftig nicht mehr nur das Lebensalter für den Lohnanstieg ausschlaggebend ist. Der alv begleite das Projekt eng und achte darauf, dass alte Diskriminierungen von Lehrergruppen beseitigt würden, versprach Abbassi.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

Meistgesehen

Artboard 1