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Überleben nach dem Letten: Was ist aus den Drogensüchtigen aus dem Aargau geworden?

Markus, Thomas und Daniel (Namen geändert) pendelten regelmässig aus dem Aargau nach Zürich auf den Platzspitz oder Letten, um sich dort mit Drogen einzudecken.

Thomas hat noch eine gute Vene. In diese spritzt er sich jeden Tag Heroin. Nicht mehr den Drecksstoff von der Strasse, der ihn einmal fast umgebracht hat, weil er mit Rattengift gestreckt war. Thomas ist im Heroinprogramm. Im Ambulatorium für Substitutionsbehandlung der Psychiatrischen Dienste Aargau konsumiert er jeden Abend pharmazeutisch hergestelltes Heroin. Er hat sich an die Dosis gewöhnt. Es fühle sich «ganz normal an, wie wenn ich ein Medikament nehmen würde», sagt er. Er funktioniere, komme nie auf Entzug und sei gleichzeitig nicht mehr zugeballert. Einen Entzug will Thomas keinen mehr machen. «Bei mir ist der Zug abgefahren. Ich will nicht mehr und würde das sehr wahrscheinlich auch nicht durchstehen.»

Thomas ist 53 Jahre alt. In den 80er- und 90er-Jahren war er Teil der Zürcher Drogenszene. Er war am Bellevue, Hirschenplatz und Sihlquai. Und später auf dem Platzspitz und am Letten. Wenn er nicht sowieso in Zürich arbeitete, reiste er täglich vom Aargau in die Stadt. «Die Sucht hat mein Leben bestimmt.»

«Es kann einem nicht gut gehen an einem solchen Ort»

Das war bei Daniel und Markus nicht anders. Sie haben bis heute Schulden bei der SBB. Das Geld brauchten sie für Drogen. Daniel ist 46 Jahre alt. Den Platzspitz kennt er nur vom Hörensagen. Er war zu jung. Auf dem Letten war er. Aber immer nur so lange wie es unbedingt nötig war. «Es kann einem nicht gut gehen an einem solchen Ort. Die Energien waren alles andere als schön.» Er erzählt von Abfall, gebrauchten Spritzen, Aggressionen, Elend und Ratten. Ein naher Verwandter von Daniel war ebenfalls am Letten. Aber als Helfer von Pfarrer Sieber. «Es war beschämend, ihm über den Weg zu laufen.»

«Im äussersten Notfall steht der Zivilschutzbunker bereit »: Vier Drogenabhängige sollen nach der Lettenräumung 1995 zurück nach Gipf-Oberfrick

«Im äussersten Notfall steht der Zivilschutzbunker bereit »: Vier Drogenabhängige sollen nach der Lettenräumung 1995 zurück nach Gipf-Oberfrick – Das sagen Politiker, Männer am Stammtisch und der damalige Wirt des «Adlers», dessen Sohn selbst in der offenen Drogenszene verkehrte. Beitrag aus der SRF-Sendung «10vor10» vom 16. Januar 1995.

Markus ist im Fricktal aufgewachsen. Mit Heroin hat der 51-Jährige in den 80er-Jahren in Basel angefangen. Die Spritzen hat er sich damals gebraucht auf dem Schwarzmarkt gekauft und sie an der Reibefläche der Zündholzschachteln geschliffen. «In der Apotheke haben sie dir damals keine Spritzen verkauft.» Später auf dem Platzspitz sei das besser gewesen. Dort konnten die Süchtigen dreckige gegen saubere Spritzen tauschen.

In Handschellen zurück in den Aargau gebracht

1993 hat die Stadt Zürich angefangen, ausserkantonale Drogenabhängige in ihre Wohngemeinden zurückzuschaffen. Die Polizei brachte sie zuerst ins Rückführungszentrum Hegibach und später in die Kaserne. Markus wurde einmal, Thomas dreimal in den Aargau zurückgeschafft. Markus trug Handschellen, als ihn die Polizei im Kastenwagen zurück ins Fricktal fuhr und dort zum Polizeiposten führte. Drogen hätten die Zürcher Polizisten bei ihm keine gefunden, erzählt er. Die Regionalpolizei habe ihn deshalb nach Hause geschickt. «Die Rückschaffungen sollten wohl der Abschreckung dienen», sagt Markus. «Aber gebracht hat es natürlich nichts. Am nächsten Tag musstest du ja trotzdem wieder gehen. Erst recht sogar, weil dir der Stoff fehlte.»

Beitrag aus der «Tagesschau» vom 22. Juli 1994 zum Rückführungszentrum für Drogenabhängige in der Alten Kaserne in Zürich

Beitrag aus der «Tagesschau» vom 22. Juli 1994 zum Rückführungszentrum für Drogenabhängige in der Alten Kaserne in Zürich

Thomas landete dreimal im Rückführungszentrum Hegibach. Dort bekam er eine Mahlzeit und Methadon gegen die Entzugssymptome. Zweimal hat ihn sein Beistand abgeholt und nach Hause gefahren. «Er hatte immer Verständnis für meine Situation», erzählt Thomas. «Für ihn war ich ein Mensch und nicht einfach ein Junkie.»

Standpauke vom Gemeinderat

Ganz anders verlief die dritte Rückführung in den Aargau. Dieses Mal wurde Thomas nicht von seinem Beistand abgeholt. Er wohnte inzwischen in einer anderen Aargauer Gemeinde und wurde von der Polizei direkt ins Gemeindehaus gebracht, wo ihn der Gemeinderat erwartete. «Das war sehr demütigend», sagt er. Der Gemeinderat habe ihn nichts gefragt. «Er wollte einfach seine Meinung äussern, mir sagen, dass wir Junkies den Steuerzahler nur Geld kosteten und das Letzte seien.» Nach der Standpauke konnte Thomas seine Sachen packen und gehen. «Ich fühlte mich wie ein Stück Scheisse.»

Das Gefühl, nichts wert zu sein, kennt er auch von Polizeikontrollen. «Die Polizei war im Aargau sehr streng», sagt Thomas. Sie hätten die Süchtigen am Bahnhof abgefangen. «Einmal musste ich mich vor allen Leuten nackt ausziehen, damit sie schauen konnten, wo ich Spritzen und Drogen hatte. Alle Leute haben geglotzt. Ich war stinkhässig.» Auch vor den Spritzenautomaten hätten zivile Polizisten gewartet. «Und kaum hast du das Flash-Pack rausgelassen, haben sie dich mitgenommen. Das war total dreckig.» Er habe sich seine Spritzen deshalb mehrmals gebraucht oder in Zürich geholt.

Daniel finanzierte sich die Sucht mit Dealen

Im Februar 1995 wurde der Letten geschlossen. «Man war eigentlich nicht wirklich traurig, dass man nicht mehr täglich dorthin musste», erzählt Markus. Aber es sei am Anfang schon schwieriger gewesen, an Drogen zu kommen. «Ich habe mich wieder mehr nach Basel orientiert.» Dort entstanden damals die ersten Gassenzimmer. Im Aargau gab es nichts dergleichen.

Daniel wohnte 1995 mit seiner damaligen Freundin in Zürich. Die Beziehung ging kurz vor der Lettenschliessung auseinander. Daniel kehrte in den Aargau zurück. «Aber weil ich in Zürich gewohnt habe, hatte ich viele gute Kontakte in die Szene und fing an zu dealen.» Er besorgte den Stoff in Zürich und verkaufte ihn in seiner Wohnung im Aargau. Daniel wurde dafür verurteilt und sass im Gefängnis. «Die Geschichte ist abgeschlossen, deshalb kann ich heute offen darüber reden.»

Das Geschäft mit dem Heroin sei ziemlich gut gelaufen. «Eine Zeit lang war ich zwischen Schönenwerd und Baden der einzige Dealer.» Während die Aargauer Behörden betonten, der Kanton habe das Drogenproblem im Griff und sei nach der Lettenschliessung nicht von Süchtigen überrannt worden, erzählt Daniel eine andere Geschichte. «Sie können sich nicht vorstellen, wie das abging nach der Lettenschliessung. Es gab Zeiten, da habe ich innerhalb von zwei Tagen bis zu fünfhundert Gramm Heroin verkauft – und das selten in grossen Mengen.»

Die Süchtigen konnten bei Daniel ab Mittag bis um Mitternacht Drogen kaufen. «Den meisten ging es beschissen. Sie kamen, wollten Drogen und hatten keine Kohle.» Ihm sei das irgendwann auch zu viel geworden. «Wenn dir innerhalb von einer Stunde 15 oder 20 Leute erzählen, was alles nicht geklappt hat und weshalb sie kein Geld hätten, zehrt das auch an der Substanz des Dealers. Vor allem wenn man – wie ich – schlecht Nein sagen kann», sagt Daniel. Natürlich sei das Jammern auf hohem Niveau, schiebt er nach. Schliesslich habe er vom Erlös aus dem Drogenverkauf gut leben und seinen eigenen Konsum finanzieren können.

Nach zwei Jahren flog Daniel auf. Süchtige, die bei ihm Drogen kauften, erzählten der Polizei, dass sie den Stoff von ihm hätten. Als die Polizei ihn abholte, war er in seiner ersten Therapie. Diese wurde unterbrochen. Daniel kam in Untersuchungshaft und dann ins Gefängnis. Heute ist er im Substitutionsprogramm. Er bekommt das Medikament Sevre-Long – das sind Kapseln mit weissen Morphium-Kügelchen. «Das ist für mich besser als Methadon», sagt er. «Rein gefühlsmässig funktioniert man recht gut damit und fühlt sich weniger tot, als mit Methadon.»

Die Heroinabgabe käme für ihn nicht in Frage, obwohl er sie für eine gute Sache findet. «Aber für mich wäre es das Ende vom Lied», sagt er mehrmals. Er sei einfach anders gestrickt. «Ich bin weiss Gott wie oft umgefallen in meinem Leben, aber immer wieder aufgestanden.»

Markus hat dank der Liebe die Kurve gekriegt

Markus hat die Heroinabgabe geholfen. Er gehörte zu den ersten Klienten, die im Aargau pharmazeutisch hergestelltes Heroin erhalten haben. Er hatte mehrere gescheiterte Entzugsversuche hinter sich und das Methadon hat ihm nicht gereicht, er nahm trotzdem weiter Drogen. Er sei damals relativ problemlos ins Programm aufgenommen worden, erzählt er.

«Ich war ja seit über zehn Jahren süchtig. Das hat wohl gereicht. Ich ging zum Hausarzt und er hat mich angemeldet.» Er hatte damals auch einen neuen Job in einem Restaurant. Markus ist überzeugt, dass er es ohne die Heroinabgabe nicht geschafft hätte, zehn Jahre dort zu arbeiten.

Nach zehn Jahren brach er das Heroinprogramm jedoch ab. Es störte ihn, dass er auf Sozialhilfe angewiesen war, obwohl er arbeitete. «Wenn du im Heroinprogramm bist, musst du pro Tag 15 Franken selber bezahlen», sagt er. Deshalb sei er auf Methadon umgestiegen, das ganz von der Krankenkasse bezahlt wird. «Aber ich hatte wieder Nebenkonsum. Ob es eine gute Idee war, das Heroinprogramm abzubrechen, wage ich deshalb heute nicht mehr zu sagen.» Er sei nur noch alleine zu Hause gewesen und fast in seinem Müll erstickt.

Etwas geändert hat sich, als er seine Freundin kennen lernte, die selber auch konsumierte. «Am Anfang haben alle gedacht, das gehe nicht gut mit zwei Süchtigen und wir würden uns nur gegenseitig runterziehen», sagt Markus. «Bei uns war es anders. Wir waren glücklich und die Sucht war plötzlich aus dem Kopf.» Nach einer 34-jährigen Drogenkarriere mit vielen Tiefpunkten kommt Markus heute mit einem Substitut durchs Leben. In die Abgabestelle der Psychiatrischen Dienste Aargau kommt er zusammen mit seiner Freundin. Beide haben seit vier Jahren keinen Nebenkonsum mehr. «Vier Jahre sind eine lange Zeit. Da darf man langsam stolz darauf sein», sagt Markus.

Die Kinder haben Thomas’ Sucht hautnah miterlebt

Die Liebe hat auch Thomas geholfen. Er hat seine Frau 1994 an einem Fest kennen gelernt. Sie seien angetan gewesen voneinander. Am Anfang erzählte er ihr nicht von seiner Sucht. «Aber natürlich hat sie es gemerkt.» Sie hielt aber zu ihm und unterstütze ihn, wo sie konnte. «Ich weiss nicht, wie es geendet hätte ohne sie. Vielleicht hätte ich mich irgendwann umgebracht. Das ging mir schon durch den Kopf», sagt Thomas. Er habe seine Frau immer wieder gefragt, warum sie bei ihm blieb. «Sie sagte, ich hätte einen guten Charakter und sei ein sehr guter Mensch. Ich sei einfach süchtig. Aber damit könne sie umgehen.» Heute sind die zwei getrennt, haben aber immer noch Kontakt.

Ein Jahr vor der Lettenschliessung wurde Thomas das erste Mal Vater, 1997 kam das zweite Kind zur Welt. «Die Kinder haben meine Sucht hautnah miterlebt. Auch wenn meine Frau natürlich geschaut hat, dass sie es nicht unbedingt sehen», sagt Thomas. «Aber es gab Zeiten, in denen es mich einfach weggeputzt hat. Da kannst du nicht da sein für die Kinder – selbst wenn du willst.»

Im Heroinprogramm war Thomas damals noch nicht. Er besorgte sich die Drogen weiterhin auf der Gasse. 2001 erlitt er aufgrund einer Überdosis einen Schlaganfall. Er war rechtsseitig gelähmt und in ärztlicher Behandlung. Heute ist die Lähmung weg, nur das Gedächtnis habe etwas gelitten, erzählt Thomas. Sein Hausarzt hat nach dem Schlaganfall das Heroinprogramm für ihn aufgegleist. «Dann wurde es besser und auch die Kinder haben mich ab diesem Zeitpunkt quasi nüchtern erlebt», sagt er und schiebt nach: «Damit meine ich: nicht zugedröhnt.»

Das Heroinprogramm ermöglichte ihm einen geregelten Tagesablauf, weil er sich nicht mehr dauernd Gedanken machen musste, wo er den nächsten Schuss auftreibt. «Und meine Kinder mussten ihre Mutter nicht mehr mitten in der Nacht fragen, wo ich sei.»

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