Pro Infirmis Aargau

«Übergriffe auf Menschen mit Behinderung haben massiv zugenommen»

John Steggerda kritisiert: «Eine unabhängige Lebensgestaltung und selbstständiges Wohnen sind vielen Menschen mit Behinderung verwehrt.»

John Steggerda kritisiert: «Eine unabhängige Lebensgestaltung und selbstständiges Wohnen sind vielen Menschen mit Behinderung verwehrt.»

Noch immer sei ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung auch im Aargau nicht die Regel, moniert John Steggerda. Er leitet die Pro Infirmis Aargau, die es seit 80 Jahren gibt, und fordert: «Wir brauchen neue Wohnformen.»

Im Sinne der UNO-Behindertenkonven-tion setzt sich Pro Infirmis für die selbstbestimmte und barrierefreie Teilnahme von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Die Schweiz hat 2014 die entsprechende Konvention ratifiziert. Bereits seit 2004 gilt in der Schweiz das Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderung.

Gestern feierte Pro Infirmis Aargau den 80. Geburtstag. Geschäftsleiter John Steggerda erklärt im Interview, was er von der integrativen Schule hält, wie es mit der Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes steht und warum die Pro Infirmis keinen SVP-Nationalratskandidaten zur Wahl empfiehlt.

Herr Steggerda, als die Pro Infirmis Aargau vor 80 Jahren gegründet wurde, hiess die Institution noch «Schweizerische Vereinigung für Anormale». Inzwischen hat sich die Terminologie drastisch verändert; geblieben aber ist eine gewisse Verunsicherung: Wie bezeichnet denn heute Pro Infirmis ihre Klienten?

John Steggerda: Der Umgang mit der Sprache sagt immer auch etwas über die Gesellschaft aus. Begriffe wir «anormal», «geistesschwach» oder «krüppelhaft», die vor 50 Jahren noch gang und gäbe waren, sind heute zum Glück praktisch verschwunden. Wir sprechen auch nicht mehr von «Behinderten», sondern von Menschen mit einer Behinderung oder auch von Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Seit 2004 gilt das Gleichstellungsgesetz für Mensch mit Behinderung. Wie steht es mit der Umsetzung im Aargau?

Es mag seltsam tönen: Weil die Schweiz keinen Krieg erlebt hat und damit auch keine Kriegsversehrten zu versorgen hatte, war die Schweiz bis vor kurzem ein Land voller Hindernisse für Menschen mit Behinderung. Aber seit 2004 ist im öffentlichen Raum viel passiert, auch im Aargau. Zwar kann man sich noch nicht im ganzen Kanton hindernisfrei bewegen, aber wir sind auf gutem Weg. So können Rollstuhlfahrer zwar problemlos in Aarau in die WSB gelangen; das selbstständige Aussteigen jedoch ist an den meisten Stationen noch nicht möglich. Aber das Gesetz lässt ja noch Zeit bis 2023.

Was auf dem Plan oft hindernisfrei projektiert ist, kommt in der Realität ganz anders daher.

Also sind Sie zufrieden?

Ich stelle fest, dass oft das Bewusstsein und der Durchsetzungswille für das Gesetz fehlen. So hat man zum Beispiel in der Aarauer Altstadt vorbildlich flache Platten für Rollstühle und Rollatoren gelegt, damit die nicht über das Kopfsteinpflaster holpern müssen. Nun aber überstellen Ladenbesitzer und Beizer diese Pfade immer wieder mit ihren Auslagen, Kartenständern, Stühlen und Tischen, sodass es für die vorgesehenen Benutzer gar kein Durchkommen gibt.

Gibt es weitere Beispiele?

Noch krasser ist es beim Bauen: Was auf dem Plan oft hindernisfrei projektiert ist, kommt in der Realität ganz anders daher. Vielleicht ist es Nachlässigkeit, vielleicht Zufall. Wenn das Versäumnis überhaupt moniert wird, kommt es höchstens zu einer Busse. Gerade beim Bauen müsste man die guten Grundlagen noch konsequenter umsetzen.

Am Wochenende wählen wir. Pro Infirmis Aargau schlägt 25 Kandidierende für den Nationalrat vor. Darunter befindet sich kein einziges Mitglied der SVP. Ist das Zufall?

Tendenziell ist das kein Zufall. In der Regel politisiert die SVP weg von den spezifischen Anliegen der Menschen mit Behinderung. Gesetzliche Regelungen, die es bei dieser Fragestellung braucht, sind für die SVP in der Regel ein «No go». Politische Arbeit für Behinderte ist glücklicherweise keine parteipolitische Angelegenheit. Aber leider engagieren sich immer noch vorwiegend im linken Lager angesiedelte Politikerinnen und Politiker – von einigen guten Ausnahmen einmal abgesehen.

«In der Regel politisiert die SVP weit weg von den spezifischen Anliegen der Menschen mit Behinderung.»

Immerhin hat die SVP die Diskussion um die «Scheininvaliden» entfacht.

Das ist richtig. Sie hat so ein Tabu gebrochen und Menschen mit Behinderung ins Rampen- und zum Teil halt eben auch ins Zwielicht gerückt. In den letzten Jahren haben Übergriffe auf Menschen mit Behinderung massiv zugenommen. Sie werden bedroht, angepöbelt, beraubt, bestohlen. Das war vor einigen Jahren noch die grosse Ausnahme.

Stichwort integrative Schule. Die Kritik kommt vor allem von rechts, aber auch aus der Schule selbst. Kann das funktionieren?

Es gibt immer Gründe, warum das integrativer Schulmodell nicht recht klappen will: Der Wille ist zwar da, aber die Lehrpersonen wollen nicht – oder können nicht; die Klassengrösse lässt es nicht zu, die räumlichen Bedingungen stimmen nicht; die Herausforderungen sind tatsächlich gross und vielfältig. Aber es lohnt sich. Eine Untersuchung in Basel hat gezeigt, dass der Wissensstand der Normalbegabten sich in Klassen mit integrativem Unterricht nicht von dem unterscheidet, den Schüler in einer herkömmlichen Klasse aufweisen.

Wo unterscheidet sich der integrative vom herkömmlichen Unterricht?

Hingegen verfügen die Schülerinnen und Schüler mit integrativem Unterricht über eine deutlich höhere Sozialkompetenz. Sie müssen sich mit ungewohnten Fragen auseinandersetzen, sie müssen ihren Alltag mit Menschen teilen, die sich ganz anderen Herausforderungen stellen. Unsere Gesellschaft kann sich nur verändern, wenn solche Auseinandersetzungen, Begegnungen und Erlebnisse stattfinden. Sie werden von den Beteiligten als Bereicherung und nicht als Bedrohung, Störung oder blosser Kostenfaktor angesehen.

Was erstaunlich ist: Über ein Drittel aller Ratsuchenden bei Pro Infirmis sind Menschen mit einer psychischen Behinderung. Sind die Depressionen auf dem Vormarsch?

Das kann ich nicht beurteilen. Dazu fehlen mir genaue Zahlen. Tatsache ist, dass 36 Prozent unserer Klienten wegen einer psychischen Beeinträchtigung Pro Infirmis aufsuchen. Auch hier berät, begleitet und unterstützt Pro Infirmis mit dem Ziel, den Betroffenen eine selbstbestimmte autonome Lebensgestaltung zu ermöglichen.

Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, ihre Wohnform, Arbeit und Ausbildung selber bestimmen zu können.

Apropos selbstbestimmtes Leben – die UNO-Behindertenrechtskonvention, die 2014 von der Schweiz ratifiziert worden ist, definiert das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Wie sieht das konkret im Aargau aus?

Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, ihre Wohnform, Arbeit und Ausbildung selber bestimmen zu können. Leider sind wir in der Schweiz noch weit von diesem Zustand entfernt. Wer eine IV-Rente bezieht und selbstständig wohnen möchte, kann ohne weiteres sein Leben in einer Institution verbringen. Selbstständiges Wohnen und eine unabhängige Lebensgestaltung ist aber vorderhand mit so vielen Hindernissen versehen, dass diese Form vielen verwehrt bleibt. Wer einmal in einer Institution lebt, bleibt in der Regel sein Leben lang dort – egal, ob es für die Betroffenen angezeigt ist oder nicht.

Gibt es auf dem freien Arbeitsmarkt Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung?

Im Aargau gibt es erfreulich viele KMU, die einiges leisten für Menschen mit Behinderung, indem sie ihnen adäquate Arbeitsplätze anbieten. Oft ist das so selbstverständlich, dass die Unternehmen das gar nicht an die grosse Glocke hängen. Und genau das müsste es sein: Eine Selbstverständlichkeit, dass auch Menschen mit Behinderung in der richtigen Arbeitswelt ihren Platz finden – und nicht einfach jahrelang in einer geschützten Werkstätte beschäftigt werden. Leider gibt es noch viel zu wenige dieser Betriebe.

In der Schweiz leben über eine Million Menschen mit Behinderung. Diese Menschen haben das Recht, auf Augenhöhe ernst genommen zu werden.

Was muss denn Ihrer Meinung nach geschehen?

Ich glaube, die Behindertenpolitik muss sich grundsätzlich verändern. Wir brauchen künftig neue Wohnformen, ambulante und stationäre Möglichkeiten. Wir brauchen eine Dezentralisation, dafür keine Zentren mehr, wo 200 Menschen mit Behinderung wohnen und arbeiten. Der inklusiven Gesellschaft gehört aus meiner Sicht die Zukunft. Es soll keine Etikettierung mehr geben, sondern unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die in einer Gesamtgesellschaft leben. 

Wenn man Geburtstag hat, darf man sich etwas wünschen: Welches sind Ihre Wünsche an die Politik, an die Gesellschaft, an die Menschen mit Behinderung?

Den Menschen mit Behinderung wünsche ich, dass sich möglichst viele von ihnen getrauen, selbstbewusst für ihre Bedürfnisse einzustehen. Von der Politik wünsche ich mir, dass die Politikerinnen und Politiker den Gedanken der Inklu-
sion ernst nehmen, dass sie die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit Menschen mit Behinderung näher zu ihrem Grundrecht der Wahlfreiheit gelangen. Und uns allen wünsche ich, dass wir den Mut haben, anderen Menschen zu begegnen, dass wir neugierig sind auf alle, die anders sind. In der Schweiz leben über eine Million Menschen mit Behinderung. Diese Menschen haben das Recht, auf Augenhöhe ernst genommen zu werden.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1