Wahlen 2019

Überflieger, Hochburgen und Politikverdrossene: Elf Auffälligkeiten der Aargauer Wahlen

Wo die Stimmberechtigten am grünsten wählten, wer am politikverdrossensten ist und warum noch weitere Frauen nach Bern ziehen könnten. Wir haben die Aargauer Wahlergebnisse im Detail betrachtet – elf Auffälligkeiten im Überblick.

Der SVP-Überflieger

Erreichten das beste Wahlergebnis: die gewählten SVP-Nationalräte Benjamin Giezendanner (links) und Hansjörg Knecht

   

Er startete vom Listenplatz 11 und schaffte den Sprung nach Bern mit einem Glanzergebnis: Benjamin Giezendanner, Sohn des abtretenden SVP-Nationalrats Ulrich Giezendanner, erreichte mit 68'024 Stimmen hinter Hansjörg Knecht das zweitbeste Ergebnis bei der SVP und holte mehr Stimmen als die bisherigen Nationalräte Andreas Glarner (64'053) und Thomas Burgherr (63'155). Der junge Giezendanner war schon früher ein Überflieger: Mit 18 Jahren wurde er 2001 in den Grossen Rat gewählt – und darf sich bis heute mit dem Titel jüngster Grossrat aller Zeiten schmücken. 

Die grünste Gemeinde im Aargau

Mellikon scherte nicht nur bei der Abstimmung zur Zurzibieter Grossfusion Rheintal+ aus. Die 220-Seelengemeinde im Zurzibiet überraschte auch bei den gestrigen Wahlen: Als einzige Aargauer Gemeinde sind dort nun die Grünen mit 24,4 Prozent die stärkste Partei. Das Ergebnis verwundert auch, weil kleinere, ländliche Gemeinden im Aargau eher konservativ und rechts wählen. 

Fullscreen-Modus

Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Die sozialdemokratischste Gemeinde im Aargau

Weniger überraschend ist das Ergebnis aus Ennetbaden: Die Gemeinde am rechten Ufer der Limmat wählt erfahrungsgemäss links. Auch gestern: Die Stimmberechtigten gaben der SP mit 5723 mehr als doppelt so viele Stimmen wie der SVP (2394 Stimmen). In keiner anderen Aargauer Gemeinde erhielt die SP so viel Zuspruch. Mit 29,1 Prozent sind die Sozialdemokraten dort die stärkste Partei.

SVP kann nur in neun Gemeinden zulegen

6,5 Prozent büsste die Aargauer SVP bei den gestrigen Nationalratswahlen ein. In fast allen Aargauer Gemeinden verlor die Sünnelipartei an Stärke. Nur in neun Gemeinden konnte die SVP gegenüber den letzten Wahlen noch Boden gutmachen. In Zeihen konnte die Partei gar um 7,1 Prozent zulegen. 

Bitte wählen Sie jeweils nur eine Partei aus!Fullscreen-Modus

Grafik: Dominic Kobelt. Daten: OpenData-PortalFullscreen-Modus

Die Aargauer SVP-Hochburg

In Schwaderloch surfen die Rechtsbürgerlichen weiter auf einer Erfolgswelle. Hier ist die SVP mit 59,8 Prozent mit Abstand die stärkste Partei. Fast zwei Drittel der Stimmberechtigten gaben der Volkspartei ihre Stimme. Auch im Nachbardorf Leibstadt, wo SVP-Ständeratskandidat Hansjörg Knecht wohnt,  wurde fleissig die SVP-Liste eingeworfen. Dort kommt die Partei auf 59,2 Prozent. 

Grosse Unterschiede bei Wahlbeteiligung

44,7 Prozent der Aargauer Stimmberechtigten fühlten sich gestern an die Urne berufen. In urbaneren Bezirken wie Aarau (Wahlbeteiligung 50,2 Prozent) und Baden (47,4 Prozent) war die Beteiligung höher als in ländlichen Bezirken (Kulm 41,7 Prozent, Rheinfelden 39,9 Prozent). Doch auch innerhalb der Bezirke variiert die Beteiligung stark. Am wahlfreudigsten waren die Ennetbadener mit einer Beteiligung von 65,6 Prozent. Am politikverdrossensten zeigten sich die Spreitenbacher Stimmbürger. Dort ging mit knapp 26 Prozent nur rund jeder vierte Stimmberechtigte wählen.

So viele Frauen wie noch nie – und weitere warten in den Startlöchern

Mit Gabriela Suter (SP), Marianne Binder (CVP), Martina Bircher (SVP) und Lilian Studer (EVP) wurden gleich vier Aargauerinnen neu ins Parlament gewählt. Und es könnten noch mehr werden: 

  • Bei der SVP: Schafft es Hansjörg Knecht in den Ständerat und/oder Jean-Pierre Gallati in den Regierungsrat, werden bei der SVP gleich zwei Nationalratssitze frei. Nachrücken würde Stefanie Heimgartner aus Baden, die mit 55'361 Stimmen das siebtbeste Ergebnis erzielte, dicht gefolgt von Alois Huber mit 55'255 Stimmen.
  • Bei der SP: Kann Regierungsratskandidatin Yvonne Feri im zweiten Wahlgang mehr Stimmen als Jean-Pierre Gallati (SVP) auf sich vereinen und/oder schafft es Ständeratskandidat Cédric Wermuth im November ins Stöckli, würde im Nationalrat Simona Brizzi für sie nachrutschen. Brizzi aus Ennetbaden erzielte auf dem vierten Listenplatz mit 28'652 Stimmen das viertbeste Ergebnis. 
  • Bei der FDP: Wird Thierry Burkart im zweiten Wahlgang in den Ständerat gewählt, kommt Maja Riniker zum Handkuss: Die Suhrerin holte als Drittplatzierte auf der FDP-Liste knapp hinter Matthias Jauslin die drittmeisten Stimmen und würde Burkarts Nationalratssitz erben.

Ständeratswahlen: Wermuth sticht Burkart aus

In sieben Bezirken holte FDP-Ständeratskandidat Thierry Burkart die meisten Stimmen, darunter auch die städtisch geprägten Bezirke Aarau und Baden. Allerdings – und das dürfte den Freisinnigen schmerzen – in «seiner» Stadt Baden obsiegte ein anderer: SP-Ständeratskandidat Cédric Wermuth holte mit 2744 rund 217 Stimmen mehr als Burkart (2527). 

Wermuth lebte selbst lange in Baden, bis er vor vier Jahren nach Zofingen zog. 

Überraschungskandidatin bei den Ständeratswahlen

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Ruth Müri

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri kandidiert für den Aargauer Ständerat.

Ob sie von der grünen Erfolgswelle profitierte oder mangels weiblicher, linker Alternativen Stimmen erhielt: Ruth Müri (Grünen) sorgte gestern für eine Überraschung, als sie mit 40'560 Stimmen selbst Marianne Binder-Keller von der CVP überflügelte. Binder-Keller waren aufgrund eines höheren Bekanntheitsgrades und eines offensiveren Wahlkampfs deutlich bessere Chancen zugerechnet worden. 

Müri, in Bern nahezu unbekannt, blickt auf eine über 25 jährige Karriere als Lokalpolitikerin zurück. Erst als Einwohnerrätin von Baden, seit 2013 ist sie Stadträtin und seit 2017 vertritt Müri die Grünen im Grossen Rat.

Regierungsrat-Ersatzwahl: Feri abgeschlagen

Den freien Sitz von Franziska Roth konnte sich gestern keiner der Kandidaten sichern. Jean-Pierre Gallati (SVP) hat mit insgesamt 63'830 Stimmen aber klar die Nase vorn. Die zweitplatzierte Yvonne Feri (SP, 44'765 Stimmen) holt in keinem Aargauer Bezirk mehr Stimmen als Gallati. Nur in 19 Aargauer Gemeinden namentlich Aarau, Suhr, Baden, Ennetbaden, Obersiggenthal, Turgi, Wettingen, Brugg, Windisch, Gipf-Oberfrick, Lenzburg, Niederlenz, Kaiseraugst, Kaiserstuhl, Obermumpf, Rheinfelden, Zofingen, Biberstein und Mellikon hat Feri die Nase vorn. Und auch hier zum Teil äusserst knapp.

Besonders überraschend: Erfahrungsgemäss dürfen Politiker in ihrer Wohngemeinde auf eine breite Unterstützung zählen. Yvonne Feri (SP) holte mit 1814 Stimmen allerdings nur rund 150 Stimmen mehr als Konkurrent Gallati (SVP).

Nicht einmal 1000 Stimmen für Nancy Holten

Auf Unterstützung in ihrer Wohngemeinde durfte auch Nancy Holten nicht zählen. Die umstrittene Kuhglocken-Gegnerin kandidierte für die Piratenpartei auf dem Listenplatz 2. Auf den Stimmzetteln der Gipf-Oberfricker wurde Holten allerdings lediglich 13 mal vermerkt. Insgesamt holte sie 927 Stimmen, das viertschlechteste Ergebnis der Piraten.

Plakate von Nancy Holten landen in Brunnen und Gebüschen

Plakate von Nancy Holten landen in Brunnen und Gebüschen (13. September)

Mit der Piratenpartei möchte Nancy Holten in den Nationalrat. Nun wurden ihre Wahlplakate in ihrer Wohngemeinde Gipf-Oberfrick sowie in der Nachbargemeinde Frick von Unbekannten wiederholt abgehängt und zerstört.

Meistgesehen

Artboard 1