Das Schuljahr ist zu Ende, die Sommerferien haben begonnen. In wenigen Wochen starten weit über 4000 junge Leute im Aargau in ihre Berufslehre.

Doch die Statistik des kantonalen Lehrstellennachweises zeigt: Über 700 Lehrstellen sind noch nicht besetzt (Stand 18. Juni).

Am meisten Nachwuchs fehlt der Informatikbranche: 63 Lehrstellen sind noch offen, das sind 40 Prozent. Für Hakan Erci, Vorstandsmitglied des Branchenverbands ICT-Berufsbildung Aargau, ist dieser Mangel «nichts Neues». Er sagt: «Seit ein paar Jahren bereitet uns die Suche nach Lernenden immer mehr Kopfzerbrechen.»

Den Hauptgrund sieht er in der «Qualität der Schulabgänger»: Oft stimmten zwar die Schulnoten, doch sei wenig Arbeitswille und Eigeninitiative vorhanden.

«Wir haben viele Kleinbetriebe. Die nehmen lieber keinen Lernenden als einen Faulen», sagt Erci. Hinzu komme, dass man bei den Lehrern kaum mehr eine Lobby habe.

«Seklehrer sagen ihren Schülern, ihr müsst euch gar nicht bewerben, ihr habt sowieso keine Chance. Und Bez-Lehrer schicken ihre Schüler an die Kantons- oder Mittelschulen.» Erci hofft nun auf den Juli und den August: Dann werden erfahrungsgemäss noch zahlreiche Lehrverträge abgeschlossen.

Das Image schreckt ab

Am zweitmeisten Lernende fehlen in der Gebäudetechnik. Hier sind es 84 offene Ausbildungsplätze (32 Prozent). Laut Renate Kaufmann, Geschäftsleiterin des Branchenverbands Suissetec Aargau, seien die Zahlen beim Heizungsinstallateur auf Vorjahresniveau, beim Spengler leicht darunter.

«Einen grossen Einbruch haben wir aber beim Sanitär», sagt Kaufmann. Warum, sei schwierig zu sagen. «Der Beruf ist wohl zu wenig attraktiv und zu wenig bekannt.»

Man habe feststellen müssen, dass viele Jugendliche gar nicht mehr wüssten, was ein Sanitär überhaupt mache, denn: «Das Wasser kommt ja einfach zum Hahnen heraus.» Der nationale Verband Suissetec unternehme «grosse Anstrengungen», um junge Leute wieder für Beruf zu begeistern.

Auch die Suissetec-Lehrbetriebe stellen gewisse Anforderungen an Lernende. Falls jemand nicht oder nur unter Vorbehalt für eine Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis geeignet sei, bestehe auch die Möglichkeit, stattdessen eine Ausbildung mit Attest abzuschliessen. «Wir appellieren an unsere Lehrmeister, dass dies gut geprüft wird, denn zuletzt hatten wir deswegen leider viele Lehrabbrüche und Vertragsumwandlungen.»

An dritter Stelle bei der Anzahl noch offener Ausbildungsplätze steht mit 124 (30 Prozent) die Baubranche. Pascal Johner, Geschäftsführer des Aargauer Baumeisterverbands, prognostiziert, dass die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge in etwa gleich hoch sein wird wie im Jahr 2014.

«Dies aber nur dank grossem Aufwand», betont Johner. Auch er sieht das Handicap im Image der angebotenen Berufe: «Wir müssen oft bei den Lehrern und Eltern Türen öffnen.» Im Bau müsse man natürlich anpacken können – aber nicht nur. Und auch er hofft auf Juli und August: «Das waren immer starke Monate.» Gemäss Gesetz können Lernende bis drei Monate nach Berufsschulstart einsteigen.