Suhr
Über den Zaun hinaus — Auf der Suche nach der Namensgebung des Stapfenackerwegs

Weshalb heisst der Stapfenackerweg eben Stapfenackerweg? Die Antwort auf diese Frage geht über einen Trampelpfad und einen Birnbaum.

Philippe Hofmann
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Der Name des Stapfenackerwegs in Suhr bietet auf den ersten Blick viele Interpretationen.

Der Name des Stapfenackerwegs in Suhr bietet auf den ersten Blick viele Interpretationen.

Colin Frei

Nördlich der Strasse von Suhr nach Oberentfelden liegt ein Einfamilienhausquartier, das durch den Stapfenackerweg vom Kulturland abgegrenzt wird. Innerhalb dieses Quartiers verlaufen Strassen mit Namen, die eng mit der Bewirtschaftung des Kulturlands verbunden sind.

Raps-, Gersten-, Hafer- und Garbenweg nehmen Bezug auf die unterschiedliche Frucht im Ackerbau, Heu- und Emdweg erinnern an den ersten und zweiten Schnitt des Mattlands und der Mausweg setzt dem Nager zwar ein Denkmal, obwohl die Bauern an ihm wohl keine Freude haben, wenn sie ihre Felder bestellen.

Der Distelweg steht in Bezug zu den beiden Flurnamen Vorderi und Hinteri Distelmatte. Dazwischen liegt der Stapfenacher, nach dessen Namen Victor Rüetschi aus Suhr fragt. Die Frage nach der Bedeutung des Wortteils Stapfen ist berechtigt.

Wurde der Acker mit schweren Füssen getreten?

Stapfen ist ein Wort, das heute nicht mehr so einfach verstanden wird, weil es in der Mundart keine Verwendung mehr findet. Wenigstens nicht in der Verwendung der hier gemeinten Bedeutung.

Stapfen wird heute mitunter in der Aargauer Mundart im Sinne einer Gangart verstanden, bei der die Füsse schwer auf den Boden aufgesetzt werden. Wurde der Stapfenacher also bei der Bestellung oder der Ernte stets mit schweren Füssen getreten?

Dass auch in früheren Formen der Ackerbewirtschaftung, als es noch keine Mechanisierung gab, bei der Aussaat auf den Boden «gesta(m)pft» wurde, erscheint wenig sinnvoll. Auch bei der Ernte scheint es nicht sinnvoll, einen Trampelpfad anlegen zu wollen. Das vielfältige Bedeutungsspektrum des Schweizerdeutschen Worts Stapfe offenbart mehrere Deutungsansätze.

Alte Birnensorte aus dem Kanton Bern als Namensgeber?

Bei Prospecierara belegt ist ein Stapfel- oder ein Staffelbirnbaum. Gemeint ist die Berner Dornbirne, eine alte Sorte aus dem Kanton Bern, die im September geerntet wird und sowohl zum Mosten, Kochen, Dörren oder auch als Tafelfrucht genutzt wird. Dass ein markanter freistehender Birnbaum namengebend war, ist nicht grundsätzlich auszuschliessen.

Historische Belege dafür finden sich beispielsweise im Baselbiet in den Gemeinde Arisdorf, Liestal und Lampenberg. Weil aber der Ausdruck Stapfel- beziehungsweise Staffelbirnbaum gemäss Schweizerischem Idiotikon in der Aargauer Mundart nicht belegt ist, ist dieser Ansatz trotzdem abzulehnen.

Schweizerdeutsch Stapfe ist auch in der Bedeutung kleine Stiege, Leiter, steiler Fussweg oder bockleiterähnliche Überbrückung eines Zaunes zu verstehen. Namengebend gewesen wäre demnach ein Übergang bei einem Zaun oder Lebhag, der in irgendeiner Form den Acker von der übrigen Landschaft abgetrennt hat. Möglicherweise sonderte dieser Zaun einen Einschlag innerhalb der Zelge aus.

Das heisst, dass beispielsweise ein Stück Mattland oder ein besonders ertragsreiches Landstück mit einem Zaun umgeben wurde. Um in diesen Einschlag gelangen zu können, benötigte man den besagten Überstieg, den man Stapfe oder Staffel nannte. Der Name Stapfenacher bedeutet soviel wie «der Acker beim Zaunüberstieg».

«Helge» meint ein Heiligenbild

Im Aargau gibt es einen Stapfenacher ebenso in Wohlen sowie die Stapfenächer in Rupperswil und Lengnau. Und eine Fuchsstapfete in Gontenschwil. Leider wird dieser Ansatz nicht durch historische Belege oder Karten gestützt, weil sie schlicht fehlen.

Vielleicht liegt ein möglicher Ansatz, der diesen Zaun erklärt, im angrenzenden Helgenfeld. Das schweizerdeutsche Wort Helge ist verkürzt aus «Heilige» und meint ein Heiligenbild, also ein Standbild, das die Abbildung eines Heiligen zeigt und gut sichtbar an einem Weg auf einer hölzernen oder steinernen Vorrichtung aufgestellt wurde. Das erklärt den Zaun aber nicht.

Helge meinte in seiner Bedeutung aber auch Grundstücke, die sich in Kirchenbesitz befinden.
Wird der Name Helgenfeld gedeutet als «Kulturland im Besitz einer Kirche, eines Klosters», so erscheint ein Zaun, der den Stapfenacher vom Helgenfeld trennte, durchaus nachvollziehbar. Denn auch hier musste geregelt sein, wo der trennende Zaun zu überschreiten war. Wo dies aber gewesen sein könnte, ist längst vergessen.

Serie: Früsch vo de Läber(t)e

Unbekannte Flurnamen: Wüestmatt

Die beiden Autoren schreiben in loser Folge über Flurnamen aus allen Regionen des Aargaus: Was sie bedeuten, woher sie kommen. Beatrice Hofmann arbeitet seit Jahren im Namenforschungsprojekt des Kantons Solothurn, Philippe Hofmann hat sich bis 2017 mit den Flurnamen von Basel-Landschaft beschäftigt. Aktuell forschen sie zu Aargauer Flurnamen.