Nach Putschversuch
Türken im Aargau: Warum sich weder Fans noch Kritiker zu Präsident Erdogan äussern

Im Aargau leben geschätzt 20 000 Türkischstämmige. Der Putschversuch in ihrer Heimat vor drei Wochen hat sie aufgewühlt. In der Öffentlichkeit dazu äussern will sich aber niemand: Die Kritiker von Präsident Erdogan aus Angst – seine sonst so lautstarken Fans aus Trotz.

Mario Fuchs
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Der bisher grösste Anlass der Union Europäisch-Türkischer Demokraten: 2015 kam der damalige türkische Premier Ahmet Davutoglu ins Trafo Baden. 2500 Türken jubelten, 150 demonstrierten.

Der bisher grösste Anlass der Union Europäisch-Türkischer Demokraten: 2015 kam der damalige türkische Premier Ahmet Davutoglu ins Trafo Baden. 2500 Türken jubelten, 150 demonstrierten.

Keystone

Vier Buchstaben: UETD. Schon lange hat kein Aargauer Verein mehr so viel nationale Aufmerksamkeit erhalten. Seit der Aargauer Spitzenfussball in der Challenge League stattfindet und die Handballer ihren Sekundenstreit beigelegt haben, macht vor allem der Verein mit den vier Buchstaben landesweit Schlagzeilen. UETD bedeutet: Union of European Turkish Democrats – Union der Europäisch-Türkischen Demokraten. Sitz gemäss Handelsregister: Fegistrasse 14, 8957 Spreitenbach. Zweck: «Im Sinne des Gedankens der internationalen Völkerverständigung die Toleranz zwischen den gesellschaftlichen Gruppen fördern». Und insbesondere: die schweizerisch-türkischen Beziehungen, sozial, kulturell, wissenschaftlich. Ehrenwerte Anliegen, die ein bisschen tönen wie eine Mischung aus Müslüm und Unesco.

Kebab essen mit dem Premier

Bloss: Die ehrenwerten Anliegen sind es nicht, die die UETD in den letzten Tagen in alle Deutschschweizer Zeitungen, in den «Beobachter» und gleich in zwei «10 vor 10»-Beiträge gebracht haben. Es ist zum einen sein tatsächlicher Zweck: Die Mitglieder lobbyieren in Europa für den türkischen Präsidenten Erdogan und seine Partei AKP. Und es ist ihr Präsident – ein Mann namens Murat Sahin, einst wohnhaft in Aarburg, aktuell wohl in Olten, Betreiber eines Halal-Schlachthofs für Dönerfleisch in Buckten BL.

Warum türkische Kulturvereine zum Putsch schweigen

Rund 20 000 Türkischstämmige, ob mit oder ohne Schweizer Pass, dürften aktuell im Aargau leben. Dies geht aus Angaben des Bundesamtes für Migration hervor: 10 000 Türkinnen und Türken mit einer Aufenthaltsbewilligung weist die Statistik der «ständigen ausländischen Wohnbevölkerung» aus. Hinzu kommen geschätzte 8400 Türken, die seit 1974 eingebürgert wurden. Die meisten sind Muslime – und viele aktiv in einem türkischen Kulturverein. Sie übernehmen Integrationsaufgaben und betreiben Moscheen, oft mit vom türkischen Staat bezahlten Imamen (wir berichteten). Zum Thema «Putschversuche» sagen sie nichts. Denn Religion und Staat würden streng getrennt, wie Abdulmalik Allawala, Sprecher des Verbands Aargauer Muslime, erklärt.

Religiösen Betreuungspersonen sei es verboten, sich «über Parteien, Politiker oder zu einzelnen politischen Sachthemen» zu äussern. Allawala: «Natürlich interessieren sich alle Türken für das, was in ihrer Heimat passiert. Aber Imame dürfen keine politischen Aussagen machen.»

Am Abend des 16. Juli hielt Sahin eine Rede. Nur einen Tag nach dem gescheiterten Versuch von türkischen Militärs, den Staatspräsidenten Erdogan aus dem Amt zu drängen, versammelten sich Hunderte Erdogan-Anhänger zu einer Demo vor dem türkischen Konsulat in Zürich. Es war ein sommerlicher Samstag. Neben Generalkonsulin Asli Oral stand Murat Sahin, schicker Anzug, sitzender Scheitel, und überbrachte Grüsse von Ministerpräsident Binali Yildirim. Mit dem Chef der Regierungspartei AKP ist Sahin befreundet, 2015 habe man die beiden Kebab essend im Aarburger Grill- und Steakhouse Hünkar Ocakbasi gesehen, wie die «Sonntagszeitung» weiss. Nach dem Grusswort sagte Sahin das, was als Handyvideo veröffentlicht, Stein des Anstosses wurde: «Ihr Terroristen von Fethullah Gülen: Euer Ende ist gekommen. Nun gibt es kein Loch mehr, in dem ihr euch verstecken könnt.»

Es war ein Satz, der nicht allzu viel Interpretationsspielraum liess. Parlamentarier, Staatsrechtler und Erdogan-Gegner waren derart beunruhigt, dass SVP-Nationalrat Rino Büchel die Verantwortlichen «aufs Aussenministerium zitiert» sehen wollte. Generalkonsulin Oral erklärte im Schweizer Fernsehen, die Passage in Sahins Rede sei keine Drohung gewesen: «Es geht darum, zu sagen, dass es juristische Verfahren in der Türkei gibt.» Man wolle nur die Demokratie schützen.

Gülen-Anhänger schützen sich

Gleichzeitig verbreiteten UETD-Mitglieder online Mail-Adressen der türkischen Regierung, unter denen man Gülen-Unterstützer denunzieren soll. Entsprechend bedeckt halten sich im Aargau lebende «Gülenisten». Man kann sie kaum aufspüren und wenn, sagen sie nichts, nicht einmal anonym. Ihr Tenor: Wir schützen uns, so gut wir noch können, und versuchen, den Konflikt aus der Türkei nicht in die Schweiz zu importieren.

Auch Sahin schweigt. Anfragen wie jene der az lässt er unbeantwortet. Aus Trotz. Dem SRF teilte er mit, Schweizer Medien gebe er keine Auskunft, die würden «sowieso berichten, was sie wollen». Auch die UETD-Zentrale reagiert nicht. Wie der «Landbote» schreibt, wurde die Geschäftsstelle erst vor vier Monaten von Winterthur in den Aargau verlegt, ein ehemaliges Vorstandsmitglied schätzte die Schweizer Mitgliederzahl auf 3000.

Polizei «besonders wachsam»

Die Demo in Zürich ist nicht die erste, an der die UETD lautstark für ihren «Helden» einsteht. Im Januar 2015 kam der damalige türkische Premier Davutoglu nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos auf UETD-Einladung ins Trafo Baden. Geschätzte 2500 Personen jubelten ihm zu, am Eingang wurden allen türkische Flaggen verteilt. Die Polizei sperrte Strassen und hinderte eine Gegendemo, vom Bahnhof zum Kongresszentrum zu marschieren. Stadtbusse hatten bis zu anderthalb Stunden Verspätung. Das Polizeiaufgebot war «vergleichbar mit einem Super-League-Fussballspiel» und Lokalpolitiker störten sich daran, dass Steuerzahler die Kosten der «bewilligten politischen Veranstaltung» übernehmen mussten.

Ob Sahin und die UETD jetzt auf dem Radar der Strafverfolger sind, kann die Kantonspolizei nicht kommentieren. Sprecher Roland Pfister sagt aber, politische Ereignisse im In- und Ausland, so etwa der Putschversuch in der Türkei, würden aufmerksam beobachtet, um zu beurteilen, ob sie Einfluss bis in den Aargau haben. «Dabei sind wir besonders wachsam, wenn grössere öffentliche Veranstaltungen oder Kundgebungen auf Kantonsgebiet stattfinden oder geplant sind», sagt Pfister. Man arbeite dafür eng mit dem Bundesnachrichtendienst zusammen.

Kürzlich antwortete Volkan Karagöz, türkischer Botschafter ad interim, in der «Tagesschau» auf die Frage, ob man in der Schweiz gegen Gülen-Anhänger vorgehe: «So weit sind wir nicht. Aber wenn es eine offizielle Anfrage aus der Türkei geben sollte für eine Auslieferung, werden wir sie an die Schweizer Behörden weitergeben.» Erdogan und mit ihm der Verein mit den vier Buchstaben aus Spreitenbach dürften nicht mehr so schnell aus den Zeitungsspalten verschwinden.

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