Aargauer Dschihadist

Türkei: Mordprozess gegen Çendrim R. erneut verschoben

Mit zwei weiteren Angeklagten hätte der Brugger Terrorist ab Montag in Anatolien vor Gericht stehen sollen. Grund für die Verschiebung sind offiziell Sicherheitsbedenken: Die Polizei befürchtet Anschläge von Islamisten.

Im März 2014 gerieten der Berliner Benjamin Xu, der Schweizer Çendrim R. und der Mazedonier Mohammed Zakiri in der Nähe der Stadt Nigde, 220 Kilometer südöstlich der türkischen Hauptstadt Ankara, in eine Strassenkontrolle der Polizei. Die drei Männer zögerten keine Sekunde und eröffneten das Feuer. Die zur Terror-Miliz «Islamischer Staat» (IS) gehörenden Extremisten warfen eine Handgranate und erschossen einen Soldaten, einen Polizisten und einen unbeteiligten Lastwagenfahrer. Bei dem Feuergefecht wurden zehn Menschen verletzt, bevor das Terror-Trio überwältigt werden konnte.

Zumindest Çendrim R. zeigte keinerlei Reue. Wenn er einen türkischen Soldaten erschossen habe, dann habe er ja ein gutes Werk getan, sagte er. Die Polizisten, die ihn damals festnahmen, beschimpfte er als «Götzenanbeter». Die Türkei sei als Nato-Mitglied ein legitimes Ziel für Anschläge, fügte er hinzu.

Am Montag hätte im türkischen Nigde der Mordprozess gegen Cendrim R. beginnen sollen. Doch die Gerichtsverhandlung gegen den Dschihadisten aus Brugg und sein zwei Mitangeklagten ist erneut verschoben worden. Grund für die Verschiebung sind offiziell Sicherheitsbedenken: Die Polizei befürchtet Anschläge von Islamisten. Ein neues Datum für den Prozess ist nicht bekannt. Cendrim R., dem lebenslange Haft droht, bleibt vorerst im Hochsicherheitsgefängnis in Ankara.

Prozess kurzfristig verschoben

Das Verfahren könnte eine Gelegenheit bieten, mehr über die Wege zu erfahren, auf denen ausländische Kämpfer aus Europa nach Syrien und zurückgelangen. So soll der Berliner Xu zunächst bei einem als Wohlfahrtsorganisation getarnten Verein in Istanbul untergebracht worden sein, der als Station für Syrien- Kämpfer bekannt gewesen sei.

Kritiker bezweifeln jedoch, dass die türkischen Behörden die für das Land potenziell peinlichen Informationen über die Reisen der Terror-Touristen in aller Öffentlichkeit diskutieren lassen wollen. Merkwürdig scheint, dass der für Januar vorgesehene Prozess kurzfristig verschoben wurde. Anwalt Tugay Bek vermutet hinter dieser Entscheidung den Versuch der Behörden, blamable Enthüllungen zu vermeiden. Bek ist sicher, dass sich hinter dem Fall Nigde mehr verbirgt als nur ein Zwischenfall an einer Strassensperre.

Support vom Geheimdienst?

In der Anklageschrift taucht laut Presseberichten der Name Heysem Topalca auf, ein Syrer, der die drei IS-Mitglieder für ihre Rückkehr nach Europa in die Türkei geschleust haben soll. Topalca wurde auch im Zusammenhang mit dem schweren Bombenanschlag im türkischen Reyhanli genannt, bei dem vor zwei Jahren mehr als 50 Menschen starben.

Die türkische Regierung macht den syrischen Geheimdienst für die Gewalttat verantwortlich, doch die Opposition in Ankara vermutet, dass islamistische Extremisten das Verbrechen verübten. Topalca soll laut einigen Presseberichten Kontakte zum türkischen Geheimdienst MIT unterhalten. Anwalt Bek behauptet sogar, Topalca werde vom MIT als Agent eingesetzt. Diese Verbindungen könnten beim Prozess ans Tageslicht kommen, weshalb Regierung und Geheimdienst beunruhigt seien.

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