Sie haben über ihre Zukunft gesprochen. Aber nicht so. Sie haben Pläne geschmiedet. Eine Reise nach Andalusien. Touren mit dem Töff. Er und sie. Sie und er. Was sie machen, wenn einer von ihnen krank wird, das war nie ein Thema.

Zwei Jahre sind seit der Diagnose vergangen. Frontotemporale Demenz. Natürlich gab es Anzeichen. Walter Oggenfuss hat Dinge verlegt. Hat mit dem Töff plötzlich eine andere Route genommen. «Aber man findet viele Entschuldigungen», sagt seine Frau Trudi. «Denkt nicht, dass so eine Krankheit dahinter steckt.»

Am Anfang konnte er noch alleine zu Hause sein. Sie ging weiterhin arbeiten. Zwei Tage pro Woche. Im Landi-Laden in Gipf-Oberfrick. Dort, wo er 33 Jahre lang Geschäftsführer war. Im Dorf bekannt und geschätzt für seine «Gschaffigkeit». Einmal hat er alle Kartoffeln geschält, während sie weg war. Aber gravierende Sachen sind nie passiert.

Das Radio füllt die Stille

Doch die Krankheit nahm einen raschen Verlauf, veränderte ihren Mann Stück für Stück. «Es ging schnell retour», sagt Trudi Oggenfuss. Ihr Mann, unterdessen ist er 70 Jahre alt, wurde passiv, schweigsam, hörte mit der Zeit fast ganz auf zu sprechen.

Während des Gesprächs sitzt er mit uns am Tisch auf der Terrasse. In sich gekehrt. Sein Blick starr. Er sagt nichts. Döst irgendwann weg. Die Gespräche fehlen Trudi Oggenfuss am meisten. «Es kommt einfach keine Antwort mehr.» Im Mai ist sie mit ihm nach Laax gefahren. Freunde besuchen. Früher haben sie im Auto geschwatzt. Heute läuft das Radio.

Eigentlich merkte Trudi Oggenfuss schon bald, dass sie das nicht alleine schafft. Die Betreuung. Tag und Nacht. Obwohl sie auf ihre Söhne und Schwiegertöchter und viele Bekannte zählen kann. Es zehrte an ihr. An den Nerven. «Ich hatte das Gefühl, dass ich manchmal mit ihm schimpfe. Schneller als es eine fremde Person tun würde», sagt die 63-Jährige. Sie wurde unruhig. Ihr fehlte die Zeit für sich selber. Der Freiraum.

Am Anfang kam eine Betreuerin vom Entlastungsdienst Aargau-Solothurn vorbei. Stundenweise. «Das hat Überwindung gekostet. Eine fremde Person in unser Haus zu lassen. Auch ins Schlafzimmer», sagt Trudi Oggenfuss. Unterdessen schätzt sie die Unterstützung der Freiwilligen. Mit der Zeit ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Hilfe anzunehmen, sei wichtig, aber schwierig. Auch Trudi Oggenfuss brauchte am Anfang Druck. Betreuende Ärzte, die ihr sagten, sie solle dies oder jenes bis zum nächsten Termin organisieren. «Sonst macht man das nicht, hat das Gefühl, man schafft alles alleine.»

«Jetzt wäre ich doch dran»

Sie habe sich gar nie überlegt, Walti, wie sie ihn liebevoll nennt, nicht selber zu pflegen. Die Gefühle für ihren Mann seien die gleichen geblieben. «Wir hatten es all die Jahre immer gut miteinander. Er ist der Mann, den ich geheiratet habe, und ich bin seine Frau.» Auch wenn sie ihn pflege, ihm beim Duschen und Anziehen helfe, habe sie sich nie als seine Pflegerin, sondern immer als seine Ehefrau gefühlt.

Inzwischen reicht eine stundenweise Betreuung zu Hause nicht mehr. Die Betreuerin des Entlastungsdienstes erzählte Trudi Oggenfuss von der Tagesstätte für Betagte in Frick, die vom Aargauer Roten Kreuz und der Benz’schen Stiftung geführt wird. Sie ging auch mit Walter Oggenfuss vorbei. «Ich habe mich dagegen gesperrt, ihn dorthin zu schicken», sagt Trudi Oggenfuss. Das schlechte Gewissen plagte sie. Vor allem an Tagen, an denen sie nicht arbeitet: «Man denkt dann immer: ‹Jetzt wäre ich doch dran. Jetzt hätte ich doch mit ihm spazieren können, wenn ich schon frei habe.›»

Im Moment geht Walter Oggenfuss dreimal pro Woche in die Tagesstätte in Frick. Zusammen mit anderen Senioren und Demenzkranken hilft er dort den freiwilligen Betreuerinnen und Betreuern beim Kochen, beteiligt sich an Gesellschaftsspielen oder hört Musik. «Ich muss mir auch heute immer wieder sagen, dass das in Ordnung ist», sagt Trudi Oggenfuss. Die freien Tage, die Zeit für sich, geben ihr Energie und Kraft. «So kann ich mich auf den Abend freuen, wenn ‹Walti› nach Hause kommt, und ganz für ihn da sein.»

Die beiden haben ihr Leben genossen. Viel erlebt. Sie haben zusammen und alleine die Welt entdeckt. Sind mit dem Töff kurvigen Strassen entlang gefahren. «Solche Erinnerungen helfen mir sehr», sagt Trudi Oggenfuss. Heute fährt sie mit ihrem Mann manchmal eine Runde mit dem Auto. «Das Feeling ist halt nicht das Gleiche wie mit dem Töff. Aber es hilft mir, wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, und er geniesst das Autofahren.»

Einen Monat «frei»

Weite Reisen können die beiden nicht mehr unternehmen. Die Strapazen sind zu gross. Für Walter Oggenfuss, aber auch für sein Umfeld, das sich in einer fremden Umgebung um ihn kümmern muss. Im Winter hatte Trudi Oggenfuss Lust, Ski zu fahren. Mit ihrem Sohn und seiner Familie. Wie früher. Ein Dilemma. Denn Walter Oggenfuss konnte nicht mit. Also organisierten sie ihm ein Ferienbett in Laufenburg in der Demenzabteilung des Alterszentrums Klostermatte. «Einen Monat lang musste ich nichts organisieren und nicht auf ihn aufpassen. Das war irrsinnig», schwärmt Trudi Oggenfuss, nicht ohne anzufügen, dass sie das schlechte Gewissen plagte. «Es hat viele Tränen gegeben, als ich ihn dort hingebracht habe. Aber das schlechte Gewissen kann man einfach nicht abstellen. Das gehört dazu.» Genauso wie die Gedanken, was die anderen Leute denken könnten, dass sie ihren «Walti» einfach so abgibt.

Der nächste Schritt

Ihre Söhne wären dafür gewesen, dass der Vater in Laufenburg in der Demenzabteilung bleibt. Er machte einen zufriedenen Eindruck und sie hatten alle ein gutes Gefühl, spürten, dass er dort in guten Händen ist. Aber Trudi Oggenfuss konnte das nicht. Nicht, wenn der Sommer vor der Türe steht. «Er sitzt so gerne draussen im Garten. Ist zufrieden, wenn er die Schüler auf dem Schulweg beobachten kann. Das macht mich auch glücklich, ihn so zu sehen.»

Dass die Demenzabteilung irgendwann aktuell wird, weiss Trudi Oggenfuss. Sie geht realistisch mit der Krankheit um. Redet nichts schön. Kennt ihre eigenen Grenzen. «Wenn er nicht mehr durchschläft und auch ich in der Nacht keine Ruhe mehr habe, ist es soweit.» Bis dann arbeitet sie an sich selber. Versucht, Dinge alleine zu machen, die sie immer zu zweit gemacht haben. Essen bei Freunden etwa. Feste feiern. In die Ferien gehen. Pläne schmieden.

Walter Oggenfuss steht auf. Geht ein paar Schritte um den Tisch und in den Garten. «Bist du ausgeschlafen?» – «Ja.» – «Tipptopp.»