Weit war der Weg für die Polizisten nicht, als ihnen am Sonntagmorgen kurz vor 4 Uhr eine Auseinandersetzung an einer Eritreer-Party in Aarau gemeldet wurde. Im Gemeinschaftszentrum Telli, nur ein paar hundert Meter vom Kommando der Kantonspolizei entfernt, war es zu einer Schlägerei und Messerstecherei gekommen.

Die Patrouillen hätten mehrere betrunkene Eritreer und vier verletzte Personen vorgefunden. «Offenbar ist der Alkohol ein Problem für Eritreer», sagte Max Suter, Mediensprecher der Kapo Aargau gegenüber Tele M1. Es sei in der Vergangenheit «immer wieder» zu Auseinandersetzungen gekommen, bei welchen Alkohol im Spiel war. Ein kurzer Blick in die Polizeimeldungen des vergangenen Jahres bestätigt dies.

4 Verletzte nach Messerstecherei: "Offenbar ist der Alkohol ein Problem für Eritreer"

4 Verletzte nach Messerstecherei: «Offenbar ist der Alkohol ein Problem für Eritreer»

Auf die Schlägerei zwischen betrunkenen Eritreern an einer Party im Aarauer Telli folgt ein blutiger Messerkampf. (29.1.2017)

Bei fast jeder gewalttätigen Auseinandersetzung unter Eritreern hatte es die Polizei mit Betrunkenen zu tun. Polizeisprecher Bernhard Graser sagt: «Es ist nicht so, dass diese Leute Alkohol schlecht vertragen.» In den meisten Fällen würden sie einfach zu viel trinken, oft würden Werte von 1 Promille oder mehr festgestellt.

Polizei meldet nicht jeden Fall

Graser sagt weiter, das Phänomen der Eritreer-Schlägereien sei vor vier, fünf Jahren erstmals im Aargau aufgetreten und beschäftige die Polizei seither regelmässig. «Es gibt zwei Gruppen: die älteren Eritreer, die schon länger hier sind, wie beim Vorfall am Sonntag in Aarau oder bei der Schlägerei nach einer Party in Rohr. Und die jungen, teilweise minderjährigen Eritreer, die noch auf ihren Entscheid waren, in den Asylunterkünften leben, sich oft am Bahnhof treffen und gemeinsam Bier trinken.»

Der Polizeisprecher sagt, von den rund 1000 Interventionen im Asylbereich im letzten Jahr entfalle ein beträchtlicher Teil auf tätliche Auseinandersetzungen. «Wir stellen fest, dass Eritreer tendenziell renitenter und aggressiver auftreten, als Flüchtlinge anderer Herkunft wie Syrien, Irak, Afghanistan, oder Nordafrika», führt er aus.

In den Asylunterkünften habe das Sicherheitspersonal die Situation «recht gut im Griff», sagt Graser, ausserhalb sehe dies natürlich anders aus. «Wir machen aber bei Weitem nicht bei jedem Vorfall eine Mitteilung, sondern nur dann, wenn es Verletzte gibt, ein grösseres Polizeiaufgebot ausrückt oder andere Personen im öffentlichen Raum betroffen sind.»

Alkohol in Unterkünften erlaubt

Auf das Alkoholproblem angesprochen, sagt Daniela Diener, Sprecherin des kantonalen Sozialdepartements: «Alkoholkonsum ist in den kantonalen Unterkünften, wo volljährige Asylsuchende leben, nicht verboten.»

Ein solches Verbot liesse sich bei 70 Unterkünften im ganzen Kanton mit der heutigen Betreuungsstruktur – meist keine 24-Stunden-Betreuung, sondern nur patrouillierender Nachtdienst – nicht durchsetzen.

Diener hält allerdings fest, bei Unterkünften für minderjährige Asylbewerber sowie in den unterirdischen Notspitälern sei der Alkoholkonsum gemäss Hausordnung verboten.

Alkoholisierte Bewohner, die ihre Mitbewohner oder auch die Nachbarschaft stören, werden laut Diener vom Betreuungs- oder Sicherheitspersonal aufs Zimmer geschickt und später auf ihr Verhalten angesprochen.

«Sind keine Betreuer vor Ort, kann der patrouillierende Nacht- oder Sicherheitsdienst alkoholisierte Personen zum Übernachten in eine andere Unterkunft überführen, die rund um die Uhr von Sicherheitspersonal betreut ist.»

In den Unterkünften für minderjährige Asylbewerber bespreche das Betreuungsteam das Thema Alkohol regelmässig mit den Jugendlichen. «Dabei werden auch Suchtexperten beigezogen, um die jungen Bewohner zu sensibilisieren», sagt Diener.

Auch in den anderen kantonalen Asylunterkünften versuchen die Betreuer laut der Sprecherin, präventiv dem Alkoholkonsum vorzubeugen.

Nicht nur ein Eritreer-Problem

Patrizia Bertschi, Präsidentin des Netzwerks Asyl Aargau, sagt auf Anfrage: «Ich möchte nichts beschönigen oder verharmlosen, aber Schlägereien gab es auch früher schon, das habe ich selber in meiner Jugend beobachtet, als wir an Dorffesten waren.»

Später hätten ihre Söhne von Schlägereien unter Alkoholeinfluss im Ausgang berichtet. Bertschi: «Wenn grössere Gruppen von jungen Männern – ganz egal welcher Nationalität - zuviel Alkohol trinken, kommt es leider immer wieder zu Gewaltausbrüchen.»

Sie erklärt die Häufung der Eritreer-Schlägereien im Aargau so: «Einerseits gibt es wohl aus keinem anderen Land so viele junge Männer im Asylbereich wie aus Eritrea, also ergibt sich dies zum Teil durch deren Anzahl.»

Zudem seien Syrer, Iraker oder Afghanen, von denen auch viele im Aargau leben, muslimischen Glaubens und würden deshalb tendenziell weniger Alkohol trinken.

Das Hauptproblem sieht Bertschi bei der Betreuung der minderjährigen Asylbewerber. «Es ist sehr positiv, dass der Aargau für sie inzwischen eigene Unterkünfte geschaffen hat.» Eine gute Unterbringung, eine klare Tagesstruktur, eine konsequente Betreuung mit eindeutigen Regeln – das wirke sich positiv aus.

«Spätabends und nachts sind die jungen Asylbewerber aber alleine. Es braucht unbedingt eine 24-Stunden-Betreuung», fordert Bertschi. Das brauche aber genügend Ressourcen seitens des Kantons.

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Erneut haben am Wochenende am Bahnhof Aarau alkoholisierte Eritreer gepöbelt und die Polizei beschäftigt. Wieso immer wieder solche Vorfälle?

Sie ist überzeugt: «Wir können nicht verbieten, dass Alkohol konsumiert wird.» Mit einer strikten und durchgehenden Betreuung könnten die jugendlichen Asylbewerber aber «den Umgang damit besser lernen».

Bertschi findet es falsch, dass Integrationsmassnahmen erst bei vorläufig Aufgenommenen oder Personen mit positivem Asylentscheid erfolgen. Gerade die Flüchtlinge aus Eritrea würden wohl ihr ganzes Leben in der Schweiz bleiben.

Integration vom ersten Tag an wäre aus Bertschis Sicht «eine wirkungsvolle Prävention, die mühsame Polizeieinsätze, aufwändige Arbeit für Staatsanwaltschaft und auch Gerichtsfälle vermindern könnte».

Am wichtigsten seien Deutschkurse, doch die Kapazitäten dafür seien leider beschränkt, weil die Politik die Mittel für die Integration der Flüchtlinge kürze. «Das ist von mir aus gesehen am falschen Ort gespart, um so mehr dieser Menschen landen später in der Sozialhilfe, was für den Kanton und die Gemeinden viel teurer ist», argumentiert die Asylspezialistin.