Noch nie war der öffentlich geäusserte Frust über eine gescheiterte Gemeindefusion so gross wie letztes Wochenende in Unterkulm und Oberkulm. Nach jahrelanger Vorbereitung und breit angelegtem Einbezug der Bevölkerung sagten die Oberkulmer an der Gemeindeversammlung deutlich Nein zu einem Zusammenschluss.

«Jetzt ist endlich klar, wo im Tal der Ahnungslosen das Zentrum liegt», schrieb ein Leser auf unserem Onlineportal. «Eigenständig, da lachen sogar die Gallier», spottete ein anderer. «Die Gestalt eines Wappens scheint vielen wichtiger zu sein als die finanzielle Zukunft ihrer Gemeinde», mutmasste ein Dritter.

Gescheitert waren im ersten Quartal 2013 auch die Zusammenschlüsse von Zofingen und Uerkheim, von Klingnau und Döttingen und von Birr und Birrhard. Zwar werden am 1. Januar 2014 Schinznach-Dorf und Oberflachs, Endingen und Unterendingen sowie Bremgarten und Hermetschwil-Staffeln fusionieren. Jedoch fielen diese Volksentscheide, zum Teil knapp, bereits im vergangenen Jahr.

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Zudem waren am Fusionsprojekt im Schenkenbergertal ursprünglich sieben Gemeinden beteiligt gewesen. 2013 wird als schlechter Fusionsjahrgang in die Aargauer Geschichte eingehen.

Warum eigentlich? Seit 2012 kennt der Kanton Unterstützungsbeiträge für fusionswillige Gemeinden. Jedes Fusionsprojekt hat schon mal eine Pauschale von 400 000 Franken auf sicher. Hinzu kommen weitere Mittel für Gemeinden, die ärmer sind als der Durchschnitt. Schliesslich bleibt der Finanzausgleich für weitere acht Jahre garantiert. Die Gemeinde Kulm etwa hätte insgesamt 11 Millionen kassiert.

Trotz dieser finanziellen Zückerchen ist die Zahl der Gemeinden von 2012 bis 2014 nur von 219 auf 213 zurückgegangen. Den grossen Schub gab es 2010, als gleich neun Gemeinden von der Aargauer Landkarte verschwanden. Am Geld kann es also nicht liegen. Woran dann?

Antworten liefert der gestern publizierte Gemeindestrukturbericht des Kantons Aargau, der viele interessante Zahlen enthält und folgende Schlüsse zulässt:

Der Leidensdruck ist klein: Zum Beispiel hat in den Gemeinden die Steuerkraft pro Kopf von 2005 bis 2012 im Schnitt von 2284 auf 2617 Franken zugenommen. 84 Gemeinden haben heute einen tieferen Steuerfuss als 2009, nur 27 Gemeinden haben einen höheren.

Die Zusammenarbeit ist gross: In rund 180 Gemeindeverbänden sind öffentliche Aufgaben wie Abwasserbeseitigung, Schule oder Feuerwehr organisiert. Die Verflechtung geht bis zu zehn Verbandsmitgliedschaften in rund 30 Gemeinden. Hinzu kommen geschätzt mehrere hundert Zusammenarbeitsverträge. Viele Gemeinden fühlen sich in diesem Netz gut aufgehoben und sichern sich so ein Minimum an Selbstbestimmung.

Was im Strukturbericht nicht steht: Die Identität ist wichtig. Kommt Ihnen, wenn Sie Oberkulm hören – und nicht aus Oberkulm sind –, etwas Besonderes in den Sinn? Kaum. Trotzdem bezeichnen die Fusionsgegner ihr Oberkulm als «Perle», die sie nicht vor die Säue (Unterkulm) werfen wollen. Im Ortsteil Linn der jungen Fusionsgemeinde Bözberg ist die Identifikation so stark ausgeprägt, dass die Bewohner 8100 Franken sammelten, um ihre alten Adressbezeichnungen behalten zu können (az von gestern).

Nein-Mehrheiten bei Fusionsvorlagen sind letztlich immer der besseren Mobilisierung der Gegnerschaft geschuldet. Weil bei den Befürwortern tendenziell weniger emotionale Argumente zählen, sorgt bei der nächsten Abstimmung vielleicht folgende Erkenntnis für die eine oder andere Ja-Stimme mehr: Bei allen zehn Fusionen zwischen 2006 und 2013 ist die Steuerbelastung der beteiligten Gemeinden gesunken.